Schock und Ehrfurcht
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 16. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Mein Mund stand offen.
In was für einer verrückten Welt leben wir eigentlich?
Ich schreibe heute über Anleihen. US-Staatsanleihen, um genau zu sein. Man sagt, dass sie sichere Investments sind. Sind sie das wirklich?
Ich bin alt genug, um mich noch an den US-Präsidenten Eisenhower erinnern zu können. Das bedeutet, dass ich alt genug sein sollte, um zu wissen, dass die Investmentwelt voll von Überraschungen ist. Ehrlich gesagt – ich genieße sie. Dass die Leute mit den populärsten und "angesagtesten" Investments Geld verlieren sollten, erscheint mir nicht nur natürlich, sondern auch passend. Und dass sie mit den ungeliebtesten Investments Geld machen, scheint mir hingegen richtig zu sein. Es ist so, als ob die Märkte ein bisschen von Gottes Reich auf die Erde bringen würden – wo die Letzten die Ersten sein werden.
Dennoch schaudert es mich, wenn ich an den derzeitigen Status des populärsten und modischsten Investments heute denke – die US-Staatsanleihen.
Ich habe das US-Regierungsmitglied Peter G. Peterson – ich möchte nicht vom Thema ablenken, nur darauf hinarbeiten – noch nie persönlich getroffen. Aber er hat den Ruf, ehrlich, smart und ernsthaft zu sein. Wie Kurt Volker, ehemaliger Vorsitzender der US-Fed, sieht sich Peterson die Zahlen an, sagt das, was er meint und tut das, was er für notwendig hält, um das System solvent zu halten. Wenn mehr Leute wie Peterson in den USA in der Regierung säßen, dann könnten die Leute der Regierung vielleicht vertrauen.
Glücklicherweise gibt es da ja auch noch Leute wie George W. Bush und Alan Greenspan.
Mir ist vorgeworfen worden, dass ich etwas gegen Bush und Greenspan hätte. Ich verwehre mich gegen diesen Vorwurf. Ich liebe sie beide, und zwar auf ungefähr die gleiche Weise, wie ich die Darsteller der Hit-Show "Jackass" liebe. Nach so vielen Jahren der Mittelmäßigkeit ist es eine wirkliche Erleichterung, so außergewöhnlich unterdurchschnittliche Entscheidungsträger an den höchsten Stellen zu sehen. Und während fähige Männer wie Peterson oder Volker den Dollar vielleicht mit einer vernünftigen Geld- und Haushaltspolitik unterstützt hätten – was die Illusion von Papiergeld für mindestens eine weitere Generation aufrecht erhalten hätte –, scheint dieses dynamische Duo bereit zu sein, den Dollar vor unseren Augen zu zerstören. Und auch den Anleihenmarkt. Es sollte Spaß machen, zuzusehen.
"Zu den ehernen Prinzipien, für die die Republikanische Partei seit ihren Wurzeln in den 1850ern steht, gehört die Idee, dass die Regierung in Reichtum investieren sollte, und dass sie die zukünftigen Generationen vor unhaltbaren finanziellen Verpflichtungen beschützen sollte", so Peterson in der New York Times. "Das ist eine Priorität, die mich an dieser Partei immer schon angezogen hat. Zu besonderen Zeiten unserer Geschichte (besonders nach Kriegen) haben republikanische Führer dieses Prinzip geehrt, indem sie für schmerzvolle Anpassungen beim Bundeshaushalt waren, inklusive Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen."
"Allerdings hat diese große alte Partei im letzten Vierteljahrhundert diese Überzeugung aufgegeben. ( ...) Die Führung der Partei begrüßt jetzt die Idee, dass das sogenannte 'deficit spending' eine Art fiskalischer Wunderdroge sei. Man sollte diese Droge nach ihrer Ansicht regelmäßig nehmen, nur um gesund zu bleiben und man sollte diese Droge besonders intensiv nehmen, wenn man sich daneben fühlt."
Peterson erklärt, dass zu dem Zeitpunkt als George W. Bush sein Amt antrat, die Prognose für das Haushaltsdefizit der nächsten 10 Jahre bei 5,6 Billionen Dollar lag. Aber mittlerweile liegt sie bei 10 Billionen Dollar.
Das sind nur die öffentlichen Schulden. Auch die privaten Schulden sind gestiegen. Insgesamt ist der Anteil der privaten (private Haushalte plus Unternehmen) und öffentlichen Schulden von 140 % des BIP zur Zeit Eisenhowers auf fast 200 % des BIPs heute gestiegen.
Aber als vor kurzem (wir berichteten im Investor's Daily darüber) eine Studie veröffentlicht wurde, die im Auftrag des ehemaligen US-Finanzministers Paul O'Neill hergestellt worden war (während seiner Amtszeit), zeigte diese Folgendes: Wenn man die Verpflichtungen der Sozialversicherungen mitberücksichtigt, dann liegt der Gegenwartswert des Betrages, um den die zukünftigen Verpflichtungen die zukünftigen Einnahmen übersteigen, bei über 400 % des BIPs ... bei 44 Billionen Dollar.
Noch überraschender als die Diagnose ist die dilettantische Behandlung des Kranken – also des kollektiven wirtschaftlichen Organismus. Obwohl das Problem ganz klar zu viele Schulden sind, zu viele Ausgaben, zu viele Defizite (Haushalt und Außenhandelsbilanz) ... nehmen Bush und Greenspan eine riesige Spritze zur Hand und injizieren dem wirtschaftlichen Organismus noch mehr davon.
Leichte Kredite haben in den letzten 50 Jahren glückliche Gesichter gebracht. Aber man kann nicht glauben, dass die nächste Zukunft wie die letzte Vergangenheit sein wird.
Wenn Bush und Greenspan über den Pazifik sehen würden, nach Japan, dann würden sie sehen, dass es schwieriger ist, eine Inflation mit stabilen und moderaten Preissteigerungen zu produzieren, als es aussieht. Oder sie könnten an den Rio Plata sehen, nach Argentinien. Oder in die USA der 1930er Jahre.
Natürlich weiß ich ihre Antwort genau so gut, wie Sie sie kennen: Das war/ist etwas anderes. Wahr; das ist es. Aber obwohl sich die Umstände unterscheiden, könnte das Ergebnis doch das Gleiche sein.