Provence
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
1000 km südlich von Köln. Ziemlich genau 1000 km ... 9 Stunden Fahrt bei strahlender Sonne. Ein Abendessen und viel Rotwein. Endlich Urlaub! Hier herrscht strahlender Sonnenschein, Temperaturen um 28–30 Grad, der erste leichte Sonnenbrand und ein genussvoller Nachmittag in St. Remy. Die Stadt hatte am Sonntag Künstler eingeladen, ihre mehr oder minder qualitativ hochwertigen Bilder in den Straßen St. Remy auszustellen. Das einzige der vielen 1000 Bilder, das ich mir wirklich in die Wohnung gehängt hätte, habe ich dann letztlich doch nicht gekauft.
Ein Gespräch mit einem Franzosen, der auf Haiti Bilder von ortsansässigen Künstlern für wenig Geld einkauft, um sie für ungleich mehr in Frankreich unter die Leute zu bringen – pendeln zwischen Haiti und Frankreich ... auch eine Art zu leben.
Außerhalb der sonnigen Provence startet gerade die deutsche Börse und hüpft über die 3000er Marke. Bei den US-Börsen war es am Freitag nun nicht mehr zu dem erwarteten Abverkauf gekommen. Unter den Tradern kam es deswegen am Freitagabend noch zu heftigen Diskussionen darüber, ob hier nur Anleger in den Markt gezogen werden sollten, oder ob die Ralley tatsächlich weiter gehen wird. Die Prognosen für den Dax gehen nun von 3150–3400(50) aus. Ich bin immer noch ein wenig skeptisch und warte den heutiogen Verlauf noch ab.
Denn die Charts der internationalen Indizes sehen noch immer nicht gut aus. Die Wirtschaftsdaten aus Deutschland, insbesondere unter Berücksichtigung des hohen Euro, lassen im Moment auch noch nicht den Schluss zu, dass es wirklich bergauf gehe. Allerdings lässt der starke Euro vermuten, dass sich die Europäischen Zentralbank (EZB) veranlasst sieht, die Zinsen zu senken. Die amerikanischen Wirtschaftsdaten hingegen haben sich tatsächlich verbessert. Nun ist nicht nur das Verbrauchervertrauen angestiegen, sondern auch die Auftragseingänge erhöhten sich, besonders die der langlebigen Güter. Ist das nur eine Erholung auf Normalniveau nach dem Irak-Krieg oder der Beginn einer Trendwende? Hier ist der Arbeitsmarkt nun ein wichtiger Indikator: Sollte es jetzt noch zu einer deutlichen Beruhigung auf dem US-Arbeitsmarkt kommen, dann ist auch mit einer Verbesserung der anderen Konjunkturindikatoren der Wirtschaft zu rechnen. Sollten die kleinen Investoren diesmal wirklich gegen die Institutionellen richtig liegen? Freuen würde mich das ja schon, nur glauben kann ich es kaum.
Der heutige Morgen an den europäischen Indizes ist zudem davon geprägt, dass die britischen Börsen heute geschlossen sind. Das wirkt sich natürlich auch auf die Kurse in Deutschland aus. Interessant bleibt die Entwicklung der amerikanischen Börsen: Sie schleichen sich von Tag zu Tag ins Plus, offenbar gezogen von den kleinen optimistischen Investoren. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn die amerikanischen Börsen immer wieder ins Plus gezogen werden, könnte das die Bären mürbe werden lassen. Wie gesagt, rechnen Sie damit, dass an den Börsen alles passieren kann und oft genug das, womit keiner rechnet. Meine Gesamteinschätzung bleibt weiterhin jedoch bearish.
Noch kurz zur Politik:
Haben Sie die Rede zur Nation von Präsident Bush gehört? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie ihn reden hören. Mir wird zunehmend mulmiger, wenn ich höre, dass der Irakkrieg eine Art neuer Ära des Krieges eingeleitet habe, bei dem tatsächlich die Schuldigen bestraft würden und Zivilisten am Leben blieben (in diesem Irak-Krieg sind sicherlich mehr Zivilisten gestorben als Schuldige); wenn ich lese, dass die Welt geteilt wird in für oder gegen die US-Amerikaner; wenn ich lese, wie leicht es nun ist, Länder zu "befreien", wenn auch nur der Verdacht besteht, dass sie terroristische Aktivitäten unterstützen. Die Beweise dafür im Irak blieb Amerika indes schuldig. Amerika fühlt sich offenbar mehr als bestätigt in seiner selbsternannten Rolle die Geschicke dieser Erde zu lenken und zu leiten. Ich denke, es warten noch weitere Kriege auf uns.