Schmetterlinge und unkonzentrierte Elektriker belasten den Markt
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 07. Dezember 2004 18:00 Uhr
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Ich weiß, dass ich das schon seit einigen Monaten immer wieder schreibe, aber bisher immer zu Recht: Die Märkte halten sich erstaunlich stabil. Das Erstaunliche daran ist, dass es kaum etwas gibt, dass die Märkte belasten kann. Wenn ich mir ansehe, wie wenig die Ölpreis-Hausse die Märkte beeinflusst hat, wenn ich mir ansehe, wie wenig die allseits beschrieenen Gefahren, wie z.B. US-Doppeldefizit, US-Arbeitslosigkeit, Konsumschwäche, niedrige Sparquote, die Märkte belasten – dann ist das etwas, dass zum Staunen anregt.
Aus diesem Staunen kann man nur einen Schluss ziehen: Die Stabilität der Märkte ist nach wie vor bullish zu bewerten. Das bedeutet jedoch nicht sofort auch, dass es zu weiteren Kurssteigerungen kommen MUSS. Denn immer kann der sprichwörtliche Flügelschlag des Schmetterlings, der aufgrund des umgefallenen Reissackes in China erschreckt davonfliegt, eine Kettenreaktion an den Märkten auslösen, die den Aufwärtstrend beendet.
Die Börse ist ein höchst komplexes System, dass durch menschliches Verhalten im höchsten Maße beeinflusst wird. Und damit meine ich nicht nur das menschliche Verhalten der Investoren. Es ist auch das menschliche Verhalten vieler anderer Menschen ursächlich und kursbewegend. Das können Politiker, aber auch Terroristen sein, oder ein einfacher chinesischer Wanderarbeiter, der einen Protest anzettelt, aus dem ein Massenprotest in China entsteht, aus dem eine Revolution wird – woraufhin die chinesische Wirtschaft zusammenbricht und damit die Weltwirtschaft in ein Krise stürzt.
Nun gibt es nicht nur einen Einfluss, es gibt unzählige Einflüsse. Jeder einzelne Investor kann mit seinem Kauf oder Verkauf einer Aktie, der eine Tropfen sein, der ein harmonisches System in ein Chaos stürzt. Im Prinzip reicht es sogar, dass Sie nur einen Satz über eine Aktie sagen, z.B. zu einem Trader-Kollegen auf einer Party, der ihn weiterreicht. So kann eine Kettenreaktion entstehen, die eine Aktie zu Fall bringt.
Sie, meine lieben Leser, Sie haben mit Ihren Transaktionen, Ihren Aussagen, Ihrem Handeln, die theoretische Möglichkeit aus einem Aufwärtstrend einer Aktie einen Abwärtstrend zu machen. Leider werden Sie nie erfahren, dass gerade Sie es waren ... dafür ist das System zu komplex.
Wir sind jetzt sehr weit in das komplexe System hineingezoomt und haben eine kleine Kausalkette einer einzelnen Aktion herausgefiltert. Sobald man wieder herauszoomt, wird aus den einzelnen Aktionen ein Rauschen aus unzähligen Faktoren.
Dieses Rauschen bewegt sich wabernd wie ein Vogelschwarm im Herbst in die ein oder andere Richtung. Aus diesem Rauschen entstehen Marktbewegungen, so wie der Vogelschwarm in die ein oder andere Richtung fliegt. In dem Vogelschwarm an den Börsen gibt es allerdings große "Vögel", die eindeutig größeren Einfluss auf die Bewegung des Rauschens haben als andere. Beispielsweise die Zinssteigerungen der Fed. Die Kunst der Börsenanalyse ist also: Die Reaktion des Rauschens auf die Aktionen großer Vögel zu analysieren und zu erkennen.
Wenn Sie sich nun fragen, welche Analyseform dazu am besten geeignet ist. Keine! Damit sind im Umkehrschluss alle anderen zusammen interessant. Ich halte z.B. nichts von der Streiterei zwischen fundamental und technisch orientierten Analysten. Es sollten alle Möglichkeit genutzt werden. Wichtiger für mich ist jedoch, zu erfühlen, wohin das Rauschen will. Ich frage mich, wie die Märkte auf Nachrichten reagieren und was mir das sagt. Ich denke, das meinte Kostolany damit, wenn er schrieb: "Man muss lernen mit der Börse zu schwimmen, nicht gegen sie."
Gerade kommt über die Ticker, dass ein Hochhaus in Chicago brennt. Ein Feuer in einem Hochhaus ist eine ganz normal Sache, die zwar selten geschieht, aber durchaus "regelmäßig" vorkommt. Die Ursache ist unbekannt, doch käme nun heraus, dass der Hochhausbrand ein Anschlag der El-Kaida war, bekäme er eine andere Qualität.
Natürlich fürchten einige Investoren aufgrund von zwei Faktoren, es könne ein Anschlag gewesen sein. Erstens "brennendes Hochhaus" ist seit dem 11.September mit dem Begriff Anschlag unzertrennlich gekoppelt. Zweitens fand gestern ein Anschlag in Saudi-Arabien statt und rüttelte die Erinnerung an El Kaida wach. Diese beiden Faktoren können nun dazu führen, dass einige Investoren aus ihren Positionen aussteigen oder diese Positionen absichern. Das hätte Einfluss auf den Kursverlauf.
Hier hatte vielleicht ein einziger fehlgeleiteter Pyromane oder ein schlechter Elektriker einen großen Einfluss auf die Börse. Vielleicht war es auch die Frau des Elektrikers, die am Morgen einen kleinen Streit angezettelt hat, weswegen der Elektriker nicht konzentriert gearbeitet hat ...
Zum Markt. Die Umkehrsignale sind noch nicht raus aus dem Markt, haben sich aber gleichzeitig auch noch nicht bestätigt. Der Markt, insbesondere der Dax, schiebt sich seit Tagen in einer kleinen Range seitwärts. Wohin wird er ausbrechen? Warten wir ab.