Rote Zahlen
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 16. März 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Die große Zahl wurde am letzten Tag der vergangenen Woche veröffentlicht: 58,3 Milliarden Dollar. Ich saß vor den Wochenendnachrichten und fühlte mich wie ein Bettler auf einer Hochzeit. Wer war der Typ, was hatte er hier zu schaffen? Und keiner traute sich Fragen zu stellen, denn er könnte ja ein Mitglied der anderen Sippe sein.
58 Milliarden sind eine Menge Geld. Tatsächlich ist das ein Rekord. Die Zahl beziffert den Unterschied zwischen dem, was die Amerikaner an Ausländer verkauft haben und dem, was sie von ihnen gekauft haben. Es ist eine negative Zahl. Eine Zahl, die auf den Kontenaufstellungen der Nation rot geschrieben würde, oder in Klammern gesetzt, oder mit einem Minuszeichen behaftet.
Teilte man diesen Wert unter den Familien auf, dann kämen auf jede 600 Dollar. Und das ist nur das Handelsbilanzdefizit eines einzelnen Monats, wenn man es mit zwölf multiplizierte, um den jährlichen Schaden zu berechnen, dann käme man auf 7.200 Dollar pro Familie pro Jahr. Das ist ungefähr die Menge Geld, die von der Durchschnittsfamilie pro Jahr über das Einkommen hinaus ausgegeben wird. Es ist eine so große Zahl, verglichen mit dem durchschnittlichen Einkommen einer Familie, dass ich mich frage, ob ich die Berechnung auch wirklich richtig ausgeführt habe. Auf der makroökonomischen Ebene hat Warren Buffet errechnet, dass die Nation jeden Tag 5 % mehr ausgibt, als sie verdient. Aber diese Zahlen liegen für das durchschnittliche Lumpenproletariat deutlich näher bei 10 %
In den alten Tagen des Goldstandards hätte eine Nation, die bei dieser Rechnung auf der Plusseite stand, ihren gesamten Überschuss an fremden Währungen zusammengepackt und zu den Zentralbanken der anderen Nationen gebracht. Gold war der gewöhnliche Wertmaßstab und eine ungewöhnliche Einschränkung. Es war echtes Geld. Wenn einer Nation das Gold ausging, dann ging ihr auch das Geld aus. Diese Nation konnte nicht länger Geld leihen. Sie konnte das Handelsdefizit nicht weiter ausbauen, denn wenn die fremden Währungen angeboten worden wären, dann hätte diese Nation keine Mittel gehabt, die Schulden zu begleichen. Diese Nation hätte Konkurs anmelden müssen, was auch von Zeit zu Zeit passierte.
Aber jetzt ist es schon 34 Jahre her, seit die Vereinigten Staaten ihre Überseeobligationen in Gold beglichen haben. Seitdem wurde es als einfacher empfunden, in U.S. Dollar ausgezeichnete Schatzanleihen anzubieten. Bemerkenswerterweise hat man diese im Ausland akzeptiert, als wären sie so gut wie Gold. Noch bemerkenswerter ist es, dass sie für lange Zeit nicht nur so gut wie Gold waren, sie waren sogar noch besser. Zwei Jahrzehnte lang fiel der Goldpreis, nachdem Reagan das erste Mal zum Präsidenten gewählt worden war. Die Zentralbanker aus Übersee akzeptierten die Schatzanleihen und waren sogar noch froh, sie zu haben.
Amerika hat einfach zu viel Glück gehabt. Man konnte Geld ausgeben, ohne wirklich zu zahlen. Man konnte Geld leihen, ohne wirklich zurückzuzahlen. Man konnte sich ein so tiefes Schuldenloch graben, dass man vielleicht nie wieder raus kam.
Jedoch, diese lange Glückssträhne geht jetzt zu Ende. Der Goldpreis steigt. Der Dollar fällt. Die Renditen aus Schuldverschreibungen steigen auch. Jetzt verlieren die Ausländer Geld mit ihren Schatzanleihen und gucken sich nach Alternativen um. Allein in den letzten beiden Wochen sagten die Koreaner und die Japaner, dass sie den Dollar in ihren Devisenreserven nicht mehr so hoch gewichten möchten. Auch andere Zentralbanken denken mit Sicherheit darüber nach. Privatbürger, wie Warren Buffet und Bill Gates haben es bereits getan. Die Leser dieses Newsletters sollten auch darüber nachdenken.