Reise ins Jahr 1988
Investors Daily
vom 19. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Soweit ich weiß, hat noch niemand in dieser Welt ... jemals dadurch Geld verloren, dass er die Intelligenz der großen Massen der einfachen Leute unterschätzt hat." (H.L. Mencken)
Hier in Baltimore wird Henry Louis Mencken als einer der größten und einflussreichsten Journalisten, politischen Kommentatoren, Kritiker und Autoren der jüngsten Vergangenheit bezeichnet. Mencken lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1956 als Kolumnist der Baltimore Sun in Baltimore. Letzten Samstag zog ich los, um sein Haus zu besuchen.
Dieses Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert ist jetzt heruntergekommen. Von außen sieht dieses große Gebäude vernachlässigt und unordentlich aus. Das passt allerdings auch perfekt in diesen Stadtteil, denn da sehen alle Gebäude so aus. Ich habe durch die großen Fenster in ein leeres Zimmer geblickt – das vielleicht einmal der Empfangsraum für Gäste war, oder die Bibliothek. Meine Neugier war erweckt – durch Verfall und Staub –, und ich musste einfach mehr sehen.
Ich bahnte meinen Weg durch einen Dschungel aus Efeu im Hintergarten des Hauses. Das Efeu hatte jedes Fenster und die gesamte Rückwand des Hauses bedeckt. Ich zog mich an einer Regenrinne hoch, auf eine rostige Feuerleiter. Diese kletterte ich dann vorsichtig hoch – denn das Eisen war rostig, und die Leiter machte nicht mehr den stabilsten Eindruck. Eine Stufe brach durch und fiel auf den Boden – als ich mich gerade auf der Höhe des dritten Stockwerks befand.
Als ich das Efeu zur Seite drückte, da hatte ich ein Fenster freigelegt – und ich war nicht fähig, zu widerstehen. Ich kletterte hindurch und landete in einem Badezimmer, in dem der Putz von den Wänden bröckelte. Die nächsten zwei Stunden ging ich durch ein Netzwerk von Korridoren, Treppen, Räumen und Türen, ohne Spuren menschlicher Anwesenheit zu entdecken. Es gab nichts dort, außer Ratten, Erinnerungen und Geistern ... und eine Ausgabe des Barron's Magazins, Datum 17. Oktober 1988. Die lag auf einem Schrank, dessen Farbe verblasst war.
"Glückwunsch zum Jahrestag ... was jetzt?" stand auf der Titelseite. Das bezog sich auf den Jahrestag des großen Crashs von 1987. An diesem 17. Oktober 1987 hatte der Dow Jones 508 Punkte verloren, er fiel auf ein Intraday-Tief von 1.616 Zählern und beendete den Handelstag mit einem Minus von 23 %. Im April 2000 hatte der Dow Jones sein Topp erreicht, bei 11.600 Punkten. Wenn man zum Tiefpunkt 1 Dollar investiert hätte, dann hätte man beim Topp 7,18 Dollar gehabt. Das wären 13,1 % Plus pro Jahr gewesen, ohne Berücksichtigung der Inflation.
Aber das Barron's Magazin verwies auch auf den Einfluss der Inflation. 1988 kostete eine Ausgabe des Barron's Magazins 2 Dollar. Heute kostet es 4 Dollar. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Preissteigerung von 4,7 %. Deshalb hat der Dow Jones laut meinen einfältigen Berechnungen nicht 13,1 % Plus pro Jahr gemacht, sondern 8,4 %.
Im Nachhinein betrachtet war der 20. Oktober 1987 eine fantastische Kaufgelegenheit. Genauso wie auch noch ein Jahr später der 18. Oktober 1988 ein guter Kaufzeitpunkt gewesen wäre. Denn für den Rest der 1980er und in den 1990ern stiegen die Aktienkurse fast ohne Pause. Aber die Investoren konnten das natürlich nicht wissen. Sie hatten dieselben Befürchtungen, die wir jetzt haben. Sogar Star-Investoren wie Richard Russell waren skeptisch:
"Russell glaubt, dass sich die Aktien immer noch in der ersten Phase eines Bärenmarktes befinden", konnte ich im Barron's Magazin des Jahres 1988 lesen.
Wird Richard Russell auch noch 2019 auf der Bärenseite stehen? Erwarten die Investoren zu viel in Bezug auf die erwarteten Renditen, die man mit Aktien erzielen kann? Hat Henry Mencken die Intelligenz der Investoren unterschätzt? Das wird uns nur die Zeit sagen können ...