Reise nach Berlin
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 6. Oktober 2009, 12:00 Uhr
ENL5454
Vor einiger Zeit besuchte ich meine Mutter im Berliner Westend.
Ich tue dies ungern, denn meist entwickeln sich diese Besuche eher unerfreulich: Vor ihrer Abwanderung aus der Altmark nach West Berlin in den späten 50ern von einem NVA-General als "Gind der Repuplick" bezeichnet, scheint der erst von den Nazis und dann von den SED-Bonzen eingetrichterte Anti-Amerikanismus selbst bei der deutschen Großmuter dreier kleiner Amerikaner fröhliche Urständ zu feiern.
(So beschwerte sie sich ein paar Tage nach dem 11. September 2001 lautstark bei mir, dass Präsident Bush das Wort "Kreuzzug" gebraucht haben sollte. Meine lapidare Entgegnung, dass eine arabische Zeitung gerade eine Kopfprämie auf ermordete Amerikaner - inklusive ihrer drei Enkel - ausgesetzt habe, perlte an ihr ab wie Tümpelwasser vom Entenbürzel...)
Ein paar Ecken von ihrem Haus entfernt wies sie aus dem Autofenster: "Isses nich' herrlich grün hier!"
Ich sah extra nochmal etwas genauer hin. Aber was da am Bürgersteig der hochnoblen Wohnlage so herrlich grünte waren hüfthoher Fingerhut, Kletten und Disteln. So sieht's in einigen Gegenden Baltimores auch aus. Nur sind das dann Wohnlagen, die sich durch blockweise vernagelte Reihenhäuser und Dealer-Ecken auszeichnen.
Sobald man das Ghetto verlässt, betritt man das, was der ehemalige Präsident Bush in seiner Antrittsrede als "Ownership Society" bezeichnete. Die Leute besitzen ihre Häuser. Der Wert des Einfamilienhauses wird zum Grossteil bestimmt durch den Ruf der Neighborhood, welche wiederum ihren Wert daher bezieht, zu welchem Grad sich die Hausbesitzer um die Erhaltung ihres Lebensumfelds bemühen. Und das hört nicht am Gartenzaun auf.
Aus meiner Jugend in Deutschland kannte ich es nicht anders... machte auch die standesgemäßen Witzchen über Nachbarn, welche sich mit dem elektrischen
Rasierapparat über die aus den Pflasterritzen sprossenden Grashalme hermachten
oder im Herbst mit der Fächerharke das noch verbleibende Laub aus den Büschen
schlugen.
Sind's vielleicht nur die "Zugereisten" - Politiker und Beamte aus Bonn, die sich grummelnd nach Berlin verpflanzen ließen und ihren Unmut durch stadtkosmetische Passivität ausleben?
Mir schien, dass sich auch hier eher die deutsche Umwertung aller Werte durchgesetzt hat: Anspruchsdenken statt Eigenverantwortung, Posen statt Prinzipien, masochistischer Geißelbruderkult statt Zukunftswendung, Müllsortieren statt Innovation. Statt proaktiver Außenpolitik reaktive Tunnelvision und "Räucherstäbchenpolitik" (wie's Claus Christian Malzahn einmal im Spiegel so schön formulierte.)
ähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Heiko Diesner (06.10. 2009 19:46 Uhr):
Sehr geehrter Herr Amberger, "masochistischer Geißelbruderkult" - in welchem Gehirn entsteht so eine Formulierung und was, um Gottes Willen, wollen Sie uns damit sagen? Wenn Ihre Erzählungen stimmen, dann haben Sie eine sehr symphatische Mutter, zu der man Sie nur beglückwünschen kann! Ihr persönliches Weltbild würde ich im Gegensatz dazu als außergewöhnlich bizarr bezeichnen. Was Sie unter "proaktiver Außenpolitik" verstehen, möchte ich lieber nicht so genau wissen. Ich fürchte da Parallelen zu Völkermördern wie George W. oder Adolf H. Mit freundlichen Grüßen Heiko Diesner
Antworten