Regel Nr. 4 für technisches Trading: Wisse, wo Du Dich auf die Lauer legst
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 13. September 2007 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
auch heute ist es wieder soweit - mit der Regel Nr. 4 tauchen wir in das unvermeidliche des menschlichen Denkens und Handelns ein: in den Zweifel.
Jedem Gefühl von Sicherheit folgt ein Zweifel - so wie jedem Regen der Sonnenschein - irgendwann.
Und John Murphys 4. Regel des technischen Tradings zielt darauf ab, dass Sie mit der Phase des Zweifels rechnen und sogar davon profitieren. Immer wieder höre ich von Menschen die Frage: Wieso sollten die Kurse fallen? So war es, als wir beim Dax die 8000 überschritten hatten... Wochen lang. Jetzt ist es wieder umgekehrt - ständig bekomme ich die bange Frage: Wieso sollten die Kurse steigen?
Korrekturen sind weder notwendig noch zu begründen: Sie sind einfach wie das menschliche Denken. Paul Watzlawick beginnt sein berühmtes Buch: "Anleitung zum Unglücklichsein" (man warf mich aus dem Zugabteil, wegen extremer Lachanfälle, als ich das Buch das erste Mal las) mit einer einfachen Behauptung, die ich hier nur kurz zusammen fassen möchte: Überhäufen Sie einen Menschen komplett mit Goldmünzen, wobei Sie ihm klar machen, dass er jede Münze als sein persönliches Eigentum betrachten kann. - Spätestens 30 Minuten später wird dieser Mensch versuchen, Ihnen einen Streich zu spielen!
Es erinnert mich fast an Heraklit, wenn ich Ihnen schreibe, dass der Mensch von Stimmungen BEHERRSCHT wird, und damit auch die Bewertung seiner eigenen Zukunftschancen - also die Kurse an der Börse.
John Murphy schlägt nun vor, sich dem Ganzen etwas systematischer zu widmen, denn es gibt immerhin einige Dinge, die wir über Korrekturen wissen:
Johns Murphys Regel Nr. 4 für technisches Trading: Wisse, wo Du Dich auf die Lauer legst
"Messen Sie Korrekturen (Retracements) in Prozenten. Marktkorrekturen ob nach oben oder unten verfolgen gewöhnlich einen signifikanten Teil des vorhergehenden Trends. Sie können die Korrekturen im existierenden Trend in einfachen Prozenten messen. Eine 50 Prozent-Korrektur des vorhergehenden Trends ist normal. Das Minimum-Retracement beträgt gewöhnlich ein Drittel des vorhergehenden Trends und und das Maximum liegt bei zwei Dritteln. Fibonacci-Retracements von 38 % und 62 % sind ebenso einen Blick wert. Während eines Rückschlags in einem Aufwärtstrend bieten deshalb die 33-38 % Korrekturen neue Kaufsignale." (John Murphy)
Also ein kurzer Blick auf den Dax:
mit freundlicher Genehmigung von stockcharts.com
Also der Dax fand bei ca 8100 sein bisheriges Hoch. Bevor ich die Methode von Murphy anwenden kann, muß ich mich zuerst festlegen, wo die letzte Rallye startete. Ich nehme hier mal das Tief im letzten Jahr bei 5250 Punkten. Beide habe ich für Sie mit blauen Strichen markiert und durch eine blaue dünne Linie verbunden. Die Differenz beträgt 2850 Punkten.
Von dieser Differenz kann ich jetzt Murphy anwenden:
Eine Korrektur erreicht oft ein Drittel der Kurssteigerung - dies haben wir noch nicht ganz erreicht.
Eine Korrektur kann problemlos 50% erreichen - das haben wir auch noch nicht erreicht.
Und eine Korrektur überschreitet selten 66%Prozent - das ist noch ganz weit ........
Das Problem dieser Methode: Ich könnte mich auch irren, und ich müsste stattdessen von der nächsthöheren Korrektur bei 6400 aus rechnen. Dann wäre die Differenz nur 1700 Punkte groß. Im nächsten Chart habe ich das einmal für Sie angenommen: allerdings habe ich gleich das Fibonacci Tool verwendet, welches Murphy auch erwähnt. Es zeichnet Ihnen dann bestimmte Korrektur-Normalitäten automatisch ein:
mit freundlicher Genehmigung von stockcharts.com
Mr. Fibonacci (Leonardo Di Pisa- 1170-1240) wurde erst 1993 für die Börse entdeckt. Seine Neuentdecker hatten etwas merkwürdiges festgesellt: Untersucht man die Querschnitte von Baumstämmen bezüglich Ihrer prozentualen Entwicklung stellt man fest: dass Baumringe entweder 31.8% (oder weniger wachsen als im Vorjahr), 50% wachsen (oder weniger....) oder 61.8% wachsen (oder weniger wachsen .....) . Das dahintersteckende Verhältnis hat bereits viele geheimnisumwobende Jahrhunderte hinter sich: "Goldener Schnitt" - "das göttliche Verhältnis", "PHI" um nur einige zu nennen.
Man hat diese "Symmetrie des Wachstums" (oder der Wachstumskorrektur) an vielen anderen lebendigen Prozessen in der Natur wieder gefunden.
Erst durch die modernen Rechenleistung eines Computers war die Verwendung für die Börse möglich.
Falls Sie gerne mal ein paar (hoffentlich verregnete) Wochenenden opfern wollen, dann beschäftigen Sie sich mit Fibonacci - und folgen Sie den Spuren der "Stroh-in-Goldverwandler" - ich will nicht behaupten, dass es sich nicht lohnt. Mir persönlich ist es nur zu weit weg von der "Bauernschlauheit".... die Sie für die Börse brauchen......
Aber zurück zu Murphy: Da steht: "Wissen, wo Sie sich auf die Lauer legen!"
Mit freundlicher Genehmigung von stockcharts.com
Hier ist wieder das Apple Chart. Zwischenzeitlich hat sich auch meine Vorhersage aus Regel 1 erfüllt, dass man nochmal die Chance bekommen würde, bei 145 auszusteigen.
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage: Wo lege ich mich auf die Lauer: Sicherlich, wenn Apple ein neues High erreicht. Ansonsten sehen wir, dass die Korrektur die 50% erreichte, so dass sie damit beendet sein könnte. Sehr gut möglich ist aber auch, dass der Kurs nochmal die 61.8% Marke rücktest (hier schlägt Murphy vor, sich auf die Lauer zu legen - lesen Sie die Regel nochmals!) oder sogar einen richtigen Doppelboden auf der 50% Marke.
Erst bei Kursen unter 105 oder sicherheitshalber unter 100 wird es dunkler......
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Beste Grüsse Doc


