Ruin durch Überschuss an Glück
Addison Wiggin in Baltimore in Traders Daily
vom 10. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Heute möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von einem Mann namens Gary Winnick, der während des letzten großen Booms am Aktienmarkt – ich meine den, der bis März 2000 lief – zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten gehörte.
Mit ihm verbunden ist der Aufstieg und Fall von "Global Crossing" – vielleicht erinnern Sie sich an diesen einstigen Highflyer. Es ist erstaunlich, wie schnell die Investoren vergessen können. Denn die Geschichte von Gary Winnick ist weithin unbekannt, dabei könnte man aus ihr durchaus auch für die heutige Marktsituation seine Schlüsse ziehen. Doch zur Geschichte:
Gary Winnick war ein Anleihenhändler bei Drexel Burnham, bevor er fast durch Zufall ins Fiberglasgeschäft geriet. Er hatte die Möglichkeiten der Bandbreite gesehen, nachdem er für AT&T 1997 ein Unterseekabel finanziert hatte. Sein erstes Kabel brauchte 14 Monate, bis es gelegt worden war, aber es war extrem profitabel.
So entstand der simple Geschäftsplan für Global Crossing – Geld erhalten und Fiberglaskabel legen! Die ersten Schätzungen der Konstruktionskosten lagen bei rund 2,7 Milliarden US$. Das Geld floss mit Lichtgeschwindigkeit in das Hauptquartier von Global Crossing in Hamilton auf den Bermudas. Die Aktie wurde im August 1998 zu 9,50 US$ emittiert.
Acht Monate später stand der Kurs bei 60 US$ pro Aktie, was der Gesellschaft eine Marktkapitalisierung von 54 Milliarden US$ gab. Der Wert des persönlichen Anteils von Winnick an der Gesellschaft stieg auf 4,7 Milliarden US$. Er träumte bald von der Schaffung eines Untersee-Breitbandkabel-Netzwerkes, das die Kontinente verbinden und globale Telekomriesen wie die Deutsche Telekom und AT&T als Kunden haben würde.
Drei Jahre später, im November 2001, "schockte und ärgerte" Global Crossing die Investoren, indem die Gesellschaft einen Verlust von 3,35 Milliarden US$ vermeldete, mehr als 6 Mal so viel wie der Verlust im entsprechenden Vorjahresquartal. In diesem Verlust enthalten war eine 2 Milliarden US$ schwere Abschreibung auf die Beteiligung an einer anderen Gesellschaft des vergoldeten Zeitalters, Exodus Communications, die zu diesem Zeitpunkt unter dem Schutz des amerikanischen Insolvenzrechtes arbeitete.
Der Aktienkurs von Global Crossing stand Mitte November bei nur 1,24 US$ – deutlich über den 38 Cents vom 9. Oktober, aber unter den 13,30 US$ vom Juni, als George Gilder glaubte, dass diese Aktie eine sichere Wette sei. In eineinhalb Jahren hatten die Investoren ungefähr 52,9 Milliarden US$ mit der Aktie verloren.
Dennoch gab Gilder, immer noch in Halluzinationen über die Neue Ära, nicht auf. "Wenn Sie Global Crossing 1998 gekauft hätten", hatte er nur ein paar Monate früher geschrieben (im Juni 2001), "dann kauften Sie 5.000 Meilen Kabel. Heute kaufen Sie ein Netzwerk von 102.000 Meilen. Wenn Sie Global Crossing 1998 gekauft hätten, dann hätten Sie 400 Millionen US$ Umsatz gekauft.
Heute kaufen Sie über 5 Milliarden US$ Umsatz und mehr als eine Milliarde US$ bereinigten Cash Flow, mit einem Wachstum von 40 % pro Jahr. Wenn Sie Global Crossing 1998 gekauft hätten, dann hätten Sie den Traum eines weltweiten Netzes von Glasfasern und Licht gekauft. Heute kaufen Sie dieses Netz." "Wenn Sie Global Crossing 1998 gekauft hätten", so hätte ein Zyniker antworten können, "dann hätten Sie 98 % Ihres Geldes verloren."
Der Traum war ein besseres Investment als das Netz selbst. Als Global Crossing einen immer weiter steigenden Geldbetrag einsammelte und immer mehr Kabel verlegte, kam es dem Tag der Abrechnung immer näher.
Statt der "Flut" von profitablem Inhalt waren die Kabelgesellschaften bald mit einem Überangebot überschwemmt: Finanziell stand ihnen das Wasser bald so bis zum Hals, dass sie keine Hoffnung auf Entkommen mehr hatten. Während Gilder die Sterne der Telekoms beobachtete, richteten smarte Industrie-Insider ihre Augen auf die Erde und sahen die Sintflut kommen.
Deshalb waren die Investoren im November 2001 nicht mehr die warmherzigen, großzügigen Naiven, die auf dem Höhepunkt des Technologiebooms ihr Geld Global Crossing und den anderen Wunderkindern geliehen hatten. Schließlich hatten die Gläubiger die Anleihen von Global Crossing inzwischen auf 18 % des Nennwertes fallen lassen. Die gesicherten Bankschulden der Gesellschaft wurden mit 67 Cents je nominalem US$ Schuld gehandelt.
Das Geschäft mit der Bandbreite schien ein gutes Investment zu sein, als die Investoren viel Geld und wenig Bandbreite hatten. Aber bald hatten die Investoren weniger Geld und jede Menge Bandbreite. Die Preise für Bandbreite brachen ein. Währenddessen wurden laut Experten weniger als 10 % des Glasfaserkabel-Netzwerks genutzt. Und trotz dieser Überkapazitäten gab Global Crossing jedes Quartal weiterhin 500 Millionen US$ aus, um weitere Konstruktionen zu finanzieren. In dieser Phase noch mehr Kapazitäten hinzuzufügen war so, als ob ein betrunkener Partygast noch eine Flasche Wein öffnen würde.
Nicht überraschend erklärte Global Crossing am 28. Januar 2002 Bankrott, was die Gläubiger mit Verlusten von fast 4 Milliarden US$ zurückließ. Zum Zeitpunkt, als Global Crossing Bankrott erklärte, hatte Winnick Aktien für 735 Millionen US$ verkauft, und er hatte 15,8 Millionen US$ an anderen Bezügen erhalten. Winnick muss sich ziemlich smart gefühlt haben. Er hatte das getan, was er hatte tun wollen: Winnick und seine Familie hatten mehr als 600 Millionen US$ verdient, indem sie ihre Aktien in den Jahren 2000 bis 2002 verkauft hatten, selbst als Global Crossing mit einer schweren Schuldenlast, fallenden Aktienkursen und einem Industriezweig im Umschwung zu kämpfen hatte.
Winnick arrangierte es auch, im Mai 2002 10 Millionen Aktien zum Kurs von 12 US$ je Aktie zu verkaufen, eine Entscheidung, die vom "Forbes"-Magazin im Nachhinein ironisch als "gutes Timing" bezeichnet wurde, nachdem der Aktienkurs bis zum Jahresende 2002 auf 2 Cent gefallen war. Es gibt einige Dinge, von denen man zuviel haben kann, ohne Schaden zu erleiden. Aber zu viel Geld ist eine klare und präsente Gefahr für einen Menschen ... und selbst für eine gesamte Volkswirtschaft. Die Telekoms waren nicht der erste Industriezweig, der durch einen Überschuss an Glück ruiniert worden ist – und sie werden nicht die letzten sein.