Reaktionen ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 07. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Über das Wochenende sind viele Reaktionen auf den Artikel "sichtbare Rezession" und die in diesem Zusammenhang gestellte Frage bei mir eingetroffen. Erst einmal möchte ich mich natürlich für Ihre vielen Antwortmails bedanken. Ich kann natürlich nicht alle hier wiedergeben, aber ein paar kurze Ausschnitte will ich Ihnen nicht vorenthalten.
Eine Leserin aus dem Norden: "Sie haben leider vollkommen recht. Die Rezession ist sichtbar; auch bei uns im Norden in den "kleinen Orten, Städten. Zum Beispiel im Nordseebad Otterndorf, in Cuxhaven, ja auch in Potsdam usw. haben wir viele leere Geschäftsräume gesehen. Ich glaube, dass ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange."
Ein Leser vom Niederrhein schrieb: "Der Niedergang des Handels mangels Umsatz und folglich der Niedergang der Städte grassiert. Meine unmittelbare Nachbar-Großstadt ist Krefeld. Dort spricht man schon seit mindestens 1 Jahr von einer sterbenden Stadt und zieht Vergleiche zu inzwischen nahezu verblichenen Städten wie Duisburg u.a."
Dazu aus Duisburg: "[ ...]ich komme heute in die Fußgängerzone und sehe die Schilder des Räumungsverkaufes bei "Hoselmann-Schuhe", ein fast hundertjähriges Fachgeschäft gibt auf."
Ein Leser aus einer Stadt in Schleswig Holstein: "Wir sind hier ca. 20.000 Einwohner. Sie fragten zurück wie es bei uns mit Laden-und Gastronomie-Schließung aussieht und ich muss Ihnen sagen – leider wie in Köln auch – die gleiche Katastrophe!"
Ein Projektentwickler für Stadtentwicklung schrieb eine längere Mail, in dem er die ganzen Missstände der Stadtentwicklung im Zusammenhang mit Politik, Filz und Fehlplanung aufzeigte. Im Osten sei es sogar noch schlimmer, so sein Kommentar. In Ihren Mails wurden viele Gründe und Erklärungsversuche angegeben: Die ausgelagerten Einkaufszentren, hohen Parkgebühren, hohen Mietpreise, falsche Stadtpolitik etc.
Insgesamt zeichnen ihre Mails ein wirklich gespenstig düsteres Bild des deutschen Einzelhandels. Immer wieder wurde die Frage gestellt, war es das nun, oder ist es erst der Anfang – kommt es noch schlimmer? Eine Frage, die auch hier zum Teil sehr kontrovers diskutiert wird. Wir, also die amerikanischen Korrespondenten, Martin Weiss und ich, sind zumindest davon überzeugt, dass es in Amerika bald zum Zusammenbruch kommen wird. Nur wie lange es braucht, bis sich das auch im Bewusstsein der Amerikaner breit macht, wie lange die immense Liquidität den Markt noch stützen kann und wie lange der Dollar noch stabil bleiben kann, dass können wir Ihnen nicht sagen.
Wenn ich jedoch Ihre düsteren Mails lese und dann sehe, dass der Dax heute nach einer 50 % Rallye noch einmal über 3,5 % steigt und sein Jahreshoch bricht, dann ist das schon ein krasser Kontrast. Dass das Jahreshoch erneut gebrochen wurde, ist charttechnisch ein überaus bullishes Signal. Es gab ..., ja man muss schon sagen: es gab (Vergangenheit) mal einen Grundsatz beim Traden, der vereinfacht ausgedrückt lautete: Trade was Du siehst! Ich weiß, was ich sehe, aber ich weiß auch, was der Markt macht und das passt nicht zueinander.
Ich lese viele Kommentare von Wirtschaftswissenschaftlern, Volkswirten und Analysten. Und auch hier gibt überaus kontroverse Ansichten zu dem Fortgang der westlichen Börsen. Von: "Das war es nun!" (mit der Baisse) bis hin zu: "Das war es nun!" (mit der Welt, so wie wir sie kennen).
Die komplexen Einflüsse, Faktoren und Störfaktoren, die die Weltwirtschaft beeinflussen, vermag wohl ein menschliches Hirn alleine nicht zu verarbeiten und zu einer verlässlichen Prognose zusammenzufassen. So verwundert es nicht, dass sich die meisten Ökonome in den letzten beiden Jahren ziemlich verhauen haben. Und vielleicht hat diesmal die Masse recht und die Insider unrecht, zum ersten Mal, wer weiß. Für mich bleibt die alte Regel: Lieber kein Geld verdienen, als welches zu verlieren. Da ich dieser Rallye nicht glaube, bleibe ich möglichst aus dem Markt und beobachte – bis die Kursentwicklung wieder mit meinem Gefühl übereinstimmt.
Doch selbst wenn die Baisse tatsächlich nun vorbei sein sollte, heißt das nicht, dass wir nun wieder mit einem nachhaltigen konjunkturellen Aufschwung rechnen können. Die Geschichte hat gelehrt, dass nach solch immensen Kursverlusten immer eine Phase von durchschnittlich 16 Jahren ! Stagnation folgte. So auch in Japan. Niemand weiß, ob sich die Geschichte wiederholt. Aber immer noch sehe ich mehr Ansätze für eine ähnliche Entwicklung, als Ansätze dafür, dass es vorbei ist nun. Egal, ob die Börsen rauf oder runter gehen oder neue Jahreshochs ausbilden.
Was bleibt ist, die Berichtsaison abzuwarten. Ich bin sehr gespannt, ob die Unternehmen die hohen Erwartungen erfüllen können. Hier gilt für den Markt das gleiche wie für Einzel-Aktien. Steigt der Markt in Erwartung guter Zahlen vor den Zahlen an und werden diese Erwartungen erfüllt, dann kommt es zu Gewinnmitnahmen (Sell the good news). Werden Sie nicht erreicht, dann kommt es zu starken Verkäufen. Nur wenn die Erwartungen deutlich übertroffen werden und die Aussicht noch besser sind, als erwartet, kommt es zu Anschlusskäufen.