Ratlosigkeiten
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 22. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Offenbar herrscht Ratlosigkeit und Unsicherheit bei vielen Anleger. Ich bin ganz ehrlich, auch ich bin im Moment unsicher, wie es in den nächsten Wochen weiter gehen wird. Die amerikanischen Börsen sind heiß gelaufen und reagieren kaum noch auf gute Unternehmensnachrichten. So richtig will sich keiner mehr auf steigende Kurse positionieren. Den Märkten fehlt damit ein Impuls, etwas, das neue begründete Hoffnung oder neue Ängste generiert.
Bis dahin hilft noch die sehr bullishe Stimmung in Amerika, den Markt zu bewegen. Aber auch diese Stimmung erhält erste Risse. Immer mehr Anleger zweifeln, dass die Wirtschaft in Amerika noch Überraschungen bereit hält. Selbst die positivsten Unternehmensnachrichten aus den USA sind bereits eingepreist.
Gleichzeitig geben die Konjunkturdaten keine klare Richtung vor. Es müsste schon die US-Inflation deutlich anziehen oder der Arbeitsmarkt. Aber das geschieht nicht. Selbst die Zahlen aus der amerikanischen Baubranche gaben keine neuen Impulse. Eine Anhebung des Leitzins in den USA ist demnach nicht so schnell zu erwarten. Vielleicht kommen Impulse von den Devisen. Der kurze Einbruch des Euros ist schnell wieder aufgeholt wurden – unerwartet schnell. Die EZB versucht weitere verbale Interventionen, doch scheint sie damit nicht viel Erfolg zu haben.
So hat die EZB heute in ihrem Monatsbericht erneut Bedenken über die aktuelle Entwicklung des Euros geäußert. Trotzdem stieg der Euro wieder auf über 1,27 Dollar. Die EZB ist in einer Zwickmühle. Das Problem: So lange sich abzeichnet, dass sich die europäische Wirtschaft, angeregt durch die besseren Bedingungen der Weltwirtschaft, auf Wachstumskurs befindet, kann die EZB die Zinsen nicht senken. Es ist erklärtes Ziel der EZB, die Inflationsrate auf "knapp unter 2 %" zu senken. Eine Zinssenkung bei einer anziehenden Wirtschaft könnte die Inflationsrate schnell auf Werte über 2 % steigen lassen. Somit sind der EZB zunächst die Hände gebunden.
Offenbar wissen das auch die Devisenhändler. Also werden die Märkte testen, ob die EZB nicht doch real eingreift (nicht nur verbal). Die Frage ist: Bis wohin wird der Markt den Euro treiben können? So wie ich die Börse kennen, wird sie es herausfinden – den Euro so weit treiben, bis die EZB reagieren muss. Damit ist der Euro das heißeste Eisen, dass man zurzeit anfassen kann. Es ist ein wenig so, als ob Sie die Bruchfestigkeit Ihres Bleistifts testen und dabei vorsichtig immer mehr Kraft aufwenden. Irgendwann bricht er und dann ist es zu spät.
Mit anderen Worten: Jederzeit kann der Euro wieder derart schnell in sich zusammenbrechen, wie er es gerade vorgemacht hat. Spätestens wenn die EZB reale Interventionen ankündigt oder die USA die Zinsen anheben. Doch bis dahin kann der Euro auch steigen und weiter steigen. Schlecht für die deutsche Exportwirtschaft.
Die amerikanischen Börsen hingegen werden einen sinkenden Dollar zunächst begrüßen, denn das Außenhandelsdefizit wird dadurch verringert. Gleichzeitig steigt natürlich auch in den USA durch die niedrigen Zinsen die Gefahr der Inflation. Im Gegensatz zur EZB scheinen die USA diese Gefahr noch hinzunehmen. Meine Meinung dazu kennen Sie, sobald die US-Inflationsrate anfangen sollte deutlicher anzuziehen, werden die Märkte mit fallenden Kursen reagieren.
Immer wieder liest man, die USA sollten doch bei der aktuellen Verschuldung eine anziehende Inflation begrüßen. Das könnte zu einer inflationsgetriebenen Entschuldung des Staates und der einzelnen Bürger führen. So einfach, wie es sich anhört, ist das jedoch nicht.
Die USA hat durch den schwachen Dollar eine ausufernde Preissteigerung bei importierten Waren, insbesondere bei Rohstoffen und damit bei Energiekosten. Aber bei den Produktpreisen herrschen immer noch eher deflationäre Tendenzen vor (z.B. Rabattschlacht des Automarkts. Lesen Sie zum Thema Deflation auch den Artikel "Deflationsgefahr in den USA nicht endgültig gebannt", von Addison Wiggin weiter unten)
Sollte sich bei diesen Produkten eine inflationäre Tendenz abzeichnen wird die FED sofort reagieren müssen. Denn manche scheinen zu vergessen, dass eine ausufernde Inflation für eine Wirtschaft sehr schnell äußerst katastrophale Folgen haben kann, da eine Inflationsspirale kaum aufzuhalten ist. Inflation gehört nicht umsonst zu den meist gefürchtetsten Schreckensgespenstern der Regierungen und Notenbanken.
Osama Bin Laden gefasst ?
Gerade kommt ein Gerücht über die Ticker, dass Osama Bin Laden gefasst wurde. Ich weiß nicht, das wievielte Mal dieses Gerücht nun schon den Markt verunsicherte. Hauptsächlich haben die Devisen reagiert – aus dem Bereich Devisenhandel soll das Gerücht auch gekommen sein. Der Euro sackte um fast 1 US Cent abwärts. Wahrscheinlich wollte jemand wieder etwas billiger in den Euro reinkommen und hat absichtlich dieses Gerücht gestreut ...
Da kommt auch schon das Dementi der amerikanischen Regierung.