RSI: Funktionsweise und Anwendung

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Der RSI-Indikator

Der Relative Strength Index (kurz RSI) ist ein Oszillator und gehört somit (genauso wie der MACD) zu den technischen Indikatoren. Er wurde von J. Welles Wilder entwickelt und 1978 in dem Buch „New Concepts in Technical Trading Systems" das erste Mal vorgestellt. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der RSI zu einem der bekanntesten Kontratrend-Oszillatoren und ist heute mit dem MACD einer der bekanntesten technischen Indikatoren.


Neben dem MACD gehört auch der RSI zu meinen favorisierten Indikatoren, da auch er mehrere Interpretationsmöglichkeiten bietet und bei richtiger Anwendung eine ganz erfreuliche Trefferquote hat.

 

RSI - Nicht zu verwechseln mit „Relative Stärke" (RS)

Hört man den Namen RSI das erste Mal, mag man vielleicht verleitet sein zu glauben, dass der Indikator die eigene Wertentwicklung eines Papiers mit dem Verhalten anderer Werte oder Indizes vergleicht. Doch weit gefehlt. Der RSI darf trotz eines ähnlich klingenden Namens nicht mit der relativen Stärke (RS) einer Position verwechselt werden.

 

Was misst der RSI und wie wird er berechnet?

Der RSI misst die „innere Stärke" des betreffenden Wertes, ähnlich wie auch der Momentum Indikator. Das heißt, der Indikator setzt die Stärke der Abwärtsbewegungen in Relation zu der Stärke der Aufwärtsbewegungen. Das Ergebnis schwankt in einem Intervall zwischen 0 und 100.  

Die Berechnung des RSI sieht komplizierter aus, als sie es eigentlich ist:

  1. Man bildet für einen fest definierten Zeitraum (Wilder nutzte 14-Perioden) die Summe der steigenden, sowie die Summe der fallenden Tage.
  2. Die beiden Summen werden jeweils durch die Anzahl der betrachteten Perioden (wir nutzen die Standardeinstellung Wilders - 14) dividiert. Man erhält ein dadurch einen „up average"-Moving Average (MA 1)  und einen „down average"-MA 2.
  3. Zur Bechnung der Relativen Stärke teilt man den MA 1 durch den MA 2

RS = MA 1 / MA 2

  1.  Die RS wandelt man abschließend noch in einen zwischen 0 und 100 oszillierenden Index um:

RSI = 100 - 100 * [1/(1+RS)]

 

Anmerkung

Der RSI wird heutzutage gewöhnlich mit gewichteten gleitenden Durchschnitten, sog. EMAs, statt mit MAs berechnet.

Wilder überlegte sich damals also, dass ein extremer RSI-Wert (also eine hohe Anzahl steigender bzw. fallender Perioden im definierten Bemessungszeitraum, in anderen Worten ein schneller und starker An-/Abstieg), die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur in die entgegengesetzte Richtung immer weiter ansteigen lassen würde, je weiter dieser Kursausschlag erfolgt. Hierhinter steckt das Wissen um den Trendaufbau von Kursen, das besagt, dass kein Trend linear ist, sondern stets mit Korrekturen verläuft. Und in der Tat sollte Wilder mit diesem Gedanken in zahlreichen Fällen immer wieder Recht haben.

 

Interpretations- und Anwendungsmöglichkeiten des RSI:

 

1) Der RSI zur Feststellung des Überkauftheits- / Überverkauftheitsgrades

Wie ich bereits weiter oben beschrieben habe, oszilliert der RSI in einem Intervall zwischen 0 (überverkauft) und 100 (überkauft). Die Mittellinie (in gewisser Hinsicht vergleichbar mit der Nulllinie beim MACD) hat hier den Wert 50.

Notiert der RSI eines Wertes oberhalb von 70, so gilt dieser als überkauft. Notiert der RSI unter 30, ist der Wert überverkauft. Die Werte lassen sich jedoch - je nach Eigenschaft des zugrundeliegenden Kurswertes (Volatilität, Liquidität...) - auch anpassen (z.B. 80/20 oder 60/40).

Gleichzeitig können Sie durch die Änderung der Periode (statt 14 z.B. 8) den RSI empfindlicher machen. Das heißt, dieser läuft dann schneller/langsamer in die rote/grüne Zone:

 

RSI in 14-Perioden-Einstellung

Abb: Bild eines RSI in der 14-Perioden-Einstellung

 

RSI: Funktionsweise und Anwendung

Abb.: Tages-Chart eines Emerging Markets ETFs (EEM)

Im obigen Chart sehen Sie, dass RSI-Werte über 70 bei diesem ETF fast immer in der Nähe lokaler Hochpunkte zustande kommen.

Im Umkehrschluss heißt das, dass es nie falsch sein kann darüber nachzudenken, ob es (natürlich je nach Trade und Basiswert) nicht Sinn machen könnte, (Teil-)Gewinne mitzunehmen, wenn der RSI einer (Long-)Position über 70 notiert.

Denken Sie auch immer daran, den RSI, genauso wie den MACD, in verschiedenen Zeiteinheiten zu betrachten (z.B. Weekly und Daily RSI). Somit stellen Sie sicher, dass Sie auch immer das große Gesamtbild sehen und nicht zu sehr auf die kurzfristigen Schwankungen fixiert sind.

RSI: Wochen-Chart eines China ETFs

Abb.: Wochen-Chart eines China ETFs (FXI)

 

2) Der RSI zur Feststellung von bullischen/ bärischen Divergenzen

Erreicht ein Basiswert ein neues Hoch, welches nicht durch ein neues Hoch des RSI bestätigt wird, spricht man von einer bärischen Divergenz. Das Gleiche gilt umgekehrt für bullische Divergenzen.

RSI: Wochen-Chart eines S&P 500-Tracker ETFs

Abb.: Wochen-Chart eines S&P 500-Tracker ETFs (SPY)

Im oberen Chartbild markierte der S&P 500 im Zeitraum von September 2008 bis März 2009 ständig neue Tiefs, während der RSI in diesem Zeitraum stieg. Eine klassische bullische Divergenz war entstanden.

RSI: Wochen-Chart des Ölpreises der Marke

Abb.: Wochen-Chart des Ölpreises der Marke "Light Crude" (WTIC)

Auch der fulminante Ölpreisanstieg im Sommer 2008 wurde durch den RSI nicht bestätigt. Den beispiellosen Preiseinbruch ab Juli 09 sehen Sie im Chart.

Genauso wie beim MACD macht es immer Sinn, seine bestehenden Positionen auf Divergenzen mittels des RSI zu untersuchen. Sollten Warnzeichen auftreten, können Sie sich im Vorfeld auf eine eventuelle „Exit-Strategie" vorbereiten.

 

3) Weitere Anwendungsmöglichkeiten des RSI

Der Phantasie in der Anwendung und Deutung des RSI sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt.

Sie können:

  • Trendlinien an den RSI anlegen und Formationen aus dem RSI „herausdeuten" (ich halte ehrlich gesagt nicht sehr viel davon, aber es soll Trader geben, die damit gute Ergebnisse erzielen)
  • Feste Regeln implementieren, wann z.B. eine Wert bei Erreichen oder Verlassen eines bestimmten Levels gekauft oder verkauft wird (z.B. wird oftmals  das Überschreiten der 50er Schwelle als Bestätigung für einen intakten Auf- oder Abwärtstrend interpretiert)
  • Den RSI in Kombination mit anderen Indikatoren anwenden, um somit eine höhere Wahrscheinlichkeit zu erreichen (sehr zu empfehlen - seien Sie ruhig mutig und probieren Sie es einfach einmal für sich auf dem Papier aus)

Handelsstrategien alleine auf den RSI oder den MACD zu beziehen, lehne ich hingegen ab, da mir dies noch nicht präzise und treffsicher genug ist. Für mich können diese beiden Bausteine höchstens Teile eines weitaus größeren "Werkzeugkastens" sein:

 

Auch der RSI ist nur ein kleines, weiteres Puzzleteil...

...aber ein durchaus wichtiges. RSI und MACD bilden zusammengenommen schon ein gutes Team.

Wenn Sie weitere Einflussfaktoren wie den Gesamtzustand des internen Marktes (NYSE BPI), den externen Markt (Indizes wie S&P 500), Sektorrotation, Relative Stärke usw. mit einfließen lassen, wird sich Ihr Gewinnpotential in Zukunft dramatisch vervielfachen. Alles, was es braucht, ist etwas Übung, Erfahrung und die entsprechende Justierung der Feinheiten. Das ist viel Arbeit und nicht immer einfach, aber es ist machbar und lohnt sich.

Ich hoffe, Ihnen mit diesem Artikel vielleicht ein wenig auf dem holprigen Weg zum nachhaltigen Börsenerfolg geholfen zu haben, und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg an den Märkten.

 

Beste Grüße

 

Alexander Hahn

 

 

 

 

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Alexander Hahn
Alexander Hahn

Alexander Hahn ist Mathematiker, stieß Ende 2007 zum Investor Verlag und ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters Value Daily.

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Kommentar von Ulrich Gambert

Herr Hahn, bin begeisteter Leser Ihrer Rubriken und bin voll auf Ihrer Ebene. Bin 1946 geboren und seit 1975 selbständig in der Beratung von Mittelständlern tätig. BAV, Altersvorsorge, Versicherungen etc. Meine "Hintergrundrecherschen" auch über Publikationen des KOPP Verlags ( FED, BRD-Rechtmäßigkeit, Gold, Silber etc.) haben mir die Augen geöffnet. Meine Sorge ist jedoch: Wir kennen die Hintergründe, wissen was in der Welt vorgeht, können uns absichern?? Lähmt zu viel Wissen vielleicht auch? Sind die Unwissenden nicht glücklicher? In Verbundenheit Ulrich Gambert

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Kommentar von Andreas Veigel

Hallo Herr Hahn, meine große Anerkennung für Ihren "Mut", das mit dem FED so klarzustellen. Wenn man nämlich die Wahrheit über diese "kleine Gruppe herrschender Männer" auch nur berührt, dann mögen dies jene und ihre vielen Helfer ganz und gar nicht. Und mit den meisten Medien haben jene ja auch kein Problem, weil sie auch da der Boss sind. Times rückwärts. Gruß A. Veigel

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Kommentar von Werner Feneis

einfach mal Danke für Ihre zusammenfassenden Darstellungen mit wertvollem Hintergrundwissen, hier besonders in Sachen FED und auch Charttechnik, ohne dabei inhaltlich einseitig zu werden oder zu übertreiben und immer bei heiklen Punkten mit Hinweisen auf Risiken.

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