Schlechte Nachrichten sind schlechte Nachrichten
unserem Korrespondenten Eric Fry in Manhattan in Investors Daily
vom 14. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Für ein paar Minuten behandelten die Kleinanleger schlechte News wie schlechte News. Das war vorgestern, als der Dow Jones zwischenzeitlich auf ein neues Jahrestief gefallen war. Aber schon im späteren Handel begannen die Kleinanleger, die schlechten News positiver zu sehen.
Weder das amerikanische Rekord-Handelsbilanzdefizit noch der Ölpreis bei 40 Dollar noch die amerikanischen Probleme im Irak konnten die Kleinanleger davon abhalten, dieselben Aktien, die im frühen Handel noch wie Giftmüll gemieden worden waren, zu kaufen. Der Dow Jones stieg im Handelsverlauf um imposante 200 Punkte und ging dann sogar mit einem Plus aus dem Handel. Nun ja, eine Art von technischer Erholung war wahrscheinlich lange überfällig, aber das exakte Timing einer solchen Erholung ist so schwierig vorhersehbar wie der Besuch der Schwiegermutter.
In den Nachrichten kam auch ein grausiger Bericht aus dem Irak: Ein amerikanischer Zivilist war enthauptet worden. Dieser sadistische Vergeltungsakt ist abscheulich, aber kaum überraschend. Wie wir jetzt alle wissen sollten, ist dieser "Krieg gegen den Terror" eine "neue" Kriegsform – eine, die zwischen Soldaten und Zivilisten keine großen Unterschiede macht. Aber wie althergebrachte Kriege, so wird auch die Kampagne gegen den Terror – Ende offen – extrem teuer werden. Die nicht bezifferbaren Kosten werden die Verluste an Menschenleben beinhalten, und den Zuwachs an weltweitem Hass. Und die finanziellen Kosten werden wahrscheinlich Billionen erreichen, und wahrscheinlich werden sie den Dollar als Kollateralschaden fordern.
Auch das steigende amerikanische Handelsbilanzdefizit drückt auf den Dollar. Die Amerikaner saugen Importe ein wie ein Elefant mit seinem Rüssel Erdnüsse. Im März ist das US-Handelsbilanzdefizit um 9,1 % gestiegen, die Importe von Güter und Dienstleistungen kletterten um 4,6 % auf den Rekordwert von 140,7 Milliarden Dollar (das war auch der höchste monatliche Zuwachs seit März 1993). Soviel zu der These, dass ein schwacher Dollar den amerikanischen kollektiven Appetit auf ausländische Waren zügeln würde.
So hat z.B. der im März schwächere Dollar nicht die US-Nachfrage nach Öl beeinträchtigt; er hat diese Nachfrage nur teurer gemacht. Das amerikanische Erdöl-Defizit hat sich im März um 12,2 % auf den Rekordwert von 12,5 Milliarden Dollar erhöht. Denn die Nation der Geländewagenfahrer importierte im März 331,6 Millionen Barrel Erdöl, oder 10,7 Millionen pro Tag. Im Februar waren es 287,8 Millionen Barrel oder 9,9 Millionen pro Tag gewesen.
Das bringt mich zu einer weiteren negativen Nachricht: Die Energiepreise sind auf ein 20-Jahreshoch gestiegen (gemessen in Dollar). An der New Yorker Börse ist der Preis für einen Benzinkontrakt, Fälligkeit Juni, um 5 % auf 1,37 Dollar je Gallon gestiegen. Das ist der höchste Wert, seit der Handel mit Benzinkontrakten im Jahr 1984 begann.
Was von diesen Nachrichten ist bitteschön gut für die Aktienkurse? Oder um es anders zu formulieren: Welcher Teil von "Chaos im Irak", "Rekord-Handelsbilanzdefizit" oder "Ölpreis bei 40 Dollar" wird den Dow Jones auf ein neues Rekordhoch befördern können?
Anders als die Aktien sind die amerikanischen Anleihen wieder ein bisschen im Hintergrund verschwunden. Dabei befindet sich der US-Anleihenmarkt seit Ende März, als die Rendite der 10järhigen Anleihen bei 3,69 % gelegen hatte, im freien Fall. Aktuell steht dieser Wert bei rund 4 3/4 %, also über einen Prozentpunkt darüber. Seit Anfang März hat es der US-Anleihenmarkt nicht mehr geschafft, 3 Tage in Folge zu steigen. Das spricht dafür, dass "reale" Investoren am Bondmarkt wirklich etwas realen Schmerz spüren und deshalb WIRKLICH darüber nachdenken, ob sie lang laufende Anleihen halten sollten.
Ich werfe ihnen solche Gedanken nicht vor; auch ich würde mir Sorgen machen ... wenn ich US-Staatsanleihen besitzen würde.
Aber sollten sich nicht auch die Aktieninvestoren ein bisschen wegen der steigenden Zinsen Sorgen machen? Ein Zyklus von steigenden Zinsen ist Grund genug für jeden Aktienmarkt, Probleme zu bekommen – ganz zu schweigen von einem Aktienmarkt, der so hoch bewertet ist wie der amerikanische des Jahres 2004. Wenn der Aktienmarkt erst einmal hoch am Galgen der steigenden Zinsen hängt, dann wird er vielleicht endlich sehen, dass die schlechten Nachrichten wirklich schlechte Nachrichten waren.