Risikominimierung (Teil 1 von 8)
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 8. Oktober 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
wie letzte Woche angekündigt und versprochen, beginne ich ab heute eine Serie zum Thema "Absicherungsmöglichkeiten für Ihr Portfolio". Dies wird sehr breit angelegt sein: Von einfachen Tipps (wie etwa das effektive Setzen von Stop Loss Marken bzw. verschiedene Möglichkeiten hierzu) bis hin zu professionelleren Short-Long Hedging Strategien basierend auf relativer Stärke und Sektorrotation (für die weiter Fortgeschrittenen unter Ihnen) werde ich verschiedene Mittel vorstellen, jedoch diese stets einfach und alltagsbezogen versuchen zu erklären.
Für zahlreiche (meist etwas fortgeschrittenere) Strategien empfiehlt sich u.a. der Einsatz von Optionen. Erfahrungsgemäß zucken bei dem Wort Option sehr viele Anleger zusammen und denken an hemmungsloses Gezocke bis zur Besinnungslosigkeit oder etwa an den ganzen Unsinn, welcher meist von Bankberatern verbreitet wird (Optionen sind ohne Emittent, daher gilt es, die Anleger von ihnen fernzuhalten...). Auch gibt es leider viele "Experten", welche selbst nie solide gelernt haben, mit Optionen umzugehen und sich durch ihre eigene Unkenntnis in der Vergangenheit mit Optionen die Finger verbrannten.
Immer wieder höre ich im Zusammenhang mit Optionen, dass man dabei doch "Haus und Hof" verlieren könne oder dass dies doch nur für die "vollblutigen Profis" sei. Natürlich ist ersteres teilweise richtig, wenn Sie Optionen als Lotterietickets einsetzen bzw. diese wunderbare Art von Investmentvehikel zweckentfremden; allerdings ist dies nicht auf Optionen beschränkt sondern kann mit jedem Instrument gemacht werden. Meine Botschaft an Sie ist relativ simpel: Es gibt keinen Grund zur Angst vor Optionen! In den meisten Fällen können Sie höchstens Ihren Einsatz verlieren (im Gegensatz zu wirklich für den Privatanleger gefährlichen Instrumenten wie etwa CFDs...).
Ich werde daher zunächst mit einfacheren Methoden zur Risikoabsicherung beginnen, jedoch parallel auch eine Serie zum Thema Optionen starten, so dass Sie mit diesen bestens vertraut werden. Man muss ganz sicher kein "studierter Experte" sein, um mit Optionen erfolgreich umgehen zu können; ich werde Ihnen zeigen, wie Sie diese relativ leicht meistern können. Zehntausende von Amerikanern (wenn nicht gar noch mehr) handeln regelmäßig mit Optionen. Was man jenseits des Atlantiks kann, können Sie sicher auch!
Absicherungstipp: Wie setze ich bei längerfristigen Investments (nicht kurzfristigen Trades!) Stop Loss Marken sinnvoll?
Sie alle kennen ihn sicherlich, den guten alten Stop Loss. Interessant ist, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt, einen Stop Loss zu setzen. Die meisten Anleger, die ich kenne, praktizieren oft die 20% oder 10% Methode: Ist eine Position neu eröffnet, wird 10% oder meist 20% darunter eine Stop Loss Marke gesetzt und dann später "von Hand" angepasst.
Auch wenn einige Marktteilnehmer (und auch Kollegen von mir) hierauf schwören, so halte ich von dieser Methode des, ich nenne es jetzt einmal pauschalen Stopps, nicht viel, da sie mir nicht flexibel und situationsbezogen genug ist (mehr dazu erkläre ich gleich). Viel mehr würde ich Anlegern, die solch eine Variante trotzdem nutzen möchten, einen 20% bis max. 25% Trailing Stop (bei längerfristigen Investments, nicht bei Trades) empfehlen. Dieser hat den entscheidenden Vorteil, dass er dem Investment Bewegungsfreiheit gibt, bei Kurssteigerungen automatisch mitzieht und Ihnen so Anpassungen abnimmt. Gleichzeitig zwingt Sie dieser Stop zur Disziplin. Nach 20% oder 25% Verlust (in meinem Beispiel, die Prozentzahl bestimmen letztlich Sie. Bei einem Trailing Stop sollte aber etwas Spielraum herrschen und die Prozentzahl nicht zu eng gezogen sein) ist Schluss. So gut wie alle vernünftigen Online Broker bieten solche Stopps heutzutage problemlos an.
Das beste Rezept (wenn man von so etwas bei diesem Thema überhaupt sprechen kann) ist ein Trailing Stopp in meinen Augen zwar nicht, aber für Anleger, die nicht viel nachdenken bzw. gelegentlich auch einmal ihre Ruhe haben möchten, ist er sicherlich eine gute Variante.
Strategisches Platzieren von SL-Marken mittels P&F Charts
Eine andere Methode, einen SL zu platzieren, ist, besondere Marken auf P&F Charts zur Hilfe zu nehmen. Dies ermöglicht m.E. oft ein weit besseres und deutlich überlegenes Chance-Risiko-Verhältnis als irgendeine beliebige, pauschale Prozentzahl, die einfach so angesetzt wird. Ich möchte Ihnen dies an einem Beispiel verdeutlichen. Betrachten wir hierzu den folgenden Chart:
Wie Sie sehen können, handelt es sich um einen P&F Chart von JP Morgan. Dieser Wert notiert trotz Abverkauf und Wirtschaftskrise nach wie vor, aus technischer Sicht, in einem positiven Trend, da der Kurs überhalb der bullischen Unterstützungslinie läuft (Dieses Beispiel ist natürlich keine Kaufempfehlung, sondern ich nutze den Chart nur zur Veranschaulichung). Sie erinnern sich? Aus Sicht des längerfristigen P&F Investors gilt ein Wert technisch als bullisch, wenn dieser überhalb der bullischen Unterstützungslinie, die in der Regel einen längerfristigen Aufwärtstrend markiert (und nach festen Regeln und nicht der Willkür des Betrachters nach eingesetzt wird), verläuft.
Nun bieten solche Situationen unter Einsatz des P&F Kalküls natürlich rechnerisch gesehen sehr interessante Einstiegsfenster und damit Möglichkeiten, sehr effizient Stop Loss Marken zu setzen. In wirklich stabilen Aufwärtstrends (ich habe bei diesem Wert meine begründeten Zweifel) hält die bullische Unterstützungslinie meist sehr stark. Aus diesem Grund wäre es durchaus legitim, einen (hypothetischen!) Einstieg bei 39.32 USD durchzuführen und gleichzeitig einen Stop bei $38 zu setzen, denn hier wäre der Aufwärtstrend aus Sicht des längerfristig agierenden Investors verletzt! Das Resultat? Ihr Verlustrisiko beträgt (auf die zweite Nachkommastelle gerundet) gerade einmal mikrige 3,36%!
Viele von Ihnen werden sich natürlich jetzt fragen, ob solch ein enger Stop überhaupt Sinn macht (nicht zuletzt da er kontra-intuitiv zu dem ist, an was die meisten Anleger bisher gewöhnt wurden). Dies wiederum führt natürlich zu der Frage zurück, wie stabil eine bullische Unterstützungslinie auf einem P&F Chart wirklich ist. In der aktuellen Marktsituation ist dies natürlich nicht sehr einfach, aber betrachten Sie doch einmal P&F Charts von Werten über die letzten Jahre. Sie werden überrascht sein, wie oft der Kurs nahezu exakt an der bullischen Unterstützungslinie dreht und diese nicht bricht bzw. wie lange solche Linien halten können und sehr oft auch halten (mehrere Jahre!).
Selbst in den momentanen Zeiten könnten Sie diese Methode dennoch für Ihre Engagements nutzen, denn ein Verlust von (in unserem Beispiel) 3,35% schmerzt sicher deutlich weniger als jedes Mal ein Verlust durch einen pauschal gesetzten Stop von 20% oder 25%.
Natürlich gibt es noch viel mehr Varianten, Stop Loss Marken zu setzen, aber dies sollte erst einmal ein kleiner Vorgeschmack sein. Am Freitag schildere ich Ihnen, wie ich SL Marken bei kurzfristigeren Engagements setzen würde.
Sogenannte "mentale Stopps"...
Eine abschließende Bemerkung: Von "mentalen Stopps" rate ich dringendst ab. In meinen Augen ist solch ein Vorgehen völlig widersprüchlich zum eigentlichen Sinn eines Stopps und fast schon eine wahre Unsitte. Weshalb? Einerseits soll ein Stopp Sicherheit schaffen und andererseits den Anleger zur Disziplin zwingen. Ist ein Stopp vernünftig gesetzt und etwas geht schief, so ist dies nichts weiter als eine Botschaft, die sinngemäß als "Hier stimmt etwas nicht!" verstanden werden sollte, ein sprichwörtlicher Schuss vor den Bug.
Ein mentaler Stopp schafft absolut nichts hiervon. Weder findet ein Ausstieg im Falle eines plötzlich eintretenden, unerwünschten Ereignisses statt, noch wird Disziplin eingefordert, denn der "mentale Stopp" lädt zum Selbstbetrug gerade zu ein ("So schlimm ist der Bruch doch nicht, das ist bestimmt nur ein Ausreißer..." etc.). Ich kann mir nicht helfen, aber das Wort "mentaler Stopp" erinnert mich vom Sinngehalt stets an "ein bisschen schwanger" und ich kann Ihnen von solchen "Spielchen" nur abraten.
