Rohstoffe und der Mythos von Preise nur durch Angebot und Nachfrage
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Rohstoffe
vom 5. August 2011, 12:00 Uhr
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Ein Trader´s Daily-Leser schrieb mir:
"Ich lese seit Jahren den Traders Daily und habe auch Ihr Buch gelesen über Rohstoffe. Eine Frage habe ich zu Rohstoffen: Wird der Preis zu 100% aus Angebot und Nachfrage gemacht, also soviel wie tatsächlich produziert und verbraucht wird? Oder was denken Sie wie stark können wir Investoren/Spekulanten den Preis von z.B. Weizen beeinflussen? Angenommen alle Bürger in Deutschland würden jetzt plötzlich Weizenzertifikate kaufen. Kann über diese indirekte Nachfrage der Preis (in dem Fall Weizen) mittels Zertifikate beeinflusst werden und wie stark? Wie sichert der Emittent des Zertifikates sich ab wenn viele Anleger das Weizenzertifikat kaufen? Mittels Weizenfutures?"
Meine Antwort:
Da spricht der Leser einen Aspekt an, der mir ehrlich gesagt bereits Unbehagen bereitet hat.
Denn Rohstoffe gefallen mir gerade deshalb, weil es da um "ehrliche Dinge" wie Angebot und Nachfrage geht.
Besonders bei den strategischen Metallen (mein neues Buch; Manuskript gerade abgegeben!) - da gefällt es mir, dass ich Dinge wie "Produzierende Staaten" und "Nachfrage" zusammentragen konnte. Und dann vergleichen kann, sowie die Tendenzen bestimmen etc.
Das sind reale Güter, in der Realwirtschaft benötigt, und ich finde es ist eine ehrliche Sache, wenn man knappe Güter kauft und von einem Preisanstieg profitiert.
Ich bin aber mehr und mehr davon weggekommen, auf Grundnahrungsmittel zu setzen.
Nehmen wir Weizen. Ich mag es gerne, dass am deutschen Markt mittlerweile Zertifikate auf zig Basiswerte handelbar sind. So auch auf Weizen. Da lässt sich leicht z.B. ein "1:1 Weizen-Zertifikat" kaufen, welches sich dann parallel zum Weizenpreis in Chicago entwickelt.
Es gibt Varianten mit Hebel, mit Währungssicherung, Bonus-Zertifikate, alles mögliche. Feine Sache!
Doch nun ist es so: Der Emittent, der diese Scheine verkauft, sichert sich ab. Und zwar über Weizen-Futures. In der Fachsprache heißt dass, dass der Emittent "Delta-Hedges" betreibt.
Er ist dann so positioniert, dass er mehr oder weniger "neutral" positioniert ist. Das heißt: Ob der Weizenpreis fällt oder steigt, ist dem Emittenten egal. Er verdient an Dingen wie dem Spread (Spanne zwischen An- und Verkaufskurs) und z.B. den Finanzierungskosten, die er bei Turbos erhält.
Spielen wir das durch. Wenn wirklich alle Bürger in Deutschland schlagartig Weizen-Zertifikate kaufen würden...dann hätte der Emittent dieser Zertifikate das Risiko, dass der Weizenpreis steigt. Und die von ihm verkauften Zertifikate im Kurs steigen. Wenn die Käufer dann alle verkaufen wollen, hätte er einen Verlust.
Um sich dagegen abzusichern, wird der Emittent in Chicago bei Weizen-Futures "long gehen", d.h. er wird Futures kaufen und dann ebenfalls von einem Anstieg des Weizenpreises profitieren. Und zwar in dem Maß, wie seine Zertifikate steigen. Das lässt sich ausrechnen.
Wenn der Wert der Futures fällt, hat der Emittent keinen Verlust, da auch der Kurs der von ihm ausgegebenen Zertifikate fällt.
Mit anderen Worten: Der Emittent ist wieder "neutral" positioniert.
Doch durch diese Käufe des Emittenten könnte in der Tat das eintreten, was der Leser vermutet: Der Preis der Weizen-Futures steigt. Und das kann dazu führen, dass die Weizen-Futures "durch die Bank" steigen, und auch der "Spot-Preis" für sofortige Lieferung.
Und da haben wir den Effekt = Salat: Durch den Kauf von Rohstoff-Zertifikaten können private Anleger dazu führen, dass der Preis des betreffenden Rohstoffs beeinflusst wird.
Also auch hier nichts mehr mit "hier geht es rein nach Angebot und Nachfrage (physisch)".
Wie groß dieser Effekt ist?
Unterschiedlich. Die Börsen in den USA veröffentlichen Statistiken, wer bei den Futures wie positioniert ist. Da wird unterschieden nach "Kommerziellen" (die wirklich die Ware wollen bzw. liefern), großen Spekulanten (Institutionelle) und kleine Spekulanten (kleine Fische wie wir).
Je geringer der Anteil der Kommerziellen, desto höher der Einfluss der "Spekulation".
Und bei Basiswerten wie Grundnahrungsmitteln behagt es mir gar nicht, dass der Einfluss von "Spekulation" zunimmt. Denn das könnten gierige Kleinanleger sein, die indirekt den Reispreis hochtreiben, und das spüren dann gleichzeitig Hungernde in Afrika. Etwas vereinfacht dargestellt, aber im Grunde ist es so.
Das Thema ist recht komplex. Denn teilweise profitieren auch Kleinbauern in der Dritten Welt, wenn die Agrarpreise steigen. Das hemmt auch die Landflucht. Doch die nächste Frage ist, ob die gestiegenen Preise auch ganz unten in der Kette = bei den Kleinbauern ankommen.
Kompliziertes Thema! Jedenfalls für jemanden, der beim Betrachten eines Charts des Weizen-Futures nicht nur an Charttechnik denkt. Fazit: Letztlich sind auch wir "Spekulanten", wenn wir Rohstoff-Zertifikate kaufen. Keine Frage, und ist auch grundsätzlich nicht verwerflich.
Doch beim Traden mit Scheinen auf Grundnahrungsmittel habe ich zunehmend ein Problem. Dann doch lieber "strategische Metalle", die für Luxusgüter wie iPods benötigt werden. Und unabhängig davon: Da sehe ich übrigens auch höheres Potenzial. Dies ist kein hinreichender Grund, aber er macht mir die Entscheidung natürlich leichter.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily