Rallye der Industriemetalle - nicht von Pappe
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 12. April 2007 07:30 Uhr
ENL5462
Wie üblich in Phasen steigender Kurse hören Sie in den Medien reichlich Optimisten, die mit dehnbaren Argumenten wie zukünftigen Gewinnsteigerungen und Liquidität begründen, warum die Kurse nicht nur bis jetzt ungewöhnlich schnell ungewöhnlich weit gestiegen sind, sondern auch – klar – auch weiterhin steigen werden.
Was Sie nicht hören, sind Querverweise zu handfesten, zähl- und sichtbaren Rahmenbedingungen wie Devisenmarkt, Inflation, US-Konjunktur, Rohstoffpreisen oder den aktuellen, greifbaren Unternehmensgewinnen. Der Grund ist recht einfach: Das passt jetzt gerade nicht. Denn diese Rahmenbedingungen sind nicht positiv und passen folglich nicht ins Bild. Würde die US-Inflation zurückgehen, die Metallpreise fallen, die US-Unternehmen deutlich mehr als erwartet verdienen oder der Dollar steigen – Sie würden davon in den Medien zugepflastert, dass Ihnen Hören und Sehen verleidet wird. Aktuell indes herrscht Funkstille. Passt nicht ins Bild – also weg damit.
Daher fühle ich mich schon ein wenig einsam, wenn ich schüchtern und leise zumindest anmerke, dass mir da gewisse Parallelen zu der Phase vor genau einem Jahr auffallen. Sie erinnern sich, das war die Zeit vier Wochen vor Beginn der großen Korrektur. Und zwei, drei Monate nach den kurzen Korrekturen im Januar und März 2006, nach denen allgemein angenommen wurde, ab jetzt gehe es nur noch rauf, weil das Thema Korrektur ja schon erledigt und der Markt bereinigt sei.
Die Aspekte, die aktuell so gar nicht ins Bild eines im Alleingang immer weiter steigenden deutschen Aktienmarkts passen, habe ich Ihnen ja in den vergangenen Tagen immer wieder dargelegt. Es juckt mich in den Fingern, es täglich zu tun, aber ich will es Ihnen wirklich nicht antun. Nur eines, weil neu:
Höchst skeptische US-Bürger
Eine aktuelle Bloomberg-Umfrage unter US-Bürgern ergab, dass 60% erwarten, dass die USA noch in diesem Jahr in eine Rezession rutschen. Dieselbe Umfrage ergab in 2000 das selbe Ergebnis – und es bewahrheitete sich. Gestern fegte ein Analyst, daraufhin angesprochen, die Angelegenheit mit einer klaren, faktenbezogenen Argumentation vom Tisch: ‚Diesmal werden die Bürger sich irren’. Basta. Aha. Na dann kann ja nichts passieren ...
Und doch, trotz dergleichen knallharter Argumente erhebe ich meine Stimme. Es ist nicht angenehm, in der Minderheit zu sein, vor allem nicht, wenn die so genannten Bullen ihre Argumente (wo vorhanden) in diesen Wochen wieder besonders aggressiv verteidigen. Unlängst forderte ein (angeblicher) Journalist einen Maulkorb für diejenigen, die mit bearishen Argumenten den Markt herunterreden würden. Es ist beeindruckend, dass das Recht zur Meinungsfreiheit bei nicht wenigen sofort aufhört, sobald diese Meinung nicht der eigenen entspricht.
Trotz dieses Gegenwindes heute zu den Metallen. Einer muss sich ja darum kümmern, weil die „Bullen“ diese Charts nur zeigen, wenn die Kurse gerade fallen. Und ich halte es nicht für fair, dem Privatanleger nur das unter die Nase zu halten, was er gerade sehen soll. Es ist mein Job als Daily Observer, gerade das Gegenteil zu tun: Ich zeige ihnen mit Wonne Charts, die anderen nicht ins Konzept passen. Heute:
Kupfer und Nickel greifen nach den Sternen
Sehen Sie sich mal den Kurs des Nickels an (leider ohne Mittwochs-Kurse die bekomme ich immer erst Donnerstag Vormittag ... ha!). Kurz-, mittel-, langfristig völlig intakte Aufwärtstrends. Das Hoch damals im Mai 2006, nach der ersten Metall-Rallye, lag bei 23.000 Dollar pro Tonne. Heute, bei 52.350 Dollar, sollte man langsam überlegen, den Nickel aus alten Geldmünzen rauszukratzen. Dieser extreme Preisanstieg ist – bei zugleich ziemlich zügig steigenden Löhnen – eine Belastung für die verarbeitende Industrie. Nickel ist, ebenso wie Kupfer, das Sie im nächsten Chart sehen, ein sehr viel eingesetzter, wichtiger und nicht einfach ersetzbarer Rohstoff. Solche Kostensteigerungen schlagen entweder auf die Preise (mit der Konsequenz Inflationsdruck) oder bei konstanten Preisen auf die Gewinne. Gut ist keine der beiden Alternativen.
Kupfer, in 2006 noch der absolute Überflieger bei den Industriemetallen, muss aktuell erst noch die damaligen Hochs um 8.800 Dollar pro Tonne schaffen. Aber das ist kein Argument zur Entwarnung, wie gesagt: Nichts stieg bei den Rohstoffen in 2006 so extrem und schnell wie Kupfer. Und es ist auf bestem Wege: Wie vor einem Jahr wird die Rallye immer schneller, immer steiler und hat dabei die letzten markanten Widerstandslinien bereits durchstoßen.
Sicher, dergleichen Fahnenstangen enden immer in einem schlagartigen Wegbrechen der Kurse. Aber gerade das letztjährige Beispiel hat gezeigt, dass es bis dahin noch ein paar Wochen dauern kann. Denn ich vermute, dass immer noch ein paar „Eiserne“ an deutlich unter Wasser liegenden Shortpositionen festhalten. Wenn ich mir die Zunahme der Umsätze in den Derivatemärkten, die auch und gerade die Metalle dominieren, so ansehe, ist diese bisherige Rallye durchaus noch zu toppen – und die 8.800 im Kupfer nicht illusorisch. Erst, wenn der letzte „Bär“ kurz vor dem letzten Margin-Call entnervt aufgibt, dürfte den Kursen die Luft ausgehen. Und wie gesagt, das kann noch ein bisschen dauern. Ich kenne schließlich sogar Menschen, die haben Dax-Puts!
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