Regierungssysteme
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 19. Oktober 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ich möchte heute wieder ein bisschen über Zeitgeschichte schreiben (da aktuell ja so wenig passiert – siehe mein erster Beitrag).
Markierte der Fall des Kommunismus das Ende eines Trends? Der Kommunismus war zwar ein so hoffnungsloses Unterfangen wie jedes beliebig andere dieser Art auch, doch war es lediglich eine Episode innerhalb der fortschreitenden Vereinheitlichungstendenzen der letzten beiden Jahrhunderte. Selbst die moderne Demokratie war ein Ergebnis dieser Entwicklung; sie war lediglich eine andere Form vereinheitlichter Entscheidungsfindung.
Im kommunistischen System lagen die Produktionsmittel in den Händen der Menschen, während die Früchte ihrer Arbeit durch den politischen Prozess verteilt wurden. In den modernen Demokratien liegt das Besitztum in den Händen des Individuums, doch je nach Laune der demokratischen Verbände wird der Nießbrauch an diesem Privatbesitz nur wenigen privilegierten Gruppen zugänglich gemacht. Obwohl das Recht auf Besitz in privaten Händen liegt, haben die Eigentümer nur begrenzte Kontrolle über ihre eigenen Anlagen und Einrichtungen. Ihnen wird gesagt, wen sie einzustellen haben, unter welchen Konditionen, was sie zu zahlen haben usw. Sie müssen auf ihren Liegenschaften Vorschriften bezüglich der Tiere und Pflanzen beachten und unterliegen baulichen Vorgaben.
Die Eigner selbst, zusehends demokratisiert durch die Kapitalmärkte, werden dazu verpflichtet, Steuern für die Mitarbeiter abzuführen und sowohl soziale also auch gesundheitliche Dienste für die Mitarbeiter bereitzustellen. Selbst polizeiliche Aufgaben haben sie, wenn sie die Meinungsäußerungen der Mitarbeiter kontrollieren und das Rauchverbot auf dem Gelände überwachen.
Es gab natürlich auch eine Zeit, da die amerikanische Demokratie die Rechte und Freiheiten des Individuums gegenüber dem Staat betonte. Doch im späten zwanzigsten Jahrhundert war eine solche Einstellung schon finsterste Vergangenheit. Seit dem Zeitpunkt des Falls der Berliner Mauer näherte sich die amerikanische Demokratie mehr dem europäischen Politikmodell an, gemäß dem der Wille des Einzelnen den Interessen derjenigen unterworfen ist, die als Sieger aus den Wahlen hervorgegangen sind. Die Mehrheit trägt nach diesem Konzept den Hermelin und ist sogar mit noch weitereichenden heiligen Rechten ausgestattet als vor ihr der Monarch. Der König war in seiner Stellung wenigstens Gott noch Rechenschaft schuldig – und fürchtete dessen Schiedsspruch auch. Doch wen fürchten demokratische Mehrheiten? Mehrheiten können Verfehlungen begehen, da es keine höhere Instanz gibt. Sie schulden ihre Position niemandem, außer eben dem Stimmvieh.
Gab es wirklich eine so klare Trennlinie zwischen dem amerikanischen Wundersystem des Jahres 1989 bzw. 1999 und denjenigen, die ihm vorangingen? Mehr dazu demnächst, hier im Investor's Daily!