Rohstoffe – über Spotpreise investieren?
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Rohstoffe
vom 04. Dezember 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Trader´s Daily-Leser Dieter W. fragt:
„Die in letzter Zeit öfters beschriebene Contango/Backwardation-Situation und die daraus entstehenden Gewinne/Verluste bei Futures beim Rollen glaube ich verstanden zu haben. Meine Frage ist nun, gibt es irgendwelche Produkte/Zertifikate, die tatsächlich nur den täglichen Spotpreis z.B. bei Silber, Nickel oder Zink nachbilden, ohne ´versteckte´ Rollkosten, dafür aber vielleicht mit anderen Gebühren? Ist dies an den (sehr unterschiedlichen) Bezeichnungen zu erkennen? Die Beschreibungen auf der Homepage der Emittenten sind oft ungenügend oder falsch (…) oder die Verkaufsprospekte weisen 876 Seiten auf (Société Générale) und sind wohl bewusst unverständlich verfasst.“
Meine Antwort:
Nein, um das „Rollen“ kommen Sie als Rohstoff-Trader nicht herum! Denn die Emittenten müssen sich absichern, wenn Sie Rohstoff-Zertifikate herausgeben. Diese Absicherung geht über die jeweiligen Rohstoff-Futures. Wenn die Emittenten sich über den Spotpreis absichern wollten, würde das bedeuten, dass sie zum Spotpreis reale Rohstoffe kaufen oder verkaufen würden. Denn der Spotpreis ist nichts anderes als der Preis für sofortige Lieferung. Kein Emittent hat aber ein Interesse daran, z.B. in Chicago einige Tonnen gefrorenes Orangensaftkonzentrat geliefert zu bekommen.
Fazit: Die Rohstoff-Zertifikate beziehen sich nicht auf den Spotpreis, sondern auf Rohstoff-Futures. Das ist ja auch genau der Grund, warum ich hier im Trader´s Daily schon öfter die Thematik „Rollen“ und „Contango/Backwardation“ behandelt habe. Denn auch als privater Rohstoff-Trader sollten Sie wissen, was damit gemeint ist. Es ist zwar nur ein Faktor von vielen, aber eine extremes „Contango“ ist schon mal ein starkes Argument gegen einen Kauf.
Achja, und was die Verkaufsprospekte betrifft: Die nerven mich auch oft genug…besonders dann, wenn es ein Emittent von Zertifikaten für den deutschen Markt noch nicht einmal für nötig hält, einen deutschsprachigen Verkaufsprospekt herauszubringen.
Unabhängig davon ist alleine schon wegen der Juristensprache der Verkaufsprospekte das Durcharbeiten derselbigen der Teil meines Jobs, der mir am wenigsten Spaß macht. Aber was sein muss, muss sein! Immer wieder finde ich wertvolle Hinweise in den Verkaufsprospekten (z.B. darauf, dass der Emittent einen Schein kurz vor Knock-Out-Barriere durch „kursverstärkende Geschäfte“ am Kassamarkt in die Knock-Out-Barriere laufen lassen kann.) Da wundert es mich gar nicht, wenn unverständlich formuliert wird und ein solcher Hinweis vielleicht erst nach 30 Seiten auftaucht. Soll ja nicht jedem auf die Nase gebunden werden. Na, ich passe jedenfalls auf!
Bleiben auch Sie wachsam.
Ihr
Michael Vaupel
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