Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Vorletzte Woche die ernüchternden US-Arbeitsmarktdaten, letzte Woche gleich ein fröhliches Potpourri aus „bad news“ in Form schwacher US-Einzelhandelsumsätze und neuen Schieflagen bei den Hypothekenunternehmen Northern Rock und Interhyp, garniert mit steigenden Ölpreisen und einem weiter steigenden Euro. Die kalten Duschen für die Aktienmärkte reißen nicht ab ... aber frei nach Kneipp scheint dies die Aktienmärkte nur widerstandsfähiger zu machen. Zumindest scheint es so ... aber ist es wirklich so einfach?
US-Daten wenig beeindruckend
Zunächst zu den US-Daten vom Freitag. Die mit einiger Nervosität erwarteten US-Einzelhandelsumsätze für August waren definitiv eine Enttäuschung. Statt der erwarteten +0,5 - 0,6% wurde es nur ein Anstieg um +0,3% und das auch nur, weil die Kfz-Umsätze halfen. Rechnet man diese recht volatilen Umsätze heraus und betrachtet die Kernrate, stand sogar statt der Prognose von +/-0 bis +0,2% ein Minus von –0,4% zu Buche. Schlecht. Sehr schlecht sogar.
Denn der Konsum macht ca. 2/3 des US-Bruttoinlandsprodukts aus und wurde ja in den Monaten zuvor als das stabile Rückgrat propagiert, welches das US-Wachstum weiter trotz aller negativen Impulse würde stabilisieren können. Wenn Sie sich hierzu mal den Verlauf der letzten Jahre im Chart ansehen (Quelle: www.markt-daten.de) sehen Sie, dass wir momentan nicht einfach einen Ausrutscher sehen, sondern einen klar nach unten weisenden Trend. Und der jetzt schon hohe Verschuldungsgrad im Verein mit den angehobenen Kreditanforderungen deutet nicht an, dass wir nun einen neuen Frühling im Konsumentenverhalten erwarten dürfen.
Weniger wichtig waren die Industrieproduktion für August (+0,2% und damit weniger als erwartet, dafür wurde aber der Juli von +0,3% auf jetzt +0,5% nach oben revidiert, sodass sich dies ausglich) und die Kapazitätsauslastung in der Industrie, die mit 82,2% auf Vormonatsniveau blieb (der aber auch von zuvor 81,9 auf 82,2% nach oben korrigiert wurde).
Das US-Verbrauchervertrauen, gemessen von der Universität Michigan, kam als vorläufiger Wert für September mit 83,8 etwas über dem August-Level von 83,4 und damit auch über der Prognose von 83,0 bis 83,5 auf den Tisch. Das wurde zwar als ganz tolle Sache gefeiert und als Argument für wieder anziehende Aktienkurse hergenommen ... aber auch hier sagt der Chart (Quelle www.markt-daten.de) mehr als tausend Worte:
Robust ... oder nur hoffnungsvoll?
Also: Die Nachrichtenlage ist unerfreulich, die Zahl der ernst zu nehmenden Stimmen, die eine US-Rezession einkalkulieren, wächst. Wir wurden daran erinnert, dass Hypotheken- und Kreditkrise zwar aus den Köpfen, aber nicht aus den Nachrichten verdrängt wurden. Und die Argumente der Bullen reduzieren sich auf die angeblich endlose Liquidität (Querverweis Liquiditätskrise) und die „gnadenlos billige“ Bewertung der Aktien. Allerdings nur, wenn man das bisherige Gewinnwachstum für die kommenden zwei Jahre einfach fortschreibt (Querverweis Rezessionsrisiko und Reduzierung der Wachstumsprognosen).
Doch Dax, Dow Jones & Co legten in der Wochenbilanz ein Plus hin. Wie kommt’s?
Optimistische Gemüter interpretieren das als innere Stärke die dazu führen wird, dass die Börsen erst so richtig Vollgas geben werden, wenn sich die Rahmenbedingungen aufhellen. Und das soll natürlich ab Dienstag 20:15 Uhr passieren, wenn die US-Notenbank (Fed) die Zinsen senkt. Oha.
Immerhin findet sich so auch eine Begründung, warum man die schlechten US-Einzelhandelsdaten nach kurzer Zeit der Abverkaufs beiseite schob. Die irrwitzige Argumentation lautet: Je schlechter die aktuellen Daten, desto mehr wird die Fed die Zinsen senken. Und je mehr Zinssenkungen, desto toller die Lage.
Das ist nichts anderes als wenn Sie sich freuen, dass die Feuerwehr jetzt sogar mit zwei Löschzügen bei Ihnen vorbeischaut, weil nach dem Haupthaus jetzt auch noch der Schuppen brennt. D.h. das Denken entfernt sich vom Problem als solchen und fokussiert sich strikt auf „ab jetzt wird alles gut“.
Ab Dienstag geht es wieder rund – die große Leere naht
Das ist auch ein Grund, weshalb die erfahrenen Marktteilnehmer so locker mit ansehen, wie es fröhlich, wenn auch langsam, wieder nach oben geht. Denn sie wissen, dass diese Denkweise immens kurze Beinchen hat. Ein erfahrener US-Trader sagte am Freitag: „You may wonder, but you mustn’t follow“ (Staunen dürfen Sie, aber machen Sie nicht mit)!
Die immer noch sehr geringen Umsätze zeigen, dass die großen Adressen sich aktuell sehr bedeckt halten. Was ich Ihnen gerade vor Mittwoch ebenfalls empfehlen würde. Denn dann wird es wieder ruppig:
Man tradet auf die Zinssenkung der Fed. Wobei es egal sein wird, ob nun 25 oder 50 Basispunkte herauskommen (meine Wette 25 Basispunkte Fed Funds Rate und 50 Basispunkte Diskontsatz). Wie bereits erwähnt bin ich ziemlich sicher, dass die Kurse am Dienstagabend nach der Entscheidung unter dem Strich erst einmal steigen ... weil sie das meistens tun, Zinssenkungen „toll“ sind und die Trader nach Schema F agieren.
Ab Mittwoch wieder auf dem Boden der Tatsachen
Doch dann ist erst einmal wieder für sechs Wochen Sendepause für Zinssenkungen. Was dann bleibt sind neue Konjunkturdaten, die durchaus unangenehm werden können, ein immer noch schwacher Dollar, der Ölpreis etc. Das heißt, der in seiner Wirkungsstärke ohnehin ja sehr zweifelhafte Rettungsanker Zinssenkungen ist dann vom Tisch und der graue Alltag kehrt zurück. Und die, die im Vorfeld bereits ihre Baissepositionen eingedeckt oder gekauft haben, haben dann das auf dem Tisch, weswegen sie eingestiegen sind.
Ich weiß nicht, ob sich diese Rückkehr auf den staubigen Teppich schon am Dienstagabend oder erst ein, zwei oder mehr Tage später bemerkbar machen wird. Aber ich bin, solange sich nichts wirklich immens positives an neuen Nachrichten ergibt, ziemlich sicher, dass dann die nahen Daten die fern liegende, mögliche nächste Zinssenkung dominieren werden. Und dass sich manch einer darüber klar wird, dass es schließlich triftige Gründe gibt, weshalb die Fed die Zinsen nach unten nehmen muss.
Die Charts von Dax, Dow Jones und S&P 500 kommen im folgenden Abschnitt.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
PS: Die Konjunkturdatenübersicht über die Woche folgt morgen früh. Bis dahin steht heute nur der New York Empire State Manufacturing Index für September an, der mit 15-18 deutlich unter Vormonatswert (25,1) erwartet wird.

