Schadensbegrenzung
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 31. Januar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Man fragt sich, was sich die acht Staatschefs dabei gedacht haben. Mittlerweile ist wohl einigen klar geworden, dass die gestrige Forderung ein nicht unerheblicher diplomatischer Fehlgriff war. Im Moment scheint es darum zu gehen, wie man wieder zurückrudert ohne das Gesicht zu verlieren. So will Blair, der selbst unterschrieben hat, nun die Amerikaner doch dazu bewegen auf einen Alleingang zu verzichten. Wenn Sie meinen gestrigen Kommentar zu der Forderung der acht Staaten gelesen haben, wissen Sie warum. Es war und ist ein Freibrief für Amerika gewesen, auch ohne die Zustimmung des Weltsicherheitsrates zuzuschlagen.
Jetzt betonen die unterzeichnenden Staaten, dass es Ihnen nur darum gegangen sei, den Amerikanern ihre Verbundenheit zu demonstrieren. Schaut man sich die Auswahl der Staaten an, dann ist zumindest eins klar: Wer auch immer der Initiator dieser Aktion war, er wusste genau wen er ansprach. Staaten von denen bekannt ist, dass sie historisch, wie politisch eindeutig hinter den Amerikanern stehen oder ihnen verpflichtet sind. Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Staaten ist dieser Brief wohl gar nicht erst vorgelegt worden. Ein Schelm wer dabei Böses denkt. Das amerikanische Außenministerium beeilte sich unterdessen eine Erklärung abzugeben, sie hätten mit dieser Aktion nichts zu tun.
Es bleibt undurchsichtig. Frankreich und Deutschland versuchen diesen Brief herunterzuspielen, in dem sie auf die offizielle Erklärung vom Dienstag verweisen. In dieser hatte die EU eine Verlängerung der Waffeninspektionen gefordert. Eine solche Verlängerung steht jedoch im Moment unter keinem guten Stern: Der Chef der Waffeninspekteure Blix zeigt sich enttäuscht. Er hat heute verlautbaren lassen, dass die Kooperationswilligkeit des Iraks keineswegs gestiegen sei. Ein Suche nach Waffenvernichtungswaffen könnte noch Monate dauern, das sei aber nicht akzeptabel. Eben diese Kooperationsbereitschaft wäre jedoch die einzige Möglichkeit eine Verlängerung der Inspektionen durchzusetzen.
Ein Krieg wird also nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wollen wir hoffen, dass die Amerikaner einen Krieg nicht im Alleingang wagen. Dann würde nämlich der Weltsicherheitsrat endgültig sein Gesicht verlieren. Das könnte der Anfang vom Ende der UN sein.
Die Börsen reagieren auf dieses Spektakel deutlich. Auch wenn es nicht so aussieht. Ich hatte Ihnen die aktuelle Konsolidierung angekündigt und ich habe viele solcher Konsolidierungen erlebt. Normalerweise neigen die Börsen nach so starken Kursverlusten zu kurzen dynamischen Erholungen. Wenn Sie sich die Kursbewegungen der Indizes anschauen, dann fällt auf, dass sie zurzeit aber eher seitwärts tendieren. Auf den ersten Blick mag das auf Unentschlossenheit hinweisen. Da wir uns aber in einer Konsolidierung befinden hat es einen ganz anderen Charakter. Stellen Sie sich einfach vor: Auf einen gerade ausbrechenden Vulkan pappt jemand einen riesigen Deckel mit schweren Gewichten. Genau das passiert gerade an den Börsen. Die große kurstreibende Kraft der Konsolidierung aufgrund der extrem überverkauften Lage steht den belastenden Kräfte eines drohenden Irakkrieges entgegen. Die Börsen "fruzzeln" unter geringen Schwankungen seitwärts.
Sollte nun der Irakkrieg die Börsen gegen die eigene Auftriebskraft weiter abwürgen, dann wird der Beginn des Irakkriegs ein spannender Moment: Stellen Sie sich einfach vor, jemand würde die Gewichte von dem Deckel über dem Vulkan wegnehmen ...
Im Moment gilt: lassen Sie die Finger aus der Börse! Selbst im Daytradingbereich und sogar im Future ist traden im Moment ein Harakiriunternehmen. Die Börse gleicht eher einem wild gewordenen Roulettetisch, als einem kalkulierbaren Geschäft mit bestimmbaren Chancen/Risiko Verhältnissen.
Übrigens, wenn Sie gerade überall lesen, dass die Wirtschaftsdaten, wie zum Beispiel das Verbrauchervertrauen in Amerika nicht so rosig ist, vergessen Sie nicht: Alles leidet unter diesem Krieg. Ich möchte noch einmal diese alte Börsenweisheit vorbringen, die ich für eine der Besten "Weisheiten" im Börsengeschehen halte: Kaufe Deine Angst, verkaufe Deine Euphorie. Wenn die Angst am Größten ist ... am ersten oder zweiten Tag des Krieges ...
Aber auch von anderer Seite gibt es Unstimmigkeiten zu vermelden. Als ich heute morgen im Kölner Verkehrschaos festsaß hörte ich im Radio, der Berliner Flughafen werde bestreikt. Ich musste doch ein wenig schlucken. Gestern hatte ich Ihnen noch berichtet, dass die Gewerkschaft Verdi verkündet hatte, keine Warnstreiks zu unternehmen ... Aber Sie wissen ja: Die Lufthansa-Aktie kommt sowieso erst in Betracht, wenn sich ein Ende des Krieges abzeichnet.