Schuldenkrise (Fortsetzung des gestrigen Artikels)
Dr. Martin Weiss (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen
vom 5. Mai 2009, 16:00 Uhr
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(Fortsetzung des gestrigen Artikels)
Ein Blick nach Großbritannien
In Großbritannien kam es bereits zu ersten Problemen bei der Staatsfinanzierung. Bei der Auktion 40-jähriger Staatsanleihen betrug die Nachfrage nur 93%. Die Auktion war also ein echter Flop, denn normalerweise sind solche Auktionen deutlich überzeichnet. Es war das erste Mal seit 1995, dass eine Auktion britischer Staatsanleihen nicht ausreichend Käufer fand.
Warum? Weil die britische Regierung marode Banken rettet und mittlerweile sogenannte toxische Anleihen kauft, und zwar noch aggressiver als das in den USA der Fall ist. Weil die britische Regierung in den ersten elf Monaten des aktuellen Fiskaljahres ein
Defizit von 75,2 Mrd. Pfund angehäuft hat, mehr als das Dreifache des Vorjahreswertes. Und weil auch das britische Staatshaushaltsdefizit wie in den USA auf dem Weg ist, die Marke von 10% des Bruttoinlandprodukts zu übersteigen.
Ein Blick nach Japan
In Japan sind marode Wertpapiere weniger das Problem. Aber die japanischen Staatsschulden betragen bereits 170% des Bruttoinlandprodukts. Die japanische Wirtschaft befindet sich seit 18 Monaten in einer Rezession, die in vielerlei Hinsicht als Teil einer
Depression bezeichnet werden muss, unter der das Land seit 18 Jahren leidet. Die japanische Regierung ist jetzt dabei, ein weiteres Konjunkturprogramm in einem Volumen von 205 Mrd. Dollar zu beschließen, mit dem das Land noch tiefer in die Verschuldung getrieben wird.
Das alles bedeutet natürlich, dass weltweit die Regierungen die Weichen für den Weg in die Katastrophe gestellt haben. Überall wollen Ihnen die Verantwortlichen weismachen, sie hätten keine andere Wahl, es gebe keine Alternative. Ohne ihre massiven Geldausgaben
auf Pump drohe Armageddon, die finale Katastrophe.
Der Staat ebnet den Weg nach Armageddon
Diese Ansicht teile ich nicht. Wir würden nur dann ein echtes Armageddon erleben, wenn Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit der wichtigsten Länder zerstört würden. Dieses Szenario könnte als Armageddon bezeichnet werden, weil damit nicht nur die Zerstörung
der Währung, sondern auch politische Instabilität und soziale Unruhen verbunden wären.
Nur Länder, die ihre Kreditfähigkeit erhalten und schützen, können dauerhaft in der Lage bleiben, Krisen zu überleben und die Bedürftigen vor ihren schlimmsten Folgen zu schützen. Das ist meiner Meinung nach das Szenario des kleineren Übels. Und früher
oder später werden alle Regierungen vor der Entscheidung stehen, welches Szenario sie zulassen wollen – ob sie wollen oder nicht. Die einzige Frage lautet: Wann wird es soweit sein?
Ja, Regierungen können Geld drucken. Aber neu gedrucktes Geld schafft keinen Wohlstand. Im Gegenteil, es zerstört bestehenden Wohlstand.
Ja, Regierungen können auf diese Weise etwas Zeit erkaufen und Problemlösungen in die Zukunft verschieben. Aber damit kaufen sie nicht das Vertrauen, das notwendig ist, um den Niedergang zu stoppen oder gar einen neuen Aufschwung zu beginnen. Es besteht sogar die Gefahr, dass sie das genaue Gegenteil bewirken. Sie zerstören das Vertrauen der Bevölkerung, die nach und nach erkennen muss, dass die Rettungsmaßnahmen nicht die gewünschte und versprochene Wirkung erzielen. Ich habe immer wieder öffentlich gewarnt – ab 2007 auch in offenen Briefen an den US-Kongress – dass die Flut von Rettungsmaßnahmen zu gering sei und zu spät erfolge, um die Schuldenkrise zu heilen, aber Gift sei für die Staatsanleihemärkte.
Die Schuldenkrise wird auch den Staat erfassen
Diese Flut transformiert eine Wall-Street-Schuldenkrise in eine Schuldenkrise des ganzen Landes – ja, sogar in eine weltweite. Sie führt zur Verlängerung und Verschlimmerung der Krise. Und sie begräbt unsere Kinder und Enkel unter einer untragbaren Schuldenlast. Und jetzt schon bereitet sie den Boden für ein Fiasko an den Staatsanleihemärkten, das die Welt noch nicht gesehen hat.
Hier ist eine Zahl, die Sie nicht vergessen sollten: 11.050.006.176.441 Dollar. Auf diesen Betrag belief sich die offizielle Staatsverschuldung der USRegierung am 1. April 2009. Mehr als 11 Billionen Dollar. Mit dieser Summe könnte man beispielsweise 66,8 Millionen Einfamilienhäuser kaufen. Oder 8,5 Mrd. Fachbildschirm-Fernsehgeräte. In Deutschland beträgt die offizielle Staatsverschuldung übrigens 1.552.084.094.625 Euro, also 1,5 Billionen Euro.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie seien in der Zeit von Christi Geburt ein sehr reicher Mensch gewesen und hätten jeden Tag 1 Mio. Dollar sparen können, jeden Tag, bis heute. Dann hätten Sie jetzt 733 Mrd. Dollar gespart. Um die Staatsschulden Amerikas zurückzahlen zu können, müssten Sie weitere 28.265 Jahre lang jeden Tag eine Mio. Dollar sparen.
Fakt ist, wir haben das Geld nicht, das zum Begleichen dieser Schulden gebraucht würde. Wir haben nur Schulden. Wir haben dieses Geld geliehen und ausgegeben. Wir haben die nationalen Ressourcen verpfändet an in- und ausländische Gläubiger. Und ein Ende dieser kurzsichtigen und unseriösen Lebensweise ist nicht in Sicht. Weder in den USA, noch in Europa oder Japan.
Wenn Medizin zu Gift wird
Das US-Finanzministerium, die USNotenbank, der amerikanische Einlagensicherungsfonds und der Kongress haben mittlerweile 14 Billionen Dollar ausgegeben, garantiert, zugesagt oder verliehen, um die Finanzindustrie zu retten und die Schuldenkrise zu bekämpfen. Damit erreichen wir Größenordnungen an der Grenze zur Absurdität – damit meine ich den Moment, an dem die Medizin zum Gift
wird, das schlimmere Folgen hat als die eigentliche Krankheit. Die erhoffte heilsame Wirkung bleibt aus.
Warum? Für jeden Dollar, der von der Regierung in Form von Rettungsprogrammen versprochen wird, verschwindet ein Dollar als Folge von Vermögenswertvernichtungen. Allein im vergangenen Jahr haben die privaten Haushalte in Amerika 12,9 Billionen Dollar Vermögensverluste erlitten – bei Immobilien, Aktien, Investmentfonds etc. Im ersten Quartal 2009 setzte sich dieser Prozess fort, ein Ende ist nicht abzusehen.
Jetzt flutet die Regierung die Märkte mit einer riesigen Menge neuer Staatsschulden, wie sie die Welt noch nie gesehen hat:
- Die Staatsverschuldung schoss im vierten Quartal 2008 um 37% nach oben.
- Jede der wöchentlich stattfindenden Auktionen von Staatsanleihen überschreitet die Marke von 100 Mrd. Dollar, ein Rekord.
- Die Neuverschuldung ist auf dem besten Weg, dieses Jahr 2,5 Billionen Dollar zu betragen.
- Washington und Wall Street scheinen davon auszugehen, dass die Nachfrage nach US-Staatsanleihen keine Grenzen kennt. Sie scheinen davon überzeugt zu sein, dass es immer möglich sein wird, neue Staatsschuldpapiere zu verkaufen. Niemand scheint es für möglich zu halten, dass die Aufnahmefähigkeit des Marktes Grenzen hat, dass die Investoren rebellieren könnten. Aber diese Annahmen sind schlicht und einfach unrealistisch.
(Erfahren Sie in der morgigen Ausgabe von Investoren Wissen, was dies alles für Sie bedeutet!)
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Dr. Martin Weiss ist ein weltweit bekannter und unabhängiger Finanzexperte, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Er und sein deutscher Kollege Herr Vogt haben die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger im letzten Jahr ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahlen Herr Dr. Weiss und Herr Vogt immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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