Ra-ra-Rasputin

J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom


von J. Christoph Amberger in Baltimore

Einmal im Jahrzehnt fragt mich mein in Berlin lebender Bruder, wann ich denn nun vorhabe, meinen Krempel aus seinem Keller zu entfernen.


Ich nehme an, dass er möchte, dass ich meine ca. 200 Vinyl-Schallplatten – die ich damals 1989 bei meiner Auswanderung in die USA bei ihm hinterlassen habe – entweder zum Wegwerfen freigebe oder über den großen Teich schiffen lasse. Normalerweise frage ich dann, was sein Problem ist: Denn wieviel Platz braucht ein Paar ohne Kinder denn wirklich?

Nebenbei gesagt, was soll man heutzutage mit Vinyl-Schallplatten? Ok, wir haben immer noch einen Bang & Olufsen Plattenspieler, der Staub fängt. Aber ehrlich gesagt sieht es so aus, als ob sogar die Packen CD's, die die Stereoanlage wie den Isenheimer Altar einreihen, bald obsolet sein werden. Denn wer will sich schon mit CD's abgeben, wenn man einen iPod hat?

Ich habe selbst einen iPod erhalten, letztes Jahr als Weihnachtsgeschenk. Aber ich kümmere mich nicht groß darum. Zum größten Teil deshalb, weil ich es nicht mag, dass mir Musik direkt ins Gehirn geführt wird, wodurch die Geräusche der Umgebung nicht mehr wahrgenommen werden. Und außerdem erfordern die Designer-Ohrstöpsel, dass man Designer-Ohren hat. Die habe ich nicht: Ich bräuchte eine Sicherheitsnadel, damit die halten. Und ehrlich gesagt: Wie viele ruhige Momente hat man schon an einem normalen Tag?

Zumindest ist das meine Ansicht, und daran halte ich fest.

*** Aber der iPod ermöglicht es, online zu gehen und alle die besten Songs, an die man sich erinnern kann, runterzuladen, für weniger als den Preis von 10 CDs. Und ohne die Katzenmusik, mit denen die Bands ihre Alben verlängert haben.

Diese Auswahl im Internet schlägt den größten Musikladen, den Sie sich vorstellen können. Nichts ist zu obskur, nichts zu "un-hip", als dass es nicht irgendwo online wäre. Ich bin im Deutschland der 1970er und 1980er aufgewachsen, und jetzt endlich kann ich meiner amerikanischen Ehegattin und meinen Kindern demonstrieren, wie mich europäische Pop-Musik zu dem Ludditen gemacht hat, der ich jetzt bin.

Es ist allerdings ein unangenehmer Blick, den ich erhalte, wenn ich bei Liedern wie Boney M.'s "Ra-ra-Rasputin" mitsinge, während die eigenen Kinder vorgeben, man sei ihr wahnsinniger Onkel aus Permambuco. Das Konzept der "Playlist" hat die Radioindustrie über Nacht verändert. Welcher Mensch, der bei Verstand ist, würde in konstanter Wiederholung den Östrogen-angereicherten Weisen von Natalie Merchant, Alanis Morisette und den Dixie Chicks zuhören, wenn es ein nahezu unbegrenztes Repertoire an selbst zusammengestellten, weniger-als-respektablen Liedern gibt?


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