Saisonale Schwäche vor dem Sturm auf die Allzeithochs
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 18. Januar 2012, 13:00 Uhr
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eigentlich mag ich keinen klassischen Jahresrückblick. Was nützt es mir? Vom 31. Dezember auf den 1. Januar hat sich nur die Jahreszahl geändert. Charttechnisch und fundamental ist damit immer noch alles gleich. Selbst saisonal schließt sich das neue Jahr nahtlos an das alte an.
Ein Leser-Kommentar hat mich allerdings dazu bewogen, doch einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Und dieser Rückblick passt zu meinen letzten Beiträgen, weshalb ich an dieser Stelle gerne einmal für alle Leser auf den Kommentar eingehen möchte. Verbunden damit ist nämlich ein sehr schönes praktisches Beispiel für die Beiträge der letzten beiden Tage.
August-Crash vorhergesehen?
Der Leser zitierte mich erst mit einer Aussage, die ich am vergangenen Freitag tätigte:
"Gerade die Stimmungsindikatoren, die ich hier für Sie verfolgt habe, haben die aktuelle Entwicklung frühzeitig angezeigt."
Dann übte der Leser Kritik:
"Wann waren Sie denn bearish und haben den August-2011-Abschwung der Kurse vorausgesehen? Bitte Kopie Ihres Artikels an mich, Vielen Dank"
Zwischen den Zeilen also der Vorwurf, ich hätte den August-Crash nicht kommen sehen. Dies kann ich weder leugnen, noch beschönigen. Ich habe nicht kommen sehen, dass die Kurse ZU DIESEM ZEITPUNKT einbrechen.
Genau konnte ich auch nicht beantworten, wann ich bärisch war, denn genau weiß ich auch nicht mehr, was ich wann im letzten Jahr geschrieben habe. Ich habe aber für Sie einmal einen Blick ins Newsletter-Archiv geworfen.
Ein Blick in die Vergangenheit
Werfen Sie doch einmal einen Blick auf den Artikel vom 20. Juni 2011 (Titel: "Aktienmärkte - Korrektur oder Abwärtstrend?"). Hier habe ich mich deutlich skeptisch geäußert. Insbesondere vor dem Hintergrund schwacher Konjunkturdaten.
Dies passt auch zu den Aussagen im Beitrag vom vergangenen Freitag und in den Ausführungen in dieser Woche, dass uns die Konjunkturdaten rechtzeitig zukünftige Kursverläufe anzeigen. Und über schlechte US-Konjunkturdaten hatte ich vor dem Crash haufenweise berichtet.
Schwache Konjunkturdaten in den USA
Werfen Sie doch auch einmal einen Blick in das Newsletter-Archiv und dort auf die Beiträge im Juni und Juli. Dort finden Sie genügend Beiträge, in denen ich über sehr schlechte (US-)Wirtschaftsdaten schrieb.
Beispielhaft seien hier die Beiträge vom 25. Juli ("Wirtschaftsdaten enttäuschen auf ganzer Linie")und 29. Juli ("Starke Kursverluste: Nur ein Luftholen für die Entscheidung?") genannt. Beiträge also, die ich noch sehr kurz vor dem Crash schrieb.
In den USA gab es demnach vor dem Crash bereits eine ganze Reihe von schwachen Konjunkturdaten, die für schwächere Aktienkurse sprachen. Ein ideales Beispiel für die Aussagen, die ich gestern und vorgestern getätigt habe, wonach der Aktienmarkt der fundamentalen Entwicklung folgt. Doch warum hat der Aktienmarkt die fundamentale Entwicklung nicht frühzeitig antizipiert, wie ich es doch ebenfalls schrieb, sondern ist stattdessen erst im August crashartig gefallen? Dazu gleich mehr.
Ich kann auch bärisch
Bereits am 6 Juni (Titel: "US-Indizes: Folgt die Börse der negativen konjunkturellen Entwicklung?") habe ich für den Dow Jones ein Korrekturkursziel ausgesprochen (ich kann also auch bärisch), welches am 23. bis 25. Juni erreicht werden sollte. Tatsächlich markierte der Dow genau zu diesem Zeitpunkt ein Tief.
Nach dem prognostizierten Kursverfall standen die Ampeln, auch wegen des Bruchs des Abwärtstrends, charttechnisch danach aber wieder auf grün, weshalb ich wieder bullisch wurde.
Allein anhand der Titelauswahl, die ich hier zitiert habe, sieht man, wie schlecht es zu diesem Zeitpunkt um die fundamentale Lage in den USA stand, während die Aktienmärkte noch sehr robust waren. Auch hier die Frage: warum hielten sich die Aktienmärkte so lange so stark, trotz des fundamentalen Abschwungs? Gleich kommt die Auflösung.
Auf Saisonalität x-fach hingewiesen
Noch am 20. Juli, und damit kurz vor dem Crash, hatte ich zum wiederholten Male (auch schon am 6. Juni) auf die Saisonalität und die schwachen Sommermonate hingewiesen, die bis Oktober anhalten sollten.
Sparmaßnahmen als Konjunkturbremse
Als die Wirtschaftsdaten noch durchaus positiv waren, schrieb ich bereits zum Thema Verschuldung am 18. Mai: "Doch gerade wegen der notwendigen und auch bereits umgesetzten Sparmaßnahmen, die sich in der Regel auch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken, hatte ich deutlich schlechtere Zahlen erwartet. Ich denke, das wird sich in den kommenden Quartalen aber noch zeigen." Wirft man aus heutiger Sicht einen Blick auf diese Aussage, dann hätte ich sie damals kaum besser formulieren können. Denn gerade die Sparmaßnahmen der europäischen Staaten dürften einen erheblichen Anteil an der aktuellen Konjunkturschwäche in Europa haben. Und genau zum heutigen Zeitpunkt schreiben auch viele Experten, dass und die Sparmaßnahmen der krisengeplagten Staaten noch eine ganze Weile beschäftigen können. Dies war aber für mich im Mai schon absehbar.
"Fazit für die Indizes: saisonale Schwäche vor dem Sturm auf die Allzeithochs"
Am selben Tag lautete mein "Fazit für die Indizes: saisonale Schwäche vor dem Sturm auf die Allzeithochs". Stimmt heute mehr denn je. Schauen Sie sich doch die US-Indizes (und auch den DAX) an, die genau am Ende der saisonal schwachen Zeit (September) ihre Tiefpunkte hatten und heute nur noch 4,5 % unter dem Hoch Mitte 2011 und nur 12 % unter dem Allzeithoch stehen.
Keilformation in den US-Indizes
Vergessen Sie auch bitte nicht die Keilformationen, die ich in den US-Indizes Dow Jones und S&P 500 bereits seit dem Jahr 2010 beobachtet habe. Der August-Crash ging in die zweite Runde genau zu dem Zeitpunkt, also die Kreuzunterstützung aus Keil (schwarze Aufwärtslinien) und waagerechter Unterstützung bei 11.940 Punkten (dunkelgrüne Linie) durchbrochen wurde. (In die "zweite Runde" deshalb, weil der erste Abschnitt des Crashs leider noch innerhalb des Keils stattfand.)
(Quelle: CFX-Broker) Dow Jones, Candlestick-Chart, Tageskerzen
Gerader der Bruch einer bärischen Keilformation steht für stark fallende Kurse.
August-Crash NICHT vorhergesehen!
Es gab also genug Beiträge, in denen ich mich auch sehr skeptisch äußerte. Dennoch: Ich habe den August-Crash in der Form nicht vorhergesehen. Das habe ich im Wave Daily auch mehrfach aufgegriffen (5. August: "Derjenige, der den Crash vorhergesehen hat, werfe den ersten Stein") Und ich habe auch öffentlich analysiert, wie es gerade zu diesem Zeitpunkt zu dem Crash kommen konnte.