Res Ipsa Loquitor – die Sache spricht für sich selbst
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 26. Juli 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Gott sei Dank gibt es solche Richter", hatte unser Rechtsanwalt gesagt.
Letzte Woche hatte die US-Staatsanwaltschaft den Autor dieser Zeilen in die Mangel genommen. Ich wurde von einer Reihe von Anwälten der amerikanischen Börsenaufsicht SEC vorgeladen und befragt.
Es ging um einen Fall, der mehr als zwei Jahre her ist. Ein Kollege von mir, Porter Stansberry, hatte von einer Firma gehört, die Uran weiterverarbeitete, und er war davon überzeugt, dass der Kurs dieser Aktie steigen würde. Er hatte sogar einen Mitarbeiter der Firma interviewt. Der Sprecher gab ihm den Tipp, "den Aktienmarkt am 22. Mai zu beobachten" – für diesen Tag wurde ein neues amerikanisches Abkommen mit Russland erwartet.
Als er von der SEC dazu befragt wurde, antwortete jener Sprecher dieser Firma: "Das habe ich nicht gesagt."
"Das hat er doch so gesagt", gab Porter zurück.
Bevor wir uns versahen, hatte die SEC einen bundesweiten Fall daraus gemacht.
"Nun ja, diese Regierungsagenturen sind fast nicht mehr einzuschätzen, aber immerhin beschützen uns die Gerichte noch", fuhr unser juristischer Ratgeber fort. Aber die Begegnung dieser Woche ließ uns ins Grübeln kommen.
"Niemand braucht mich daran zu erinnern, dass unsere Regierung größer und stärker wird und sich immer weniger für die individuelle Freiheit interessiert", so begann eine E-Mail, die ich letzte Woche erhalten habe.
"Eines der schockierendsten und erstaunlichsten Beispiele ist die Rechtssprechung des Hohen amerikanischen Gerichts, die Menschen vorschreibt, sich, wann immer sie von staatlichen Kräften darum gebeten werden, auszuweisen. Bei Zuwiderhandlung drohen Geld- oder Haftstrafen. Der Hintergrund: Ein Polizist aus Nevada erhielt einen nicht sehr genauen Anruf, in dem sich ein Bewohner über eine Belästigung beschwerte. Dabei sprach der Anrufer von einem Truck-Fahrer und einer Frau. Der Polizist ging der Sache nach und traf auf einen Truck, in dem eine junge Frau saß. Vor dem Truck stand ein älterer Mann. Der Polizist befahl dem älteren, Mann sich auszuweisen. Der Mann, ein alter Rancher, weigerte sich. Er wurde aufgrund der Tatsache, dass er seinen Namen nicht preisgeben wollte, verhaftet. Natürlich ermittelte man seinen Namen kurz nach der Festnahme. Er wurde verurteilt und hatte eine Strafe zu zahlen. Wie sich allerdings rausstellte, hatte der Mann in keinster Weise etwas mit der Belästigung zu tun, wegen der der Polizist unterwegs war. Er und seine Frau – die junge Frau im Truck – warteten nur zufällig auf jemanden.
Wenn man völlig unschuldig ist, begeht man eine Strafe, wenn man sich weigert, sich auszuweisen. Wenn man aber schuldig ist, darf man die Aussage verweigern und somit den Polizisten die Interpretation nahe legen, dass man ein Krimineller ist.
Hat Amerika seine Freiheit eingebüßt? Wenn man sich umschaut, sind die Anzeichen dafür gemischt. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man noch nicht einmal etwas Alkoholisches zu sich nehmen, ohne dass man von der Polizei aufgesucht wurde. In Boston wurden Bücher zensiert, wenn sie zu frivol waren. Und wenn man etwas mit einer Frau – die nicht die eigene Ehefrau war – anfing, vor allem, wenn sie nicht die richtige Hautfarbe hatte, war die Chance groß, aufgrund von moralischen Vergehen verhaftet zu werden.
All das ist nun Geschichte. Es gibt keine moralischen Vergehen mehr, da keine Moral mehr einer Strafe wert ist. Was eine Sünde war, ist heutzutage nicht nur geduldet, sondern es ist modern. Die anrüchigsten Neuigkeiten werden in der Zeit der Haupteinschaltquote gesendet, nämlich in den Nachrichten.
Aber während Sünder alle Freiheiten genießen, kann der ehrliche Mann kaum einen Schritt tun, ohne dass irgendwer auf die Idee kommt, die Gesellschaft müsse vor ihm geschützt werden. Er muss alles über sich preisgeben: Steuerabgaben, Reisepass, Krankenversicherung, Lebensversicherung, Arbeitsvertrag, Waffenschein, Jagdschein, Baugenehmigung, Hundesteuer, Alkoholsteuer.
Niemals gab es so viele Auflagen wie heutzutage. Politiker, Inspekteure, Polizisten, Weltverbesserer – sie alle können einem aufs Dach steigen.
Das SEC-Team war da, um zu helfen – sicherlich. Es waren hübsche, attraktive Menschen. Wir konnten nicht anders, wir mussten sie einfach gern haben.
Porter sagt etwas. Der Typ von der Uranium-Gesellschaft behauptet das Gegenteil. Noch bevor sie überhaupt mit Porter gesprochen hatten, war schon klar, wem sie glauben würden- dem Anderen.
Wie immer hat die Lokal-Presse alles missverstanden. Sie nahm an, bei uns müsste es um manipulierte Aktien und Insider-Geschäfte gehen, da die SEC hinter uns her ist. Dabei geht es um eine Falschaussage des Anderen, und Porter sagt einfach nur die Wahrheit.
Sie haben sicherlich keinen Grund, an diesem Fall interessiert zu sein. Ich würde es nicht erwähnen – wenn es nicht den Status des amerikanischen Gerichtssystems im Jahr 2004 wiedergeben würde.