Schlechte Opern und die Nachrichten
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 18. August 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Meine arme Mutter.
Zehn Jahre hat sie mit mir und meiner Familie zusammen gelebt, jetzt scheint es ihr endgültig den Mut geraubt zu haben. Sie hat sich entschlossen, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Am Montagmorgen habe ich sie zum Flughafen gebracht.
Obwohl ich nur wenig Zeit zum Schreiben habe, will ich das Folgende noch loswerden. Es stammt aus einer Rede, die ich vergangene Woche in Vancouver gehört habe.
Die Nachrichten zu sehen ist so, als sähe man eine schlechte Oper. Das ganze Geschrei lässt darauf schließen, dass etwas Wichtiges vor sich geht; aber man weiß nicht genau, was es ist. Man kennt einfach den Plot nicht.
Zuerst will ich festhalten, dass es eine komische Oper ist, die so wirkt, als könne sie jeden Moment in eine Tragödie umschlagen. Wir kennen die Figuren auf der Bühne – Verbraucher, Wirtschaftler, Politiker, Investoren und Geschäftsleute. Es sind die gleichen Typen, Clowns und Bauern, die wir eh schon kennen. Aber in der heutigen Vorführung tun diese Charaktere etwas Außergewöhnliches. Sie sind die reichsten Leute der Welt, aber sie verlassen sich auf die Ärmsten, nur um ihre Rechnungen zu bezahlen. Sie geben grundsätzlich mehr aus, als sie verdienen -und glauben, dass das auf ewig so weitergehen kann. Auf diese Weise verschulden sie sich immer mehr und glauben, dass sie niemals dafür gerade werden stehen müssen. Sie kaufen Häuser und belegen sie dann restlos mit Hypotheken – ein Zimmer nach dem anderen, bis nichts mehr davon übrig ist. Sie überfallen fremde Länder in dem Glauben, dass sie Demokratie und Freiheit verbreiten – und verlassen sich auf die Kommunisten aus China, um dafür zu bezahlen.
Aber die Leute glauben alles, was sie gerade glauben müssen. All dieser Betrug und die Illusionen – die ich ja ganz amüsant finde – sind nicht Folge des Nachdenkens, sondern der Umstände. Der Umstand, der endlich Sinn in diese seltsame Aufführung bringt, ist, dass Amerika ein Imperium ist – ganz egal, ob uns das gefällt, oder nicht. Amerika spielt auf der Bühne der Welt eine altbekannte Rolle, genau so, wie Sie und ich unsere Rollen spielen müssen – und nicht weil wir uns das so ausgedacht hätten ... sondern weil wir die sind, die wir sind, und da sind, wo wir sind. Einfache Leute spielen einfache Rollen. Sie sind deshalb nicht dümmer als die anderen. Aber es würde nicht zu ihren Charakterrollen passen, wenn sie anfingen, gründlich nachzudenken. Sie müssen ihre Rollen spielen wie jeder andere auch. Die anspruchsvolleren Leute spielen die anspruchsvolleren Rollen. Sie sind nicht schlauer als die anderen ... aber man erwartet von ihnen einfach nicht, dass sie Knochen durch die Nase tragen. Auch wir, die Bürger des bereits erwähnten Imperiums, müssen unsere Rollen spielen. Und auch das Imperium selbst muss tun, was das Imperium tun muss.
Wenn sie nun aber leugnen, dass die Vereinigten Staaten ein Imperium sind, dann sind sie genauso dumm wie ich es selber auch war. Ich habe mich selbst lange gegen diese Vorstellung gewehrt. Ich wollte einfach nicht, dass die USA ein Imperium sind. Ich dachte, es sei eine politische Entscheidung. Ich mochte die alte Republik unter Jefferson, Washington, der amerikanischen Verfassung ... eine bescheidene Nation mit einer harten Währung und mit einfachem Verstand, das wollte ich nicht aufgeben. Ich dachte, dass die Vereinigten Staaten einen Fehler machen, wenn sie die Rolle des Imperiums spielen.
Was für Dummköpfe sind wir doch gewesen. Das alles ist vollständig an der Sache vorbei. Es ging nie darum, was wir wollen. Wir hatten in diesem Zusammenhang so viel Wahl wie eine Raupe hat, ein Schmetterling zu werden.