Schulden, Krieg gegen den Terror und Zweiter Weltkrieg
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 18. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Schulden."
Ich hatte gestern ein Interview mit einem französischen Wirtschaftsmagazin, und dabei wurde ich gefragt, warum ich so "negativ" gegenüber der US-Wirtschaft eingestellt sei.
"Das Schuldenniveau ist zu hoch. Das letzte Mal, als es so billig war, sich Geld zu leihen – in der Eisenhower-Ära, in den 1950ern – betrug der Anteil der gesamten amerikanischen Schulden an der US-Wirtschaftsleistung weniger als 150 %. Eigentlich lag diese Kennzahl immer unter 150 % ... außer zu Zeiten von Spekulationsblasen. Jetzt ist dieser Wert höher als jemals zuvor, er steht bei mehr als 300 %. Die New York Times teilt uns mit, dass sich die Schulden einer durchschnittlichen amerikanischen Familie in den letzten 13 Jahren um 50 % erhöht haben ... von 54.000 Dollar auf 79.000 Dollar. Und in den letzten 18 Monaten hat sich die Staatsverschuldung der USA um rund 2 Milliarden Dollar pro Tag erhöht."
"Natürlich geben viele Ökonomen – darunter Alan 'Spekulationsblase' Greenspan persönlich – vor, dass sie kein Problem sehen. Sie scheinen zu sagen, dass man sich für immer weiter verschulden kann. Aber wir wissen alle, dass das nicht wahr ist. Irgendwann leihen die Gläubiger einem nichts mehr ... und/oder der Schuldner selbst kann es sich nicht mehr leisten, die Zinszahlungen zu erbringen."
"Denken Sie darüber nach ... wenn man seine Schulden wirklich ins Unendliche steigern könnte, wer würde das dann nicht tun? Schuldenmachen ist heute sehr viel einfacher, als seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der Hypotheken und Kreditkarten hat ... der Jahr für Jahr seine Schulden erhöht ... oder eine Familie, die – Generation auf Generation – von ihrer immer größer werdenden Kreditlinie lebt. Oder eine Nation, der vom Rest der Welt immer mehr der weltweiten Ersparnisse geliehen werden ..."
"Mir fallen keine positiven Beispiele ein. Weil es die nicht gibt. Die Leute versuchen, von Krediten zu leben, aber normalerweise endet das schlecht ... oder sie pusten sich das Gehirn weg."
"Aber hier in Frankreich verehren wir die US-Wirtschaft", erwiderte der Reporter. "Das amerikanische Bruttoinlandsprodukt wächst schneller als das in Europa. Und sicherlich arbeiten bei der Fed einige der besten Fachleute der Welt. Die müssen die Probleme doch sehen. Die müssen doch einen Weg kennen, wie man mit ihnen fertig wird ..."
"Ah", kam meine Antwort, "überall auf der Welt denken die Leute, dass die Weltwirtschaft eine Maschine ist, und dass die Volkswirte die Wissenschaftler sind, die wissen, wie diese Maschine ordentlich funktioniert. Sie denken, dass die guten Wissenschaftler bei der Fed – wie Professor Ben Bernanke von der Princeton Universität – alle richtigen Einstellungen vornehmen werden. Das Problem ist allerdings, dass die Weltwirtschaft keine Maschine ist, und dass die Volkswirtschaftslehre eine Gesellschaftswissenschaft ist, und keine Naturwissenschaft – wenn sie überhaupt eine Wissenschaft ist. Wenn man Wasser bis zum Siedepunkt erhitzt, dann kocht es. Jedes Mal. Aber die menschlichen Antworten auf bestimmte Situationen sind unmöglich prognostizierbar. Die hängen davon ab, welche dumme Idee die Menschen von Zeit zu Zeit haben."
"Stellen Sie sich vor, sie rechnen nach und realisieren, dass – als wissenschaftliche Beobachtung – die Aktien größere Gewinne als Anleihen einbringen. Wenn das als wissenschaftlich gültige Beobachtung akzeptiert würde ... dann wäre es für Investoren irrational, ihr Geld in Anleihen zu investieren. Die Aktienkurse würden dann dramatisch steigen – was selbst hartgesottene Skeptiker überzeugen würde, die dann auch Aktien kaufen würden. Dann wären die Aktien heiß ... während die Anleihen abkühlen und einfrieren würden. Ziemlich bald hätten die Anleihen Renditen von 10 % Oder mehr (1978 konnte man mit US-Staatsanleihen 15 % Rendite erzielen!) ... und die Aktien würden überhaupt keine Rendite mehr einbringen ... und keine Hoffnung auf Kursgewinne, denn alles Geld der Welt wäre bereits in Aktien investiert."
"Aber die Beobachtung, dass Aktien die Anleihen outperformen, basiert auf dem Verhalten und den Reaktionen von Investoren aus einer Zeit, als diese nicht glaubten, dass Aktien ein besseres Investment seien. Die Aktienkurse aus diesem Zeitraum reflektierten die Ansicht, dass Aktien riskant seien ... und dass die Investoren eine größere Rendite bräuchten, als Risikoausgleich."
"Und deshalb braucht der harte, zynische Investor nicht lange, um zu sehen, dass die Aussage 'Aktien sind immer besser als Anleihen' mit Fehlern behaftet ist. Das 'smarte Geld' zieht sich aus dem kochenden Aktienmarkt zurück ... genauso wie es Warren Buffett, George Soros und Templeton größtenteils schon getan haben. (Mehr zu diesen 'alten Elite-Jungs' weiter unten ...) Die Masse der Kleinanleger bemerkt das erst später ... und dann kann es zu einem Moment der plötzlichen Panik kommen. Die Aktienkurse brechen ein. Im Endeffekt entdeckt diese Generation der Investoren dann das Risiko wieder, von dem ihre Väter und Großväter wussten, dass es immer da ist – die Art von Risiko, die eine 'Wissenschaft' nicht messen kann ... die Art von Risiko, vor dem einem auch die Zentralbank nicht schützen kann."
Alan Greenspan sieht kein Problem. Aber die Amerikaner sind sich da nicht so sicher. Das Konsumentenvertrauen ist zuletzt gefallen.
Die amerikanische Wirtschaft sei "voll auf Erholungskurs", sagen die Experten. Aber die Zwangsversteigerungen, persönlichen Pleiten und Zahlungsverzögerungen stehen auf Rekordniveau. Und höher qualifizierte Arbeiter haben es schwer, neue Jobs zu finden. Und bei den Fabrikarbeitern sind die Reallöhne pro Stunde in den letzten 30 Jahren gesunken.
Und jetzt scheint die Bärenmarkt-Rally, die von Oktober 2002 bis März 2003 ging, auszulaufen. Die Aktienkurse stiegen gestern in den USA wieder ... aber der Trend scheint nach unten gerichtet zu sein. Und gerade jetzt, wo es so aussah, als ob die Kurse für immer steigen könnten!
*** Hm, von unseren anderen Korrespondenten hört man heute mysteriöserweise nichts. Mir ist gesagt worden, dass sich das Wetter endlich verbessert hat, und dass die Sonne scheint ... sowohl in Paris als auch in New York und Frankfurt. Das würde als Erklärung helfen. Wie auch immer – dann schreibe ich heute eben mehr als sonst, alleine.
*** Die letzte Fed-Sitzung wurde ja umgehend zum "Non-Event". Nach der Pressemitteilung über das Treffen stiegen die Kurse der US-Anleihen, die Anleihenrenditen fielen deshalb. Aber viel mehr passierte nicht. Beim Eurokurs gab es kurzfristig kleinere Gewinne ... aber der Euro macht derzeit nicht viel.
*** Was muss sich Mr. Mizoguchi denken? Obwohl er eine Drittel-Billion (ja, Billion!) Dollar ausgegeben hat, um den Dollar zu stützen, fällt der Dollar gegenüber dem Yen weiter – gerade um rund 1 %. Natürlich muss er sich fragen, ob er das Geld seiner Landsleute verschwendet hat. Sicherlich muss er über alternative Verwendungsmöglichkeiten für die japanischen Ersparnisse nachdenken. Sicherlich muss er bald die Anlageform wechseln ...
*** "Wo sind die Jobs?" fragt eine Schlagzeile in der Business Week. Aber dieses arme Magazin scheint keine Ahnung zu haben. Denn die Jobs verschwinden laut Business Week wegen der "Produktivität". Darauf kann ich nur antworten: Hahaha. Die Produktivität steigt, wenn sich die Technologie und die Produktionsabläufe verbessern. Ich versuche, das klar zu verstehen, falls mich jemand fragen sollte ... also ... je reicher und produktiver wir werden, desto weniger Jobs wird es geben, richtig? Laut dieser Theorie ... wird bald keiner mehr einen Job haben, wenn sich der Fortschritt fortsetzt, was er normalerweise tut! Ha, ha, ha ...
Aber keine Sorge ... uns wird schon etwas einfallen, sagt die Business Week:
"Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass auf Wirtschaftswachstum neue Arbeitsplätze folgen, aber nicht notwendigerweise auf einfache, lineare Weise. Amerika hat eine dynamische, sich schnell verändernde Wirtschaft, die das Ideal des Ökonomen Joseph A. Schumpeter von der kreativen Zerstörung verkörpert. Wir erleben derzeit die schmerzvolle Entwicklung, dass überholte Jobs abgebaut werden, während wir noch auf die Innovationen warten, die die Jobs der Zukunft schaffen werden. Das Vertrauen Amerikas in seine Innovations-Wirtschaft ist oft getestet worden, und es ist nie enttäuscht worden. Wenn sie die Chance bekommt, dann wird die Wirtschaft die Jobs und den Reichtum liefern, so wie sie es in der Vergangenheit getan hat."
Ha, ha, ha, ha ...
*** Terrorangriffe in London sind "unausweichlich", sagen die englischen Zeitungen. Der Bürgermeister von London sagte, dass es "ein Wunder" wäre, wenn die britische Hauptstadt einem Angriff à là Madrid entkommen könnte.
*** "Haben die Kriege gegen Afghanistan und den Irak die Welt wirklich sicherer gemacht?" fragt man sich in Europa.
"Das scheint alles verrückt", so ein englischer Journalist zu mir beim gestrigen gemeinsamen Abendessen. "In London leiden wir schon seit vielen Jahren unter IRA-Bomben, oder sogar schon seit Jahrzehnten. Wir wissen, dass die IRA-Terroristen aus Irland operierten ... aber wir erklärten Irland nicht den Krieg. Osama bin Laden hätte gefangen und der Gerechtigkeit zugeführt werden können, wenn wir nicht dieses grandiose 'Krieg gegen den Terror'-Ding begonnen hätten. Ich meine, 'nation building ... Zusammenprall der Zivilisationen ... was für ein Schwachsinn. Es gibt immer schreckliche Menschen, die schreckliche Dinge tun. Die muss man jagen und der Gerechtigkeit zuführen ... aber man muss nicht jeden Spinner und Unzufriedenen gegen sich aufbringen."
"Jemand fragte Margaret Thatcher, was sie getan hätte. Hätte sie die Briten in den Irakkrieg geführt? Nein, sagte sie ... das war 'zu unsicher'. Kluge Frau. Aber sie ist eine wirkliche Konservative. Die Neokonservativen, die jetzt die amerikanische Außenpolitik übernommen haben, sind da wirklich anders."
"Ich kenne Richard Perle (ein Top-Neokonservativer Vordenker) aus meiner Zeit als Korrespondent in Washington. Ein reizender, charmanter Mann. Aber völlig verrückt."
*** Die armen Richter. Sie wollten einen alten Nazi der Gerechtigkeit zuführen, der 1944 italienische Zivilisten ermordet hatte. Aber der alte Mann starb im Alter von 95 Jahren. Ich kann nur hoffen, dass der Prozess weitergeht ... aber an einem höheren Gericht.
Wie anders dieser "Krieg gegen den Terror" gegenüber dem Zweiten Weltkrieg ist. Vorgestern war der 60. Jahrestag der "großen Flucht". Damals waren 76 Kriegsgefangene aus einem deutschen Gefangenenlager ausgebrochen. Alliierte Piloten. Dieser Ausbruch wurde im Film "Great Escape" mit Steve McQueen und James Coburn thematisiert. Typischerweise hat Hollywood in diesem Film die Amerikaner zu Helden gemacht ... aber es waren gar keine Amerikaner beteiligt. Die Flüchtenden waren größtenteils britische Piloten. Und anders als im Film entkamen letztlich nur sehr wenige. Hitler persönlich ordnete die Exekution von 50 wieder eingefangenen Piloten an, um ein Beispiel zu setzen.
Nur 6 der 76 leben heute noch. 2 von ihnen kamen vorgestern zum britischen "Imperial War Museum", um an ihre zweite Flucht zu erinnern. Denn später im Krieg hatten ihnen deutsche Wachsoldaten – reguläre Soldaten, keine SS – geholfen, zu entkommen.