Rezessionsniveau
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 20. August 2010, 08:30 Uhr
ENL5462
da ist es wieder, das unbeliebte „R"-Wort. Und jetzt sogar „amtlich", nach meiner skeptisch beäugten Rezessionsprognose für die USA vor einigen Wochen. Der Philadelphia-Fed-Index zu August ist von +5,1 Punkten im Vormonat auf einen negativen Stand von -7,7 Punkten eingebrochen (Erwartung: Verbesserung auf +7 Punkte) vor. Damit fiel der Frühindikator für das verarbeitende Gewerbes im Großraum Philadelphia nach einer elf Monate anhaltenden Serie von Ständen oberhalb von Null in das negative Territorium, was eine Schrumpfung anzeigt.
In vielen Marktkommentaren werden sie dazu Attribute wie „unerwartet" oder „überraschend" finden. Das gilt allerdings nur für diejenigen Analysten, die Tomaten auf den Augen haben. Immerhin zeichnen sich seit vielen Monaten (in einigen Fällen sogar seit über einem Jahr) drastische Wachstumsrückgänge bei den meisten US-Konjunkturindikatoren ab. Siehe dazu auch mein Beitrag über den Empire State -Index vor einigen Tagen. Aber solange die Herde am Aktienmarkt fröhlich die Kurse weiter nach oben treibt, ist es schwer, mit einer warnenden Stimme Gehör zu finden. Man wird bestenfalls mitleidig belächelt. Aber das kennen wir ja schon aus den Jahren 2000 und 2007.
Auch die gestrigen wöchentlich gemeldeten US-Arbeitsmarktdaten waren eine kleine Hiobsbotschaft für den Markt. In den USA sind in der per 14. August ausgelaufenen Woche die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe um 12.000 auf saisonbereinigt angepasst 500.000 gestiegen (Erwartung: Rückgang auf 478.000). Damit kletterten diese auf den höchsten Stand seit neun Monaten. Die Erstanträge der vorangegangenen Woche wurden von ursprünglich 484.000 auf 488.000 nach oben revidiert. Ich denke, hier erübrigt sich jeder Kommentar.
Nach diesem beiden Negativmeldungen konnte auch der minimale Anstieg der US-Frühindikatoren dem Markt nicht mehr helfen. Diese sind im Juli gegenüber dem Vormonat um 0,1 Prozent gestiegen (mal sehen, was nach der Revidierung daraus wird). Im Juni ergab sich bei den Frühindikatoren ein Rückgang von 0,3 Prozent nach einer Abwärtsrevidierung um 0,1 Prozentpunkte, was den größten Rückgang seit Februar 2009 (bisheriger Krisenhöhepunkt!) darstellt. Die Frühindikatoren spiegeln den Ausblick für die Wirtschaft in den kommenden drei bis sechs Monaten.
Einziger Lichtblick gestern: US-Chipriese Intel übernimmt den Sicherheitssoftware-Anbieter McAfee zu einem sehr ordentlichen Kurs (satte 60% Aufschlag auf den Vortages-Schlusskurs!). Die McAfee-Aktionäre können sich also freuen, sofern sie nicht bereits vor einem Jahr eingestiegen waren (dann sehen sie gerade ihren Einstandskurs wieder). An einem normalen Börsentag hätte eine solche Meldung wieder ausschweifende Übernahmefantasien ausgelöst und die Analystengilde hätte astronomische Kursziele für die gesamte Branche ausgegeben (so wie vor wenigen Tagen in der Kalibranche). Ich fühlte mich unweigerlich an den neuen Markt erinnert. Heute allerdings eher an die Zeit nach dem März 2000... .
Artikel weiterempfehlen