Prognosen für China
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 20. Oktober 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Ich gehe fest davon aus, dass Geld und Macht vom Westen in den Osten fließen. Es ist einer der großen Trends.
Aber wie viel davon und wie schnell, das weiß ich nicht. Doch sowohl in der Theorie, als auch in den Schlagzeilen, steigt der Osten. Es gibt ebenso wenig einen theoretischen oder praktischen Grund, warum dieser große Trend in der nächsten Zeit zu Ende gehen sollte.
Gleichzeitig gehe ich fest davon aus, dass jeder, der beiläufig in China investiert, genau das bekommen wird, was er verdient hat. Man kann hinsichtlich des großen Trends sehr richtig liegen, liebe Leser, und immer noch sein Geld verlieren, wenn man darauf setzt.
China ist genau das gleiche Land, das Mao Tse Tung über drei Jahrzehnte zugelassen hat. Erst vor einer Generation haben Massen von Chinesen die Straßen gefüllt und den armen „Intellektuellen“ oder den „kapitalistischen Wähler“ mit sich gerissen, damit er gedemütigt, gefoltert oder sogar hingerichtet werden konnte. Welches Verbrechen musste man begehen, um eine solche Behandlung zu verdienen? Überhaupt keines. Man hat vielleicht nur ein Buch gelesen. Man hat vielleicht einen Kommentar wie „ist es wirklich notwendig, dass ich der Partei berichte, was meine Frau und ich im Privaten besprechen?“ geäußert. Man hat vielleicht den einfachen Fehler begangen, ein Schwein zu viel im Hinterhof zu halten. Oder man war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
China war ganz klar der falsche Ort und die 1960er waren ganz klar die falsche Zeit. Nur ein verdammter Idiot wollte damals dort sein. Aber heute, sagen die Anzugträger, ist das neue China ein angesagter Ort. Die Ausländer können es gar nicht erwarten, dorthin zu kommen. Und wenn sie selbst nicht hinkommen können, dann schicken sie ihr Geld hin.
Die Sachinvestitionsquote macht schon fast einen Anteil von 50% des Bruttoinlandsprodukts aus. Das ist teilweise ein Grund, warum der Osten so schnell wächst ... und teilweise eine Folge. Schnelles Wachstum macht gewaltige Kapitalinvestitionen notwendig. Aber es zieht auch Kapital an, Investoren wollen einsteigen. Und die Folge, liebe Leser, ist das Phänomen, mit dem wir gerade leben ... eine Welt von „denkenden, erwartungsvollen Wesen“, wie Nobelpreisträger Edmund Phelps einst gesagt hat.
Das die Investoren erwartungsvoll sind, steht außer Frage. Aber dass sie denken, ist bestreitbar.
Leute die in China investieren rechnen damit, viel Geld mit dem „Aufstieg des Ostens“ zu machen. Sie haben die eine oder andere Reise ins Reich der Mitte unternommen, und sie sind vielleicht überzeugt, dass es das Zentrum des gewaltigen Umbaus ist ... und vermutlich auch ziemlich überzeugt, dass sie den einen oder anderen Dollar rausschlagen können. Sie haben gesehen, wie Kräne aufgerichtet wurden, wie Fabriken entstanden, sie haben die Zahlen wie Pilze aus dem Boden schießen sehen und vielleicht sind sie auch beinahe von einem rasenden Mercedes über den Haufen gefahren worden. Was auch immer der Fall ist, sie können nicht anders als zu denken, dass sie einer großen Sache auf der Spur sind. Also bringen sie noch mehr Investitionskapital in das Land, um davon zu profitieren.
Aber an dieser Stelle scheint das Denken aufzuhören.
Yogi Berra hat einmal über ein Restaurant gesagt: „Oh, niemand geht mehr dorthin, es ist wohl zu überfüllt.“ Als er das sagte, hat er das Problem der Investoren genauso wie das Problem der Restaurants hervorgehoben. Ein gutes Geschäft ist nur dann ein gutes Geschäft, wenn nicht zu viele davon profitieren wollen. In der Welt der Restaurants werden gute Restaurants schnell zu überfüllt ... das Personal wird schlechter ... die Preise steigen. In der Welt der Investitionen jagt das Kapital auch schon bald den zu rar gesäten guten Gelegenheiten hinterher.
Den ersten Investoren in einen neuen Trend geht es oft noch sehr gut. Sie sind in der Lage, sich die besten Möglichkeiten zu den vernünftigsten Preisen herauszupicken. Die, die später kommen, haben zunehmend weniger Möglichkeiten ... und zunehmend höhere Preise. Und mit den Preisen steigen auch die Erwartungen. Aber wenn die Erwartungen steigen, dann lässt das Denken nach. Wenn die Menge an Geld, die in einen Markt fließt, steigt, dann sollten logischerweise auch die Preise steigen und die Attraktivität der Möglichkeit sollte nachlassen. Aber die Investoren sind nicht bloß denkende Wesen ... und nicht einmal in erster Linie denkende Wesen. Dass sie überhaupt denken ist oft schon bestreitbar. Aber dass sie sich eher von ihren Gefühlen als von ihren Gedanken leiten lassen, steht außer Frage.
Asien hat vor vielen Jahren angefangen, sich zusammenzureißen. Ein Land nach dem anderen hat sich aufgerichtet, den Staub abgeklopft und ist an die Spitze der Liste der ausländischen Investoren geschossen. Singapur war Mitte der 1980er Liebling der weltweiten Investoren, mit einer Sachinvestitionsquote, die der von China heute glich. Dann gelangte Japan auf die Bestenlisten und stieg bis 1990 ... als es dann für die nächsten 16 Jahre wieder von der Liste verschwand. Die späten 1990er brachten Thailand, Malaysia, Korea und Singapur in die obersten Finanzschlagzeilen – zuerst weil sie die Sachinvestitionsquote des Bruttoinlandsprodukts auf über 40% brachten, und dann, weil sie einbrachen.
Und jetzt ist China an der Reihe. Es ist ein so großes Land ... und eine solche Gelegenheit ... dass es einen großen Teil des Investitionskapitals der gesamten Region aufgesaugt hat. China allein hat eine Sachinvestitionsquote von über 30%.
Was kommt als nächstes für China? - Irgendein Crash wäre meine Vermutung.