Rätseln über Kurseinbruch
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 21. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
10.30 Uhr Dax und Euro Future brechen plötzlich fast senkrecht um ca. 40 Punkte weg. Ich war gerade dabei einen Kaffe zu kochen. Wie sehr doch der 11.September immer noch in den Knochen sitzt. Als ich zurück kam war mein erster Gedanke: Anschlag! Kann nicht sein, dafür ist der Absturz zu moderat ... Der zweite Gedanke: Schlechte Konjunkturdaten. 10.30 Uhr? Was soll denn da gekommen sein? Hektische Suche. 8.00 Uhr Ausgaben Tabakwaren 2. Quartal: Anstieg um 7,5 % auf 6,2 Mrd. Euro (Deutschland). Teure Sucht ... Aber das war es natürlich auch nicht, zudem zu früh.
Also was ist los? Kurz in die Borads geschaut – auch nichts. Später berichten die Medien von Gerüchten über eventuelle Fondsverkäufe. Ein großer Fond soll 60.000 Kontrakte im Dax Future los werden wollen. Kann ich kaum glauben, das geht auch wesentlich unauffälliger(obwohl 60.000 Kontrakte ist eine gigantische Zahl. Je Punkt im Dax gewinnt/verliert ein Kontrakt 25 Euro. Das heißt je Dax-Punkt würde dieser Fond 1,5 Mio. Euro gewinnen oder verlieren)
Ein anderes Gerücht will von einem Hedge-Fond wissen, der aufgelöst werden soll. Im Moment sterben viele dieser Hedgefonds – das könnte sein. Ich frage mich nur, warum sollte ein Hedge Fond aufgelöst werden, wenn er doch mit seine Daxfuture – Longs weit im Plus sein müsste? Naja, wer weiß wo die anderen Positionen standen. Vielleicht hat aber auch nur mal wieder ein Praktikant aus Versehen den falschen Knopf gedrückt, oder die falsche Zahl eingetippt.
Nichts. Keine Erklärung – zurücklehnen – Wir sind eventuell an einem Top. Da kommt es gerne mal zu solchen Verkäufen. Das habe ich schon häufiger beobachtet. Andererseits bringen die Autowerte DaimlerChrysler und VW in dieser Woche Zahlen, die eventuell wesentlich schlechter ausfallen als prognostiziert. Besonders die Ergebnisse von Chrysler werden ängstlich erwartet. Hat es vielleicht damit zu tun? Wer liegt denn hinten im Dax ... Die beiden Autowerte: Daimler, VW und dann noch Metro, MLP und Linde. Alles seltsam.
Vor dem 11. September kam es zu plötzlichen Verkäufen. Was ist eigentlich aus den damaligen Untersuchungen geworden? Wahrscheinlich eingestellt. Aber wir wollen ja nicht zu schwarz sehen und die Verkäufe vor dem 11. September waren ebenfalls nicht derart auffällig.
Nun gut, der Future-Dax rutschte gerade noch einmal weg und steht jetzt bei 3005 Punkten. Sollte das Gerücht mit dem Fond stimmen, erinnert mich das daran, dass ich vor Tagen das Gerücht gehört habe, Institutionelle wollen nach Erreichung der 3400er Marke verkaufen. Ist es nun soweit?
Nach diesem Anstieg der letzten Wochen sind 2 % Minus im Dax noch nicht sonderlich bemerkenswert. Sollte es aber in den nächsten Tagen zu ähnlichen Ereignissen kommen, dann dürfte es das vorläufige Ende dieser Rallye sein. Was dafür spricht ist, dass sowohl der Euro als auch Gold wieder deutlich ansteigen.
Was gibt es sonst Neues? Das englische Pfund sinkt, aufgrund der Regierungskrise im Zusammenhang mit dem Irakkrieg. Das sind mal wieder die Devisenspekulanten unterwegs, ein gefundenes Fressen. Aber nicht nur Blair leidet unter den fehlenden Massenvernichtungswaffen des Irak. Auch Bush verliert zunehmend die Unterstützung in der Bevölkerung.
51 % (zuvor 41 %) der Amerikaner zweifeln mittlerweile an der Führungsqualität ihres Präsidenten. Aber ebenfalls 51 % halten Bush für ehrlicher als die meisten Präsidenten vor ihm. Erstaunlich, angesichts der aktuellen Diskussionen über Fehlinformation im Vorfeld des Irakkrieges. Aber wenn Sie bedenken, dass 55 % glauben, dass Bush von der Richtigkeit der Berichte ausgegangen ist, dann wird wiederum klar warum 51 % seine Führungsqualität in Frage stellen.
Ich muss wirklich schmunzeln. Wie Sie wissen, ist der US-Konsumklimaindex der Uni Michigan eigentlich kaum gestiegen. Das hatte die Märkte enttäuscht. Doch die Optimisten üben sich in Optimismus: Angesichts des nur mäßigen Anstiegs soll nun die US-Steuersenkung nachhelfen. Sie soll in der nächsten Zeit den Konsum anregen und damit das Konsumentenklima verbessern.
Wenn, ja wenn nicht die enorme Verschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit wären. Anscheinend vergessen die Optimisten, dass sich die Erwartungen der Konsumenten für die "künftige" wirtschaftliche Entwicklung bereits leicht eingetrübt haben, trotz der bullishen Gesamtstimmung.