Waren Ratingagenturen vor der Finanzkrise eher nur wenigen Leuten bekannt, gibt es inzwischen wohl kaum jemanden, der nicht irgendwo in den Medien bereits über diese gelesen hat.
Man sollte meinen, dass damit eigentlich klar ist, um was es sich bei Rating-Agenturen handelt und welche Rolle diese an den Finanzmärkten spielen, dennoch zeigt die Erfahrung, dass es hier nach wie vor immer wieder Missverständnisse und falsche Erwartungshaltungen bei vielen Anlegern gibt (welche teilweise auch bewusst durch die Agenturen gefördert werden, aber dazu später mehr).
Was ist eine Rating-Agentur eigentlich genau?
Ganz allgemein gesagt sind Ratingagenturen (englisch credit rating agency oder kurz: CRA) privatwirtschaftliche, gewinnorientierte Unternehmen. Diese bewerten gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Unternehmen aller Branchen sowie von Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften.
Wikipedia bringt dies in unserem Falle sogar sehr gut auf den Punkt:
"Die Agenturen fassen das Ergebnis ihrer Untersuchung (Rating) in einer Buchstabenkombination (Ratingcode, kurz auch nur Rating) zusammen, die in der Regel von AAA bzw. Aaa (beste Qualität) bis D (zahlungsunfähig) reicht. Die Ratingcodes spiegeln dabei zunächst nur eine Rangfolge wider. Außerdem wird im Rating auch die Widerstandsfähigkeit gegen Konjunkturschwankungen berücksichtigt, so dass zumindest höhere Ratings auf ein dauerhaft stabiles Unternehmen hinweisen. Ratingagenturen bewerten auch die Ausfallwahrscheinlichkeit von Forderungen."
(Quelle: Wikipedia)
Ganz vollständig sind Ratingagenturen damit allerdings nicht beschrieben...
Nun erwähnt die obige Beschreibung allerdings ein paar wichtige Punkte nicht. Zwar wird sauber definiert, was eine Rating-Agentur eigentlich ist, jedoch einer der Hauptpunkte, der im obigen Absatz fehlt, ist die Macht, welche Rating-Agenturen in unserem heutigen Wirtschaftssystem zukommt.
Wenn Sie als unbedarfter Leser der obigen Wikipedia-Definition folgen, liest sich dies eigentlich relativ unbedenklich. Bei Ratingagenturen haben wir es eben mit einem Dienstleister für Finanzinformationen zu tun. So weit, so gut und völlig legitim.
Doch die Realität sieht etwas anders aus:
Zunächst einmal haben für sehr viele institutionelle Anleger die Ratings der wichtigsten Ratingagenturen (in diesem Falle Standard & Poors, Fitch und Moody’s) verbindlichen Charakter. Dies hat zur Folge, dass große Fonds in der Regel nicht in Wertpapiere investieren dürfen, die nicht über ein Mindestrating seitens der wichtigsten Agenturen verfügen.
Machen wir uns dies an einem Beispiel deutlich:
Sagen wir, wir haben das Land X. Das Land X hat bisher immer solide gewirtschaftet, doch in letzter Zeit waren die Politiker zu verschwenderisch und daraufhin entscheiden die ersten Rating-Agenturen, dass das Credit Rating von Land X stark reduziert werden soll. Die Meldung gelangt also an die Öffentlichkeit.
Nun halten jedoch eine ganze Reihe institutioneller Investoren nach wie vor Schuldverschreibungen von Land X. Diese müssen nun zwangsweise abgestoßen werden, da die entsprechenden Investoren selbst an gewisse Mindestratings gebunden sind, welche die Papiere, die in ihrem Portfolio sind, haben müssen.
Die Folge solch einer Aktion ist damit allerdings, dass die Papiere von Land X am Markt noch mehr unter Druck geraten und damit Land X niedrigere Anleihekurse bekommt, was wiederum zu erhöhten Zinsen und mehr Druck im Haushalt von Land X führt.
Nun wäre sicherlich auch das akzeptierbar, wenn nicht...
die drei wichtigsten Ratingagenturen der Welt alle in USA ansässig wären und über enge Verbindungen zur US-Politik verfügen. Es gab daher bereits nicht selten schon inoffiziell geäußerte Beschwerden und Verdachtsmomente zahlreicher Kritiker, dass die großen Agenturen seitens der USA Ratings zur politischen Erpressung anderer Länder eingesetzt würden.
Die Ratingagenturen und die Schuldenkrise
Und auch in der Schuldenkrise 2008 spielten Rating-Agenturen großteils eine, um es vorsichtig zu formulieren, zweifelhafte Rolle.
Deutlich zu langsam wurden offensichtlich wertlose Ramschpapiere herabgestuft und in großem Stile Bestnoten für wertlose Papiere gegeben und damit die riesige Spekulationsorgie erst möglich gemacht.
Dies wird umso deutlicher, wenn Sie einmal einen Blick in das genaue Geschäftsmodell einer solchen Agentur werfen. Denn dann wird schnell deutlich, dass eben nicht zu jedem Unternehmen ein Rating existiert, sondern dieses in der Regel selbst an eine Ratingagentur herantritt und für die Erstellung des Ratings zahlt.
Die Ratingagentur erstellt hierbei eine Risikobewertung für die Hand, welche sie „füttert“. Dazu kommt, dass sie dabei selbst kein finanzielles Risiko durch diese Bewertung zu tragen hat, da sie ja selbst an die Firma keinen Kredit vergibt und in den AGBs der Ratingagenturen in der Regel Regressforderungen, welche durch das Befolgen des Ratings entstehen, ausgeschlossen werden. Nicht selten ergibt sich so ein Interessenkonflikt und eine zu hohe Nähe zum Bewerteten.
Daher ist sicherlich auch kaum verwunderlich, wenn man dann liest, dass etwa die amerikanische Börsenaufsicht SEC rechtliche Schritte gegen verschiedene Rating-Agenturen prüft, die ordentlich mithalfen, dass es überhaupt erst zur Finanzkrise kam.
Der „kleine Mann an der Börse“ wird hier natürlich kaum etwas ändern können, jedoch sollten Sie als Anleger bezüglich der Rating-Agenturen drei wichtige Dinge für sich mitnehmen:
- Ratings von Ratingagenturen sind mehrheitlich nicht objektiv.
- Ratingagenturen genießen dennoch eine hohe Macht an den Märkten.
- Verlassen Sie sich niemals auf die Richtigkeit oder Werthaltigkeit eines Ratings, sondern führen Sie stets ihr eigenes Research nochmals zur Sicherheit durch.
Ratingagenturen werden wohl nicht mehr von den Märkten verschwinden, trotz ihrer mehr als fragwürdigen Rolle in der Finanzkrise. Daher bleibt Ihnen als privater Anleger nicht viel mehr als zu wissen, wie man mit den Agenturen und durch deren Ratingänderungen verursachten Kursbewegungen richtig umgeht. Und wenn Sie die drei oben genannten Grundprinzipien hierbei befolgen, dürften Sie sehr gut aufgestellt sein.
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