SARS
Marc Faber in Investors Daily
vom 30. April 2003 18:00 Uhr
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Obwohl SARS nicht so ansteckend ist wie die Grippewelle von 1918, ist die Sterblichkeitsrate bei SARS höher. Und SARS zeigt, dass infektiöse Krankheiten zunehmend ein globales Problem werden. Die Fortbewegung per Flugzeug kann eine Krankheit in kürzester Zeit über die ganze Welt verbreiten.
Mit anderen Worten – wie es schon bei Krankheiten wie AIDS oder dem West Nil-Virus war: Der Ausbruch einer Epidemie irgendwo auf der Welt wird bald überall auf der Welt eine Bedrohung.
Die dichte Zusammendrängung von Menschen, Hühnern und Vieh – besonders Schweinen – im südlichen China führt dazu, dass diese Region geradezu eine Brutstätte für genetisch neue Grippewellen ist. Das konnte man schon 1997 bemerken, als es eine Grippewelle unter Hühnern gab, der mehr als eine Million Hühner zum Opfer fielen. Jeden Tag überqueren 400.000 Menschen die Grenze von Hongkong nach Festlandchina (in der letzten Zeit ist diese Zahl um 50 % zurückgegangen.)
Der Ausbruch von SARS ist ein harter Schlag für die bereits vorher verletzliche Wirtschaft von Hongkong, und es ist auch ein harter Schlag für andere asiatische Volkswirtschaften, in denen der Tourismus für bis zu 10 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verantwortlich ist.
In Hongkong sind die Einzelhandelsumsätze um 50 % zurückgegangen (!), und in den Hotels stehen 20 % der Zimmer leer. Restaurants und Kneipen leiden, die Fluggesellschaften reduzieren die Zahl ihrer Flüge nach Hongkong und nach Asien allgemein, und viele Konferenzen, die in der Region abgehalten werden sollten, sind abgesagt worden.
Die Angst vor SARS hat – ob gerechtfertigt oder nicht – die asiatischen Volkswirtschaften stärker beeinflusst als der Irakkrieg, der die apolitischen Asiaten kaum berührt hat. Dass Krankheiten wie SARS die Wirtschaft und die Geopolitik beeinflussen können, ist nichts Neues, wie der Lauf der Geschichte zeigt.
Ich sage damit nicht, dass die Angst vor SARS einen langfristigen und großen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben wird. Aber wenn diese hoch infektiöse Krankheit sich weiter unkontrolliert verbreitet, oder wenn in der Zukunft eine andere Infektion entsteht (was laut einigen Experten wahrscheinlich ist), dann sollten wir uns zumindest der Risiken bewusst sein.
Aber ich sollte auf einen Artikel von David Lague verweisen, der im Juni 2001 im Far Eastern Economic Review veröffentlicht wurde. Der Titel: "Eine tödliche Grippe, bereit zum Ausbruch." In diesem Artikel schrieb David Lague, dass die Menschheit für eine Epidemie gute Vorraussetzungen böte: Die Menschen wären nicht dazu veranlagt, Immunität zu entwickeln, und eine Krankheit könnte sich leicht von Person zu Person ausbreiten.
Lague schrieb, dass während der Hühner-Grippewelle von 1997 eventuell eine "globale Tragödie" durch das Töten aller Hühner in Hongkong abgewendet werden konnte. Damals hatte sich der Virus nicht auf Menschen übertragen. Heute hat SARS das gelernt, weshalb auch zukünftige Epidemien nicht ausgeschlossen werden können.
Eine Seuche, die eine dauernde Auswirkung auf die Weltwirtschaft hatte, war die Pest. Sie wurde meist durch Kontakt mit Infizierten oder mit Ratten bzw. ihren Flöhen übertragen.
Die Pest scheint es schon zur Zeit der Philister im 11. Jahrhundert v. Chr. gegeben zu haben. Sie tauchte in Europa im 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. auf, und dann sehr stark wieder im 14. Jahrhundert (als der "Schwarze Tod"). Die Version des 14. Jahrhunderts kam wahrscheinlich aus der Mongolei und reiste mit Karawanen durch Asien, wo sie unter Dschingis Khan (1162–1227) ihren Höhepunkt erreichte. Das Imperium von Dschingis Khan erstreckte sich über China, einen großen Teil Russlands, Iran und Irak. Boten konnten 100 Meilen pro Tag zurücklegen. Aber zusammen mit den Karawanen und Soldaten kam auch die Pest auf die Krim und dann nach Europa.
Nachdem der "Schwarze Tod" einen großen Teil der chinesischen Bevölkerung vernichtet hatte (in Hopei sollen 1331 90 % der Bevölkerung an der Pest gestorben sein), tauchte die Pest zuerst in der genuesischen Stadt Kaffa auf – die von den Mongolen belagert wurde. Die Mongolen warfen mit Katapulten infizierte Pestleichen in die Stadt (die wahrscheinlich erste Form von "biologischer Kriegsführung"). Von da aus breitete sich die Pest mit Schiffen aus Genua schnell im Mittelmeer und dann auch im nördlichen Europa aus. Nordafrika, Italien, Spanien und Frankreich wurden 1348 von der Pest erreicht, ebenso wie die Schweiz und Süddeutschland. England und das nördliche Deutschland folgten 1349. Die Pest wurde weder durch Gebete noch durch Alchemie oder das Verbrennen von Juden aufgehalten. Es wird geschätzt, dass die europäische Bevölkerung zwischen 1346 und dem Ende des 14. Jahrhunderts um ca. 30 % zurückgegangen ist.
Selbst im Jahr 1500 lag die Bevölkerungszahl dieser Gebiete immer noch deutlich niedriger als in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch der Pest. Erst 1550 war das Vor-Pest-Niveau wieder erreicht.
Es wird geschätzt, dass die chinesische Bevölkerung von 123 Millionen vor der mongolischen Invasion im Jahr 1200 auf 63 Millionen am Ende des 14. Jahrhunderts zurückgegangen ist. Man sollte bedenken, dass dichtbesiedelte Städte stärker leiden mussten als das platte Land.
Man kann sich vorstellen, dass ein Rückgang der Bevölkerung um 30–40 % in Europa bedeutende wirtschaftliche Folgen hatte. Dieser Bevölkerungsrückgang muss Druck auf die Land- und Hauspreise ausgeübt haben, und er wird wahrscheinlich den Handel reduziert haben. Auch die Nachfrage nach Lebensmitteln ging zurück, so dass der Getreidepreis zwischen dem Ende des 14. Jahrhunderts und dem Ende des 16. Jahrhunderts um 70 % einbrach.
Knapp war hingegen plötzlich Arbeitskraft. Das bedeutet, dass die Reallöhne stiegen. Das "Verbrauchervertrauen" muss in Pestzeiten schwer gelitten haben, was Konsum, Reisen und Kneipenbesuche deutlich reduziert haben muss. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was heute wirtschaftlich passieren würde, wenn eine "milde" Infektion die Bevölkerungszahl einer Stadt oder Region, oder der ganzen Welt (wegen der schnellen Übertragungsmöglichkeiten) um 5 % reduzieren würde – von 30–40 % ganz zu schweigen! Ich wünsche das der Menschheit natürlich nicht, aber das würde zeigen, wie ineffektiv die wirtschaftliche "Weisheit" von Alan Greenspan und Ben Bernanke wäre ... die der Ansicht ist, dass alle wirtschaftlichen Probleme durch die Geldpolitik gelöst werden können!
Ich bin mir sicher, dass sie die Geschichte der Seuchen sehr interessant finden ... aber was hat das mit dem heutigen Aktienmarkt und der Frage, ob die Aktien in der nächsten Woche steigen oder fallen werden, zu tun? Ich glaube, dass Investoren, die sich nur auf wirtschaftliche und finanzielle Statistiken berufen, nicht ausreichend informiert sind, um über die zukünftige Entwicklung von Aktienkursen, Anleihenkursen, Immobilien- und Rohstoffpreisen urteilen zu können.
Ich war vor kurzem auf der Durchreise auf dem Flughafen von Hongkong, und ich war schockiert, da es wie in einer Geisterstadt war. Ich übertreibe nicht! Es gab kaum Passagiere in diesem normalerweise überfüllten Flughafen. Und das ist kein Wunder: Während ich das schreibe, sind in Hongkong 164 Flüge pro Tag gestrichen worden. Cathay Pacific, die Hongkonger Fluglinie, transportiert derzeit nur ein Drittel der Passagierzahlen von vor einem Jahr. Viele Hotels und Restaurants sind einfach leer. Wenn SARS nicht schnell eliminiert wird, dann werden weitere wirtschaftliche Schwierigkeiten folgen. Unter normalen Bedingungen könnte man vielleicht darüber nachdenken, jetzt asiatische Tourismusaktien zu kaufen, da sie seit dem Ausbruch von SARS einen regelrechten Selloff hinnehmen mussten.
Wenn sich SARS allerdings weiter ausbreitet und zu weiteren Reiserestriktionen führen wird, dann werden noch niedrigere Kurse nur eine Frage der Zeit sein. Ich könnte hinzufügen, das China – das Land, in dem SARS aufkam – seinen Bürgern Reisen nach Hongkong, Malaysia und Thailand untersagt hat, als "Strafe" dafür, dass diese Länder China als Ursprungsland von SARS bezeichnet haben!
Für Tourismusziele wie Thailand, Singapur und Hongkong können die Effekte von SARS oder zukünftigen Infektionen katastrophal sein, mit langwirkenden Auswirkungen auf die Bewertungen realer und finanzieller Anlagegüter. Das gilt besonders für Hongkong, da die Wirtschaft von Hongkong besonders mit dem südlichen China verbunden ist – der Region, die für lange Zeit das Epizentrum von infektiösen Krankheiten bleiben wird.