Risiko-und Moneymanagement 2 - Diskretionäre Stop-Loss-Setzung
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 28. April 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
nachdem ich im ersten Teil der Risiko- und Moneymanagment-Serie auf den Trail-Stop-Loss eingegangen bin, welcher nach Wahl der Parameter automatisch durch den jeweiligen Broker ausgeführt wird, schauen wir uns heute die diskretionäre (d.h. manuelle) Stop-Loss-Setzung an.
Im Gegensatz zum Trail-Stop-Loss liegt es bei der diskretionären Stop-Loss-Setzung im Ermessen des Traders, wo die Verlustbegrenzung zu setzen ist.
Der mentale Stop-Loss
Sehr viele Börsenneulinge setzen hierbei einen sog. "mentalen Stop-Loss" ein. Dabei nehmen sie sich vor, einen Wert zu verkaufen, nachdem ein bestimmtes Kursniveau überschritten wird. Kommt es allerdings dann tatsächlich zu einer „mentalen“ Stop-Loss Überschreitung, wird leider viel zu oft noch einmal überlegt, ob die Verlustbegrenzung „vielleicht nicht doch zu nahe" gewählt war und man dem Wert nicht besser "etwas mehr Luft" gibt. Nicht selten enden solche Gedankenexperimente in einer monetären Katastrophe.
Ich rate deshalb dringend davon ab, mentale Verlustbegrenzungen zu nutzen, wenn Sie sich nicht zu 100% Ihrer Disziplin sicher sein können, dass Sie auch wirklich die Position bei Überschreiten kompromisslos glatt stellen, denn dies ist oftmals weitaus schwieriger als es sich jetzt hier liest.
Mögliche Kriterien für die Stop-Loss-Setzung
Nach welchen Kriterien sollte ein diskretionär gewählter Stop-Loss in den Markt gelegt werden?
Einen Ansatz, welchem ich u.a. folge und der zu den effektivsten und einfachsten in diesem Bereich gehört, ist die Stop-Loss-Setzung unter Zuhilfenahme des Charts. Hierbei wird die Verlustbegrenzung immer unter ein Kursniveau gesetzt, welches nicht unterschritten wurde bzw. bisher "gehalten hat" (eine sog. Unterstützung).
Wenn wir uns die Definition eines Trends noch einmal vor Augen führen, welche ich erst kürzlich hier bei Investoren Wissenl erläutert habe, dann macht es Sinn, einen Stop-Loss dann zu setzen, wenn
1.) ein lokales, horizontales Unterstützungslevel gebrochen wird
2.) ein Trend nicht mehr intakt ist, die Stop-Loss Verletzung also gleichzeitig einen Trendbruch darstellt.
Darüber hinaus können natürlich zusätzliche charttechnische Kriterien, wie Trendkanäle, gleitende Durchschnitte, Fibonacci Retracements etc. mit einbezogen werden, auf welche ich jedoch aus Vereinfachungsgründen in diesem Artikel nicht eingehen will.
Schauen wir uns ein einfaches Beispiel für eine diskretionäre Stop-Loss-Setzung an.
Diskretionäre Stop-Loss-Setzung in der Praxis
Unten abgebildet sehen Sie den Chartverlauf der US-Aktie Agilent Technologies. Der Long-Einstieg sei innerhalb eines bis dato intakten Aufwärtstrends bei $20.00 erfolgt. Die Investor hat die Absicht, Agilent erst dann zu verkaufen, wenn der Trend gebrochen ist. Er hat somit kein festes Kursziel, bei welchem er die Gewinne mitnehmen will.
Den ersten Stop-Loss setzt der Investor unter das letzte, lokale Tief bei $17.00 (im übernächsten Chart unten gekennzeichnet als "1"). Würde nach dem Kauf die Aktie dieses Niveau brechen, wäre der Trend nicht mehr intakt und damit die Einstiegskriterien nicht mehr erfüllt.
Abb.: Tageschart "Agilent Technologies (A)"
Die Aktie fällt im weiteren Verlauf von $20.00 auf $18.00 zurück, um danach auf die Höhe von $21.00 zu steigen. Somit kann der Investor den Stop-Loss auf $18.00 (2, siehe Chart unten) nachziehen. Nach einem Korrekturtief bei $18.50 steigt die Aktie dynamisch bis auf $29.00. Auf diesem Niveau ist der Stop-Loss, welcher nun bei $18.50 (3) liegt, über 36% entfernt. Nicht jeder Trader hält so eine große Distanz unter mentalen Gesichtspunkten aus, weshalb es hier durchaus legitim wäre, z.B. 50% der Position glatt zu stellen und die restlichen Anteile weiter zu halten. Nachdem der Kurs von Agilent im Oktober bis auf $24.80 korrigierte, geht der Anstieg der Aktie bis auf $31.00 weiter, so dass auch hier der Stop-Loss auf Höhe der letzten Unterstützung bei $24.80 (4) nachgezogen werden konnte. Das darauf folgende Korrekturtief bei $28.00 wird nach erneutem Ausbruch der Aktie zum neuen Stop-Loss (5).
Abb.: Tageschart "Agilent Technologies (A)"
Eine Schwierigkeit, welche bei der SL-Nachziehung im Trendhandel wie hier beschrieben auftreten kann, ist, dass eine Korrektur im Tageschart mit einer Korrektur auf einer kleineren Zeitebene (z.B. Stundenchart) verwechselt und damit ein Trendbruch aus dem Chart herausgelesen wird, welcher in Wirklichkeit gar nicht existiert.
So geschehen im September /Oktober 2009: Anfang Oktober wurde ein lokales Tief bei $26.00 gebildet, welches nach einem kurzen Anstieg der Aktie bis auf $28.00 gleich wieder unterboten wurde. Hier wurden mit großer Sicherheit sehr viele Investoren ausgestoppt. Die Kunst liegt also darin, ein reales Korrekturtief (bezogen auf den Zeithorizont, in dem man sich bewegt) von einem vermeintlichen zu unterscheiden.
Wie Sie bei dieser Methode verhindern, irrtümlich ausgestoppt zu werden
Zuerst sollten Sie sich die Charts immer in der logarithmierten Darstellungsweise anschauen. Dadurch werden die jeweiligen Bewegungen dem jeweils zugrundeliegenden Preisniveau angepasst, so dass Kursausschläge in Relation gesetzt werden (vergleichen Sie dazu bitte den Chart 1 und den logarithmierten Chart 2 von Agilent).
Einige Chartanbieter wie beispielsweise Stockcharts.com verfügen zusätzlich über die sogenannte „ZigZag“-Funktion, mit welcher Sie u.a. den Kursverlauf glätten können. Durch diesen Filter werden Ihnen nur noch relative Bewegungen angezeigt, welche Ihren Kriterien entsprechen. Durch beispielsweise einen 5% ZigZag-Filter werden alle Bewegungen zwischen lokalen Hoch- und Tiefpunkten, welche kleiner als 5% sind, herausgefiltert, so dass Sie nicht der Versuchung unterliegen, Ihren Stop-Loss unter eine Unterstützung zu setzen, welche die oben aufgezählten Kriterien nicht erfüllt.
Im letzten Chartbild von Agilent habe ich einen ZigZag-Filter in der Einstellung 10% über den Kurs gelegt. Nur wenn zwischen dem lokalen Hoch und dem lokalen Tief mindestens 10% Abstand besteht, wird eine ZigZag-Linie eingezeichnet.
Abb.: Tageschart "Agilent Technologies (A)"
Damit wären Sie bei Agilent im Oktober 2009 nicht der Versuchung unterlegen, den Stop-Loss auf Höhe von $26.00 zu setzen, da es von diesem Niveau zu keinem weiteren Anstieg um mindestens 10% kam, sondern es bis auf $25.00 weiter abwärts ging.
Selbstverständlich ist die ZigZag Funktion kein heiliger Gral und muss auch immer auf die zugrundeliegende Aktie neu eingestellt werden. Sie kann Ihnen jedoch dabei helfen, unwichtiges Marktrauschen herauszufiltern.
Nächste Woche gehe ich auf die richtige Positionsgrößenbestimmung ein.
Beste Grüße


