Schöner Herbsttag in New York
Investors Daily
vom 30. September 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Gestern war in Manhattan ein sehr schöner Herbsttag, mit goldenem Sonnenschein ... aber es lag trotzdem Kälte in der Luft ... vergleichbar mit der Kälte, die die US-Wirtschaft ergreift.
An der Wall Street herrscht hingegen weiterhin T-Shirt Wetter. Die Investoren genießen die warme Luft eines wirtschaftlichen Hawaii. Sie glauben, dass der Aktienmarkt so angenehm wie die Gewässer von einer Südseeinsel ist, und sie erwarten süße Kursgewinne. Und niemand denkt mehr an "kleine Spekulationsblasen" oder überhaupt an Spekulationsblasen.
Die stetigen Gewinne der Aktienbörsen während der letzten Monate reflektieren ein unerschütterliches Vertrauen in eine wirtschaftliche Erholung. Kein Kurs ist für eine Aktie zu hoch, scheinen die Kleinanleger zu glauben, solange nur die Wirtschaft wächst.
Heute sieht der hoffnungsvolle US-Finanzminister nicht eine Wolke am gesamtwirtschaftlichen blauen Himmel. "Der Frühling hat begonnen", sagt er. "Ich bin zuversichtlich, dass diese wirtschaftliche Erholung nachhaltig sein wird und jede Menge neue Jobs schafft."
Der US-Finanzminister prognostiziert auch weiter steigende Zinssätze ... aber das sei gut, sagt er. "Die Zinsen sind der Preis für Kapital, und es wird einen Prozess des Kapital-Rationierens geben. Höhere Zinsen sind ein Indiz (sic!) für eine stärkere Volkswirtschaft. Ich wäre frustriert und würde mir Sorgen machen, wenn die Zinsen nicht steigen würden."
Steigende Zinsen können durchaus ein "Indiz" für wirtschaftliche Stärke sein, aber sie sind auch eine wirkliche Belastung für die wirtschaftliche Aktivität. Weder der hoch verschuldete US-Konsument noch die hoch verschuldete US-Regierung freuen sich über steigende Zinsen. Welcher Schuldner würde das schon? Die steigenden Zinsen, die der US-Finanzminister erwartet, könnten das robuste Wirtschaftswachstum, das er ebenfalls erwartet, ziemlich schnell verhindern, und stattdessen einen Abschwung schaffen.
Schuldenmachen ist die neue wirtschaftliche Mode im Land. Präsident Bush, ein Republikaner, gibt genauso mit beiden Händen das Geld aus wie die demokratischen Präsidenten Roosevelt oder Lyndon Johnson es taten. Und dennoch hat er es mit keiner Weltwirtschaftskrise zu tun. Stattdessen versucht er nur, die große Konsum- und Geldausgeben-Blase weiter anzuheizen. Und er hat Erfolg gehabt – wie die Zahlen zum zweiten Quartal zeigen.
Aber wenn man eine Menge Geld, das man nicht hat, ausgibt, dann wacht man eines Tages mit einer Menge Schulden auf, die man nicht haben will ... und es wird sehr schwer, die wieder loszuwerden (besonders, wenn die Zinsen steigen).