Russland stoppt Getreideexporte
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Agrar-Rohstoffe
vom 5. August 2010, 20:00 Uhr
ENL5462
erst vor zwei Tagen haben wir darüber gesprochen und nun ist es offiziell: Russland verhängt einen Exportstopp für Getreide und die Weizenpreise schießen nach oben.
Dürre und Hitzewelle haben in Russland eine Katastrophe ausgelöst. Noch immer wüten verheerende Waldbrände, Moskau versinkt im Smog und die Zahl der Todesopfer ist weiter gestiegen. Nach Angaben der Behörden stehen inzwischen wohl 190.000 Hektar Fläche in Russland in Brand. Am Montag und Dienstag hatte ich berichtet und auch auf die Schätzungen zur Weizenernte, sowie mögliche Exportbeschränkungen seitens Russland hingewiesen.
Exportstopp
Seit heute ist es offiziell: Russland verhängt den Exportstopp. Das Ausfuhrverbot soll nach Angaben eines Sprechers ab dem 15.August gelten. Die Nachrichtenagentur Interfax geht davon aus, dass sich das Exportverbot auf Weizen, Roggen, Gerste, Mais und Mehl beziehen werde.
Höhere Gewalt
Während in Russland also das Getreide auf den Feldern verdorrt oder sogar verbrennt, haben die großen Rohstoffhändler mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen (gehabt). Zwar befinden sich die weltweiten Weizenbestände auf einem recht hohen Niveau (insbesondere in den USA: das USDA geht für den US-Weizenmarkt von einer stocks to use ratio von 50% aus und weltweit von einer stocks to use ratio von 24%), so dass an sich keine Gefahr einer weltweiten Weizenverknappung oder einer Krise wie vor zwei Jahren besteht, doch die Explosion der Weizenpreise bereitet den Rohstoffhändlern Kopfzerbrechen. Diese fragen sich nämlich, ob sie angesichts dessen ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen können. Doch diese Sorge sollte nun nicht mehr unbedingt auf den Schultern der Rohstoffhändler lasten. Denn nachdem Russland den Exportstopp ausgerufen hat, können sich auch die Händler auf einen Fall höherer Gewalt berufen und vertragliche Zusicherungen absagen.
Weizenpreise explodieren
Weizen zur Lieferung im September an der CBOT (in US-Cent pro Scheffel):
Quelle: CFX-Trader
Schon seit Anfang Juli steigen die Weizenpreise deutlich an. Seit gestern ist der Preis pro Scheffel Weizen zur Lieferung im September allerdings noch einmal um mehr als 1 US-Dollar von 6,80 US-Dollar auf 7,85 US-Dollar heute in der Spitze gestiegen und hat damit das Tageslimit von 60 US-Cent ebenso wie das höchste Level seit August 2008 erreicht. Der Dezember-Future handelt sogar über 8 USD. Auch der an der Liffe gehandelte europäische Weizen schoss heute, nach dem gestrigen Schluss bei 209 Euro pro Tonne, noch einmal bis auf 234 Euro pro Tonne in der Spitze.
Ich bleibe nach wie vor meinen zuvor getroffenen Überlegungen treu und zitiere mich noch einmal selbst:" Hierzu möchte ich noch einmal wiederholen, dass wir hier im Moment zwar den Beginn einer Übertreibungsphase in den Weizenpreisen sehen, die aber noch lange nicht beendet sein muss und sich durchaus noch einige Wochen fortsetzen kann. So lange die Hiobsbotschaften anhalten, dürften die Spekulanten den Trend wohl noch weiter verstärken. Allerdings sind die Agrarmärkte, wie die Vergangenheit lehrt, auch für schnelle starke Preisentwicklungen gut - und zwar in beide Richtungen. Spätestens wenn fundierte Ernteschätzungen für das kommende Jahr, die aktuelle heiße Nachrichtenlage wieder abmildern, kann es nach starken Preisanstiegen auch schnell wieder zu einem Rückgang kommen."
Allerdings beginnen mittlerweile schon die sorgenvollen Spekulationen auf eine Beeinträchtigung auch der kommenden russischen Winterweizen-Ernte. Denn hier steht bald die Aussaat an, die aber unter den aktuellen Bedingungen wohl eher enttäuschend ausfallen könnte.
Auch die anderen Getreidesorten ziehen mit
Auch wenn von der aktuellen Situation in Russland vor allem die Weizenpreise profitieren, denn Russland ist immerhin nach der EU und China der bedeutendste Weizenproduzent weltweit, zieht es nach wie vor auch die anderen beiden großen Getreidesorten Mais und Sojabohnen nach oben. Wobei die Sojabohnen nach wie vor, vor allem von der hohen Nachfrage Chinas profitieren. Ein Fakt der mittlerweile aber auch für Mais gilt. Denn auch hier ziehen die Importe Chinas nach rückläufiger heimischer Produktion massiv an. Hinzu kommen rückläufige US-Lagerbestände (die USA ist der weltweit größte Maisproduzent), sowie Abwärtsrevisionen, was die in den USA bepflanzte Fläche angeht und der Ethanol-Faktor (Erwartungen gehen von einer Anhebung des Ethanolanteils am Treibstoffgemisch in den USA aus).
Überhaupt erfreuen sich Agraranlagen inzwischen wieder wachsender Beliebtheit. Doch immer sollte man die fundamentalen Rahmenbedingungen im Auge behalten...das ist mit Abstand das wichtigste Kriterium für eine erfolgreiche Anlage überhaupt und in Agrarrohstoffe im besonderen. Von Arabica-Kaffee, der inzwischen ein 12-Jahres-Hoch erreicht hat, und Zucker habe ich in den fortlaufenden Updates und/oder im Wochenrück- und Ausblick bereits immer wieder berichtet (weitere Updates werden folgen, ebenso zu den übrigen Getreidesorten). Doch bisweilen können in einem Markt auch seltsam undurchsichtige Maschenschaften auftreten, wie jüngst im Kakao-Markt. Mein Kollege Michael Vaupel berichtet hierzu im Trader's Daily - eine spannende Geschichte die Sie nicht verpassen sollten.
So long liebe Leser...ich hoffe Sie sind mir nicht böse, dass ich nun die Fortsetzung unserer Gossen-Reihe auf Montag verschieben muss, aber der heutige Weizenpreissprung war mir dann doch wichtiger....morgen gibt's an dieser Stelle dann wieder wie gewohnt den Wochenrückblick...doch zuvor möchte ich Sie noch auf den höchst interessanten Gastbeitrag meines Kollegen Andreas Lambrou zum Thema Agrarrohstoffe, im 2.Teil, aufmerksam machen...ebenfalls äußerst lesenswert...damit möchte ich mich nun für heute verabschieden und Ihnen noch einen schönen Abend wünschen...bis morgen und liebe Grüße
Ihre Miriam Kraus

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