Rückzug und billiges Öl
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 21. Dezember 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Die Sesselstrategen innerhalb der Umgehungsstraßen setzen darauf, dass ein zügiger Rückzug aus dem Irak der richtige Weg zu Frieden und Stabilität ist.
Sie haben dabei vielleicht den Frieden und die Stabilität unter ihrer Wählerschaft (und damit auch für ihr eigenes Mandat) im Sinn. Aber ob die Abwesenheit der amerikanischen Streitkräfte im Nahen Osten auch für diese Region Erleichterung bedeuten wird, ist eine ganz andere Frage. Schließlich war der entscheidende Fehler bei Planung und Ausführung der Befreiung, der Besetzung und des Wiederaufbaus im Irak die Annahme, dass man es mit einer Kultur zu tun haben würde, die Freiheit, Demokratie und amerikanischen Lebensstil in der gleichen Weise aufgreifen würde, wie die Deutschen und die Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg... und die Russen, die Letten, die Ungarn und die Polen nach dem Ende des Kalten Krieges.
Was die Strategen allerdings nicht bedacht haben, waren die im Irak zugrunde liegenden kulturellen Faktoren: die unüberbrückbaren Gräben und der ungelöste Hass, die schon seit Jahrhunderten dort vorherrschen und die sich jetzt – nach der Zerstörung des totalitären Dampfkessels, der all das zusammenhielt – in einem freiheitlichen Umfeld, ungezügelt und brutal äußern können.
Es ist unwahrscheinlich, dass sich daran etwas ändern wird, wenn die neu gewählten Herren Politiker anfangen, die Babys von den Veteranen zu küssen, die endgültig aus dem Irak zurückkehren.
Die Saudis haben bereits bekannt gegeben, dass sie bereit wären, die Finanzen für die irakischen Sunniten bereitzustellen, wenn es zu einem bewaffneten Konflikt gegen die vom Iran unterstützten Schiiten kommen sollte, sobald sich die amerikanischen Streitkräfte aus dem Irak zurückziehen. Saudi Arabien würde es sogar für besser halten, wenn die Amerikaner im Irak bleiben würden, und sei es nur, weil sie die irakischen Schiiten davon abhalten würden, die sunnitisch arabische Minderheit im Lande zu massakrieren.
Ein regionaler Konflikt, der die Saudis und ihre Verbündeten gegen den Iran aufbringen würde, liefert Raum für interessante Spekulationen. Da der Iran von seinen Ölumsätzen abhängig ist, um militärische und politische Abenteuer finanzieren zu können, könnte Öl wieder einmal die Rolle einer kriegerischen Waffe zugewiesen werden. Nawaf Obaid, der saudische Berater des saudischen Botschafters schrieb kürzlich einen Kommentar für die Washington Post, in dem er argumentiert, dass eine der ersten Konsequenzen aus einem Rückzug der Amerikaner aus dem Irak sein würde, dass der weltweite Ölmarkt mit billigem Öl geflutet würde, was die Preise halbieren könnte.
„Dieser Schritt hätte für den Iran verheerende Folgen, da diesem Land schon heute, trotz der hohen Ölpreise, finanzielle Schwierigkeiten drohen.“
Obaid wurde vom saudischen Botschafter gefeuert.
Es sieht so aus, als habe der Rückzug aus dem Irak zwei politische Vorzüge für die dann amtierenden Kandidaten der Demokraten bei den Wahlen 2008: Die Truppen werden wieder zuhause sein und Öl wird vielleicht endlich wieder billiger als Milch sein.
Der Nahe Osten könnte dann jedoch in Flammen stehen.