Rohstoffe: Langfristig wegen Rollverlusten diskreditiert?
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Rohstoffe
vom 21. Juni 2007 12:00 Uhr
ENL5454
Trader´s Daily-Leser Christoph L. fragt:
„Für meine Altersvorsorge habe ich Sparpläne auf verschiedene Aktienfonds. Anfang des Jahres habe ich ca. 25% in Rohstoffe umgeschichtet und zwar durch Kauf von Zertifikaten auf den RICI und den GSCI, weil ja immer wieder gesagt wird, die Rohstoffhausse würde noch 5 bis 10 Jahre dauern und ich selbst davon überzeugt bin, dass gerade das in den Indizes hoch gewichtete Rohöl auf Sicht von 20 Jahren kaum billiger werden dürfte. Wegen meines – hier – wirklich langfristigen Anlagehorizonts beunruhigt mich auch der derzeitige Rückgang der Rohölpreise nicht.“
„Dennoch frage ich mich, ob eine langfristige Anlage in Rohstoffzertifikaten tatsächlich sinnvoll ist, selbst wenn die Rohstoffpreise steigen. Man liest ja in letzter Zeit häufig, auch bei Ihnen, über Rollverluste bei in Contango stehenden Rohstoffen. Wenn man nun so ein Zertifikat über 2, 5 10 Jahre oder gar länger hält, dann hat man ja unzählige Roll-Situationen und bei vielen von denen wird man einen Rollverlust erleiden. (?)“
„Also kurz zusammengefasst: Wenn man langfristig mit steigenden Rohstoffpreisen rechnet und nicht nur relativ kurzfristig spekulieren möchte, sondern langfristig investieren, sind dann Zertifikate auf die genannten Rohstoffindizes der richtige Weg?“
Meine Antwort:
Die letzte Frage beantworte ich eindeutig mit „Ja“. Das mit den Rollverlusten stimmt, völlig richtig. Aber: Rollverluste gibt es nur bei Rohstoffen, die in Contango notieren (ich hatte diesen Begriff hier im Trader´s Daily mehrfach erklärt). Bei Rohstoffen, die in Backwardation notieren, gibt es sogar Rollgewinne.
In einem Rohstoff-Index sind normalerweise immer mindestens ein paar Rohstoffe, die in Backwardation notieren. (Aktuell sind es die Industriemetalle, bei denen gilt das ohne Ausnahme.) Das mindert die Rollverluste also schon einmal, mindestens. In guten Zeiten werden sie dadurch ganz aufgehoben, oder es fallen sogar Rollgewinne an.
Und solange der jeweilige Rohstoff-Future steigt, sind die Rollverluste/gewinne oft sogar vernachlässigenswert.
Das alles sage ich nicht einfach so daher, sondern dazu gibt es wissenschaftliche Berechnungen (zum Glück, denn das spart mir eine Menge Arbeit.) Beispiel:
Eine exzellente Yale-Studie aus dem Jahr 2004, welche diese Fragen behandelt. Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber diese Studie befasste sich mit den Rohstoff-Märkten der vorangegangenen Jahrzehnte. Und an den grundsätzlichen Erkenntnissen hat sich nichts geändert, denn beim Rohstoff-Markt sind wir in keiner „Neuen Ära“ – nein, alles ist schon einmal da gewesen. Auch der aktuelle Rohstoff-Bullenmarkt wird einmal zu Ende gehen (meiner Einschätzung nach nicht vor 2010).
Und diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum 1959-2004 Rollverluste kein Problem waren, im Gegenteil: Rohstoff-Futures schnitten besser ab als die Rohstoff-Kassapreise. Grund: Es gab oft Zeiten, in denen viele Rohstoffe in Backwardation notierten.
Fazit: Also, bitte den Punkt „Rollverluste“ nicht überbewerten! Das kann ein kleiner negativer Punkt sein, muss es aber nicht. Und wie überall im Leben gilt auch hier: „irgendwas ist immer“, nichts ist völlig makellos. Ich empfehle für die nächsten mindestens 2 Jahre Rohstoff-Zertifikate.
Achja, noch ein letzter Punkt:
Die Yale-Studie kam auch zu dem Schluss, dass Rohstoffe im Durchschnitt ähnlich hohe Renditen wie Aktien ermöglichen. Das zeigt die folgende Grafik: Je weiter rechts eine Anlageklasse eingetragen ist, desto mehr Chancen.
Bonds = Anleihen
Stocks = Aktien
Commodities = Rohstoffe
T-Bills = Amerikanische Geldmarktpapiere (sehr sicher, kurze Laufzeit bis 26 Wochen)
Gleichzeitig aber bei weniger Risiko! Auch das zeigt die Grafik: Je weiter unten, desto risikoärmer. (Gemessen an der Standardabweichung).
Das, was die meisten von Ihnen sicherlich wollen, ist: „Möglichst viel Gewinn, möglichst ohne Risiko“.
Das gibt es natürlich nicht, denn je höher die Gewinnchance, desto höher auch das Risiko. Was es aber gibt: Im Fall der Rohstoffe gleiche Gewinnchancen wie bei Aktien, aber weniger Risiko.
Beste Grüße,
Michael Vaupel
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