Rettungspakete
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 11. Mai 2010, 08:30 Uhr
ENL5454
eine neue Krankheit geht auf der Welt um. Nennen wir sie „metastasierende Rettungswut". Das jüngste Opfer: Die EU-Staaten. Gerettet wird alles, was irgendwie absturzgefährdet, aber gleichzeitig auch „systemrelevant" ist. Sie und ich gehören leider nicht dazu, auch wenn unser Geld dafür ungefragt verwendet wird. Vor eineinhalb Jahren waren es die Banken. Gutherzig sprang ihnen der Staat zur Seite und übernahm ihre Schrottanleihen in die eigene Bilanz. Dummerweise gingen daran einige Staaten zugrunde. Aber egal, denn die haben jetzt ihr eigenes Rettungspaket. 750 Milliarden Euro schwer, Millionen reichen ja schon lange nicht mehr. Das Geld gibt es nicht wirklich. Es sind auch nur wieder neue Schulden. Aber das ist jetzt erst einmal egal. Denn jetzt wird gerettet. Und das kann dauern.
Das wäre auch noch schöner, dass dieser Markt macht was er will und einfach so fällt. Ja leben wir vielleicht in einer Marktwirtschaft? Da sind doch sicher wieder diese Spekulanten Schuld, die gleich jede kleine Schuldenorgie unserer kompetenzschwangeren Polit-Elite für sich ausnutzen wollen. Wenn der Markt keine dieser Schrott-Staatsanleihen mehr kaufen will, dann kaufen sie eben die Zentralbanken selbst. Linke Tasche, rechte Tasche heißt das Spiel, glaube ich. Bei einem normalen Unternehmen würde ein ähnliches Vorgehen als Bilanzbetrug geahndet werden. Wie gut, wenn man über allen ökonomischen Gesetzen steht, nicht wahr?
Sie merken es sicher schon: Wenn ich sarkastisch werde, dann ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Nicht nur, dass hier wieder einmal der ganz große Wirtschafts-Blödsinn verzapft wird und dass wir Deutschen ganz oben auf der Liste der größten Zahlmeister stehen (ob Deutschland tatsächlich zusätzliche Garantien für Portugal, Spanien oder auch Italien in Höhe von 123 Milliarden (!) - wie es Sonntag Nacht beschlossen wurde - bereitstellen kann, scheint übrigens mehr als fraglich). Auch die Tatsache, dass über ein Jahr nachdem die (Banken-)Welt angeblich gerettet wurde wieder neue milliardenschwere Pakete nötig sind, lässt tief blicken. Nein, auch der begleitende Ton gefällt mir überhaupt nicht. Zu sehr erinnern mich die Kommentare einiger Politiker („die Spekulanten sind Schuld") an unselige kommunistische Zeiten. Wer die DDR-Propaganda noch kennt, möge in den einschlägigen Parolen einfach Begriffe wie „Konterrevolutionär" gegen „Spekulant" und „Fünfjahrplan" gegen „Rettungspaket" austauschen. Dann sind wir nahe am jetzigen Wortlaut und (Un)-sinn.
Ich dachte immer, Märkte seien langfristig effizient, Preise würden über Angebot und Nachfrage aufgrund fundamentaler und charttechnischer Überlegungen der Marktteilnehmer gebildet und Kurse würden ungefähr die Verfassung des zugrundeliegenden Basiswertes widerspiegeln (von temporären Übertreibungen mal abgesehen). Jetzt wird von den Herren in schwarz aber neuerdings nach guten und bösen Spekulanten unterschieden. Die „bösen" setzen wohl auf fallende Kurse, die die Gefahr bergen, das Missstände offensichtlich werden. Wenn jetzt bestimmte Marktteilnehmer regelrecht kriminalisiert werden, um von schwersten politischen und wirtschaftlichen Fehlern abzulenken, dann ist dies höchst bedenklich und nicht im Geringsten tolerierbar. Wenn Politiker darüber hinaus selbst „Markt" spielen, geht das in aller Regel schief. Die extreme Volatilität am Aktienmarkt ist die erste unmittelbare Folge davon. Das Einzige, was hier wirklich gerettet werden muss, ist die Marktwirtschaft, der Kapitalismus selbst. Und genau den sehe ich in höchstem Maße bedroht.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Harald Hirsch (11.05. 2010 09:16 Uhr):
Herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Leider leben wir in einer reinen Spasgesellschaft, in der das selbständige Denken bereits abgeschafft wurde. Die Politiker geben uns vor, was wir zu denken haben und liefern uns regelmäßig neue Feindbilder, um von der eigenen Inkompetenz abzulenken. Das wirtschaftliche Ende kommt ganz bestimmt, doch je länger der Patient künstlich am Leben gehalten wird, desto schlimmer wird es.
Antworten - Kommentar von Amelie Porter (11.05. 2010 09:34 Uhr):
Leider nur allzu richtig. Sarkasmus oder Tatsache? Das der Staat sich mehr und mehr selbst verkriminalisiert, ohne Rücksicht auf Rechtstaatlichkeit, ist inzwischen, da DDR-mäßig, außerordentlich bedenklich. Es wird Zeit, dass dieses Land erwacht und bei den nächsten Wahlen richtige Konsequenzen zieht. Aber wen soll man wählen?? Alle versuchen nur ihr eig. Süppchen zu kochen, ihre eig. Leute zu fördern, zu protegieren, zu hofieren, vermögend zu machen. Die Bürgerrechte des kleinen Mannes auf der Straße, wie der CD Ankauf zeigt, bleiben vollkommen auf der Strecke. Der Staat Deutschland, wie auch die EU als Ganzes entwickeln tatsächlich eine Eigendynamik, die nichts mehr mit Rechtstaatlichkeit, Sitte, Moral, Anstand, GLEICHBERECHTIGUNG gemein haben. Der Bürger als rechtloser Sklave! Die Rechte und das Vermögen, Einkommen der Bürger werden mehr und mehr missachtet, missbraucht und ohne Genehmigung einfach verbraten. "Hoch es lebe die Partei, frisch und unfromm, aber steuerfrei".
Antworten - Kommentar von Hartmut Fischer (11.05. 2010 09:45 Uhr):
Unsere "Marktwirtschaft" ist aber auch "sozial", d.h. dass durch die bailouts "das Geld der Bürger gerettet wird", wie unsere Ex-FDJ-Jugendsekretärin für Agitation und Propaganda uns so treuherzig verkündet. Da sind wir aber unendlich dankbar und wählen diese Geldkünstler bestimmt wieder ! Langsam dämmert es aber jedem, dass das Geld der Bürger mit Steuermitteln, d.h. dem Geld der Bürger "gerettet" wird, und es fragt sich, wie lange diese Zauberei noch funktioniert, bis die Kreditwürdigkeit auch Deutschlands auch offiziell angezweifelt wird. Jedenfalls soll der Mitverursacher (durch Zulassung der Kreditverbriefungen und Zweckgesellschaften) unseres finanziellen Ruins, der "Klare aus dem Norden" Steinbrück schon gesgt haben, dass er keine deutschen Staatsanleihen mehr kaufen würde ! Wie sicher fühlen diese Herrschaften sich eigentlich, und warum?
Antworten - Kommentar von Maxhelm (11.05. 2010 10:26 Uhr):
"Der Klassenfeind ist schuld!!" Hallo Herr Voigt, Sie haben ja so Recht (sage ich als ehem. DDR- Bürger). Ihr Beitrag trifft den Nagel wohl haargenau auf den Kopf. Statt die Pleitiers auch wirklich in den Konkurs zu schicken (bzw. aus dem Euro zu werfen als Lohn für die Tricksereien), denn der erste Verdruß ist bekanntlich besser als der letzte, wird wieder - letztendlich - der Steuerzahler bemüht, und der deutsche natürlich zum übergroßen Anteil. Aber es war schon immer einfach, mit dem Geld Anderer/des Steuerzahlers zu wirtschaften. Wohin dies aber letztendlich führt, hat die (DDR-)Geschichte bewiesen. China wird lächeln und abwarten ... Konkursmassen sind ja bekanntlich besonders billilg zu haben. MfG
Antworten - Kommentar von Werner Laumann (11.05. 2010 10:33 Uhr):
Guten Morgen, wäre es gestattet Ihren Kommentar auszugweise in einem Leserbrief zu verwenden? Besten Dank für Ihre Rückantwort W.Laumann
Antworten
- Kommentar von urs (11.05. 2010 10:42 Uhr):
Hallo Herr Voigt, könnten Sie auch einmal die Alternative skizzieren, die sich der Politik böte? Inkl. ein paar Begleitfolgen... Grüße, urs
Antworten - Kommentar von rinek (11.05. 2010 11:20 Uhr):
Sarkasmus ist mehr als berechtigt, aber ich frage mich, wer die Marktwirtschaft/den Kapitalismus retten soll, vielleicht ist er gerade dabei, zu implodieren, oder ist nur die Unfähigkeit der Politiker schuld an der Misere? Ich glaube nicht
Antworten - Kommentar von Ulrich (11.05. 2010 11:42 Uhr):
Lieber H. Voigt, dem bleibt kaum etwas hinzuzufügen. Jeder, ob Unternehmer, Privatperson oder ein ganzer Staat bzw. die EU muß die praktische Verantwortung für "irsinniges" ökonomisches Handeln in der Vergangenheit übernehmen. Neuer Irrsinn, um den alten zu vertuschen, setzt eine überaus fatale Abwärtsspirale mit dem großen Knall am Ende in Gang. Bankrotte Staaten in die Insolvenz!! Nur dies rettet den EURO, falls dies überhaupt noch möglich, wirklich und schreckt Nachahmer von Griechenland wirksam ab. Der in der veröffentlichten Meinung erweckte Eindruck, ominöse oder reale Spekulanten wären an allem schuld, ist eine fatale Ablenkung von der wirklichen Schuld der Politik, der ökonomisches Handeln ein Fremdwort ist.
Antworten - Kommentar von Matthias Wiltzsch (11.05. 2010 12:41 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt, es ist doch immer wieder verwunderlich, wie sich Politiker und sog. Experten täglich den Kopf darüber zerbrechen, was und wer denn nun Schuld an der Schuldenkrise ist und dabei immer nur bei den Symptomen hägenbleiben und einfach an dieser Stelle nicht so recht weiter kommen. Dabei gibt es durchaus kluge Köpfe die hier etwas mehr Licht ins Dunkel bringen könnten. Da hat z..B. der Prof. für Volkswirtschaft, Bernd Senf, schon 1996 in seinem Buch "Der Nebel um das Geld" über Griechenland berichtet, wo man den Eindruck hat, es wäre erst heute geschrieben. Weiterhin sehr zu empfehlen sind seine Bücher "Die blinden Flecken der Ökonomie" sowie "Der Tanz um den Gewinn". Mit freundlichen Grüßen M.Wiltzsch
Antworten - Kommentar von Thomas Klinzner (11.05. 2010 12:55 Uhr):
Lieber Herr Voigt, lange habe einen derartigen Artikel herbei gesehnt, ein Artikel, der mir als Devisen-Trader aus dem Herzen spricht. Der "Rettungsschirm" scheint nicht aufgegangen zu sein (siehe aktueller Euro-Kurs), die Reißleine ist abgerissen und wir alle werden sicher nicht sonderlich weich landen. Die sogenannte "Bundesregierung" spricht von einer "Transaktionsgebühr" für (Devisen)trader - genau wie Sie schreiben, wir "Spekulanten" sind schuld an dem Desaster. Nun gut, schaun wir mal dann sehen wir's schon; nochmal vielen Dank für Ihren Artikel!
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