Saure-Gurken-Zeit
Gastautor Christopher Corbett in Baltimore in Traders Daily
vom 14. Juli 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Es ist eine uralte Tradition des Journalismus in den USA, dass der Sommer immer eine lange Phase ist, die von den alten Schreiberlingen als „slow news days“ (Saure-Gurken-Zeit) bezeichnet wird. Der Kongress ist entspannt. Der eifrige George schneidet in Texas das Strauchwerk. Ich habe in den vergangenen Tagen über die Saure-Gurken-Zeit nachgedacht, als ich in den Nachrichten erfuhr, dass Noahs Arche in den Bergen in der Türkei gefunden wurde. (Für die Bibelgelehrten, die diese Zeilen lesen: Das ist natürlich nicht das erste Mal, dass jemand Noahs Arche gefunden hat und ich bezweifle auch sehr, dass es das letzte Mal ist.)
Ja natürlich, Noahs Arche, Big Foot, Sasquatch, ET, und der unvermeidliche Schneemensch, der Yeti, die Vorhersagen des Nostradamus, das Monster von Loch Ness, Geister, Ghule und langbeinige Biester und Dinge, die in der Nacht rumpeln, das sind alles Erscheinungen der Saure-Gurken-Zeit. Sie erzählen uns auch einiges über die erschreckende Tatsache, dass es immer noch Menschen gibt, die – nachdem wir im All waren, Polio und die Pocken ausradiert, DNA Tests entwickelt und das Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms abgeschlossen haben – immer noch an Werwölfe, Vampire und Tarotkarten glauben. Und ganze Legionen von Träumen über Entführungen durch oder über Sex mit Außerirdischen. Bücher über den absoluten Unsinn werden kistenweise verkauft und die Zeitungen drucken bis heute Horoskope. Bedenken Sie die Popularität des Da Vinci Codes (der sich 40-millionenmal in 44 Sprachen verkauft hat). Oder die Frage, worum es eigentlich bei Harry Potter geht.
Untersuchungen der letzten Jahren – die in den wichtigsten Nachrichtenagenturen verbreitet werden (keine geringeren als das Newsweek Magazin) und Untersuchungen von Universitätsforschern im Bereich der Populärkultur – beweisen, dass immer noch 75% der Amerikaner an Engeln glauben, ein Glaube, der im Grunde mittelalterlich ist.
Aber warum sollte man bei Engeln aufhören? Wie viele Amerikaner glauben, dass die Erde flach ist? Dass es Drachen und Lindwürmer gibt? Und wie steht es mit Trollen, Gnomen und Waldnymphen? Wenn Sie darüber nachdenken, dann ist es alles das gleiche – und ich denke das auch. Aber zur Hölle, ich kann dem nicht entkommen. Es ist wie ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf einer wenig befahrenen Straße.
Eine Untersuchung, die in diesem Frühjahr von Gallup Poll durchgeführt wurde, zeigt, dass mindestens die Hälfte der Menschen in diesem Land an den Kreationismus glauben, jede Theorie über die Evolution ablehnen und sich an die wörtliche Auslegung des Genesiskapitels in der Bibel halten. Oder, wie man in den Bergen von Tennessee sagt... Der Mensch kann doch kein Affe nicht sein.
Ich bin glücklich Ihnen berichten zu können, dass in diese Woche die 81. Wiederkehr des Beginns des Scopes Monkey Trial (Ein Prozess in Tennessee um ein Gesetz, dass Schulen verbietet, Theorien zu unterrichten, die die göttliche Schöpfung ablehnen.) fällt, eines der großen Medienspektakel in der Geschichte Amerikas. Der Prozess um O.J. Simpson sieht daneben blass aus.
Es erheitert mich zu wissen, dass diese Staatsangelegenheit an einem heißen Tag im Sommer in Dayton, Tennessee 1925 immer noch durchsickert im Land der freien und der Heimat der hoffnungslos leichtgläubigen. Es gibt immer noch Schulbezirke in sehr rauen Gegenden – z.B. in Kansas – wo die ungewaschenen und unbelesenen, die von den Höfen kommen, immer noch solche Themen verfolgen. Es gibt immer noch raue Hinterwälder, in denen die Frage um Genesis vs. Darwin ein ernstes Thema ist. Wir sind noch nicht sehr weit davon entfernt.
Es ist die Verurteilung von John Scopes, einem Schullehrer aus Tennesse, der angeklagt war, (entgegen den geltenden Gesetzen dieser Zeit) Evolution unterrichtet zu haben. Die Geschichte war zu dieser Zeit ein großes Medienspektakel. Er wurde schuldig erklärt. Der Prozess wurde von dem Quälgeist H.L. Mencken auf die Bühne gebracht, der sich daran in einem der bekanntesten Stücke über den amerikanischen Journalismus erinnert. Aus Anlass der Jahrhundertwende wurde in einer Umfrage festgestellt, dass, die wichtigsten Autoren und Journalisten Menckens „The Hills of Zion“ als eines der besten 10 nichtfiktionalen Stücke unserer Geschichte halten. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, vermute ich. Aber die Tatsache, dass die Themen Menckens heute immer noch ein Thema sind, gibt mir schon wieder weniger Hoffnung.
Mir gefällt die Idee des National Geographic, der von einer „wissenschaftlichen“ Expedition spricht, die sich auf die Suche nach Noahs Arche macht. Ich denke, dass „Wissenschaftler“ dieses Kalibers ebenso gut nach dem heiligen Gral suchen könnten. Oder nach Camelot? Nach dem echten Kreuz? Dem Schwert Exkalibur? Big Foot? Dem Yeti. Könnten sie nicht auch gleich Eisen in Gold verwandeln? Oder schweben? Viele glauben, dass es all diese Dinge geben muss. Sie sind alle da draußen, irgendwo über dem Regenbogen, in Wolkenkuckucksheim, wo oben unten und schwarz weiß ist, in dieser Welt, die man durch den Spiegel sieht.
Der Glaube an Noahs Arche, an Engel, weinende Statuen, das Gesicht Jesu auf einer Kachel am Fußboden, auf einer Tortilla oder in einem Spiegel in einer Bar sind ein echter Beweis – wenn es eines solchen Beweises noch bedarf – dass wir einfache und unbedarfte Leute sind. Jetzt bekämpfen wir die einfachen und unbedarften Bürger des 10. Jahrhunderts im Land über dem Euphrat und dem Tigris. Sie machen uns sprachlos, wir brauchen nur in den Spiegel zu sehen.