Schlangestehen in Washington
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 14. Juni 2004 12:00 Uhr
ENL5454
Wie versprochen machte ich mich am Donnerstag morgen auf den Weg nach Washington. Der Pendlerzug zwischen Baltimore und DC setzte mich gegen 8.30 Uhr in der Union Station ab, von wo aus bereits eine Strömung von Menschung in Richtung Westseite des Capitols auszumachen war.
Dann hieß es Schlangestehen. Und was für eine Schlange: Stellen Sie sich mal das Stendaler HO-Kaufhaus "Magnet" zu Zeiten des Arbeiter- und Bauerparadieses vor, wenn sich Gerüchte um die Anlieferung von "Honnecker-Jeans" (offiziell "Nahthosen") UND Bananen breitmachten. Nur doppelt so lang.
Da waren Soldaten und Priester, Veteranen und Pfadfinder. Es gab Babies mit Müttern und (schwänzende) Schulkinder mit ihren Großeltern. Männer in Anzug und Männer in Shorts, Frauen in Flipflops oder schmerzhaft aussehenden hochhackigen Sandalen. Da gab es Asiaten und handfeste Midwesterners, Schwarze, Braune, Gesprenkelte und Fischbauchweisse. Ein US Senator in Hämdsärmeld gab sich volksnah und eine Lichtscheue stand Schlange in wallendem Kleid, Kopftuch, Strohhut und ellbogenlangen Gartenhandschuhen.
Man hörte Südstaatenakzente aus den Carolinas und aus Georgia, Mid-Western "Twang" mit seiner diphtongierten Aussprache des "a" (wie ich es auch an der besten Ehefrau von allen schätzen gelernt habe) und den charakterischen Akzent von New Yorkern und Neuengländern. Familien waren bis zu 10 Stunden lang gefahren, um sich hier zu versammeln. Und das waren nur die paar Seelen in meiner unmittelbaren Umgebung!
Es gab kein Drängeln oder Auflaufen, keine Beschwerden über Feuchtigkeit und Hitze (immerhin schon am Morgen um die 35 Grad), sondern nur friedliche, zivilisierte Unterhaltungen von Fremden, die ein gemeinsames Bewusstsein von Verpflichtung für ein paar Stunden zusammengebracht hatte.
*** Es dauerte etwa vier Stunden, bis ich das Capitol selbst erreicht hatte ...
nach endlosen kleinen Gruppenbewegungen vorbei an berittenen Polizisten (umgeben von ganzen Trauben nüsternstreichelnder Kinder) ... Rotkreuzständen ... und Bastionen von Wasserflaschen, welche die City of Washington den Wartenden freundlicherweise gratis zur Verfügung gestellt hatte.
In der Rotunda sah ich den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Senator Bob Dole, der natürlich nicht mit uns zu warten hatte. Der flaggendrapierte Sarg im Zentrum erschien kleiner als ich erwartet hatte ... und stand auf einem samtbehangenen Holzgestell, auf dem bereits der 1865 ermordete Abraham Lincoln aufgebahrt worden war. Es herrschte absolute Stille.
Mir gegenüber stand ein junger Army-Offizier dessen Hände und Unterarme durch eine irakische Mine zerfetzt worden waren ... was ihn nicht davon abhielt seinen toten Präsidenten militärisch zu grüssen.
Michael Moore und andere dumme weiße Männer, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sich als Vorsprecher des "kleinen Mannes" auszugeben, waren nicht anwesend.
Während der vier oder fünf Minuten, die wir zur Besinnung auf den Grund unseres Besuchs zur Verfügung hatten – für mich waren das u.a. die Worte "Mr. Gorbachev, tear down that Wall" – wurden die Ehrenwachen abgelöst ... ein ebenfalls in absoluter Stille und Präzision durchgeführtes Manöver.
Wieder entlassen in die Hitze wurde mir klar, dass es soweit das Auge sah nichts Pompöses, Überzogenes, Prätenziöses oder gar Kitschiges gab. Der Mann unter der Flagge war einer von uns. Und die Leute, die vier Stunden mit mir angestanden hatten – und diejenigen, welche für die nächsten 20 Stunden folgten – waren echte Menschen, das Rückgrat des arbeitenden Amerika, nach Washington gezogen um eine ernsthaft empfundene Hochachtung vor einem Grossen der Geschichte auszudrüken.
Ronald Reagans Verdienst war, die amerikanische Bevölkerung wieder daran zu erinnern, dass sie ihre Wurzeln in der protestantischen Arbeitsethik und in der Verantwortung und Initiative des Einzelnen in der Gestaltung seines Lebens und das seiner Gemeinschaft hat – nicht in den fatalistischen und deterministischen Geistesströmungen der totalitären Systeme oder der "No Future"-Generation.
Den Respekt dieser arbeitenden Amerikaner in dieser Dimension verdient zu haben, halte ich für die größte Leistung von Reagans Leben und Dienst an der Nation.
*** Vom Erhabenen zum Banalen:
Die Zeichen mehren sich: Nach Alan Greenspan und dem Präsidenten der St. Louis Fed William Poole, deutete der Präsident der Atlanta Federal Reserve, Jack Guynn, am Freitag auf die Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung hin.
Da die US-Märkte wegen des Staatsbegräbnisses geschlossen waren, war der Effekt weniger ausgeprägt. Silber Spot-Preise jedoch lagen am Freitag wieder unterhalb von US$5,70, und auch Gold murkelte in den mitt-US$380ern herum.
Für mich sind das handfeste Indizien, dass der Tisch gedeckt ist für eine weitere spekulative Festivität, die in den nächsten 17 Tagen den Dollar hoch- und die Anti-Dollars Euro und Gold tiefer drücken wird.
Herzlichen Gruß,
Ihr
J. Christoph Amberger, Executive Publisher, The Taipan Group