Prognosen 2007: Bären sind hier unerwünscht ...
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 22. Dezember 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Es ist alles andere als nett, vielleicht sogar unfair. Aber angesichts der gestrigen Konjunkturdaten befiel mich ein schadenfrohes Grinsen. Wohl vor allem, weil nun in den Medien die unvermeidliche Prognose-Session losgetreten wurde. Das freie Glaskugelstoßen mit Kaffeesatz statt Magnesium an den Händen ... um die Sache schön im Griff zu behalten.
Da hörte ich gestern so allerhand, was mich bewog, über die Beantragung einer Gefahrenzulage nachzudenken. Ob Analysten großer Bankhäuser, Sentiment-Forscher oder private Vermögensverwalter – sie sind alle sehr optimistisch, dass wir 2007 ein gutes Jahr bekommen werden.
2007 wird einfach nur bullish ... sagt man
Da hörte ich gestern, dass die momentanen Prognosen hinsichtlich des US-Wachstums zu defensiv seien und man eher +3,7% BIP-Zuwachs statt der momentan im Schnitt erwarteten +2,7% sehen werde. Im Jahresdurchschnitt, wohlgemerkt. Und dass die momentanen, leichten Belastungsfaktoren doch zu hoch bewertet wären, wenn man sich die robuste Verfassung der US-Konjunktur ansehe. Es gäbe daher auch – das hörte ich gestern gleich dreimal – keinerlei Grund für die US-Notenbank, die Zinsen zu senken. Ach so?
Kurz darauf erwartete ein Rohstoffanalyst, dass die von der OPEC angestrebten 65 Dollar pro Barrel nächstes Jahr wohl im Schnitt übertroffen würden. Wieder ein anderer sprach von einem in Kürze wiedererstarkenden Dollar mit Blick auf die klaren Wachstumsvorteile der USA, während eine halbe Stunde später ein Sentiment-Forscher davon ausging, dass sich der zuletzt begonnene Abwärtstrend des Dollar noch fortsetzen werde.
Und als Sahnehäubchen bekomme ich den brandaktuellen Hinweis, dass die europäischen Aktien gegenüber den USA nach wie vor billig seien (... wenn man nur das KGV mit ausreichend weit in die Zukunft extrapolierten, stetig und unbeirrbar von äußeren Einflüssen steigenden Gewinnen heranzieht). Was in Klammern steht, hat der nette Mann vergessen zu erwähnen, daher erlaubte ich mir, es hinzuzufügen.
Und wieder müssen Bären draußen bleiben
Ich weiß also Bescheid: Alles wird steigen: Euro, Öl, Konjunktur und Aktien. Das passt ja alles wunderbar zusammen ... oder nicht? Eben. Oder nicht.
Ich habe es mir ja bereits vor mehreren Tagen nicht verkneifen können, auf diesen Prognosen herumzuhacken. Aber was sonst soll ich auch an dieser Stelle tun? Keiner kann wissen, was das kommende Jahr bringt. Dazu sind es zu viele Einflussfaktoren, die unter- und aufeinander wirken und so letztendlich, vereint mit oft emotionalen Reaktionen von Millionen von Individuen weltweit, die Kurse machen. Wieso in aller Welt soll daher egal welche Prognose auch wirklich eintreffen ... es sei denn, durch reinen Zufall? Haben die vergangenen Jahrzehnte denn nicht genug Beweise geliefert, dass diese Kaffeesatz-Leserei Unfug ist?
Offenbar nicht. Ich kann nicht herausbekommen wie hoch der Anteil der Leser, Zuhörer oder Zuschauer bei solchen Vorausblicken ist, die so etwas wirklich glauben. Zumal einem dieser Tage binnen zwei Stunden drei verschiedene Versionen der Zukunft geliefert werden. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man hier so breit streut, damit für jeden Anleger etwas dabei ist, dem er zustimmen kann ... und so am Ende alle zufrieden sind. Schließlich gibt es immer noch viele Marktteilnehmer, die nur die Meinungen für richtig halten, die ihren eigenen Depot-Positionen entsprechen.
Nur eine Gruppe, ohnehin fast vom Aussterben bedroht, geht völlig leer aus: Die Bären. Für Pessimisten ist bei Prognosen kein Platz, vor allem, was den Aktienmarkt betrifft. Seltsam, meinen sie? Weil es doch schließlich auch Börsenjahre gibt, die unter dem Strich im Minus enden?
Nein, seltsam ist das nicht, leider. Denn wer in diesen Tagen in den Medien Börsenprognosen abgibt (bzw. abgeben darf), dessen Arbeitgeber ist immer daran interessiert, an den Anlegern zu verdienen. Es ist nicht im Sinne eines Fonds oder einer Bank, wenn man den Kunden mitteilt es wäre besser, jetzt langsam mal seine Aktien oder Fondsanteile zu verkaufen und ein paar Monate neutral zu bleiben, um dann nach einer Korrektur wieder einzusteigen. Weit lukrativer ist es, so viele Menschen als möglich in die Börsen hineinzubringen .. und wieder hinaus ... und wieder hinein. Jeder Kauf und Verkauf bringt Gewinn. Und das erreichen Sie nicht mit bearishen Prognosen ... selbst, wenn es dazu allen Grund gäbe. Lieber lässt man die Anleger, die diese Reden glauben, in der Hoffnung, es käme wirklich so ... um dann erneut zu verdienen, wenn sie in unerwarteten Korrekturen nervös aussteigen ... um dann bald darauf zu wieder höheren Kursen wieder einzusteigen ... und so fort.
Es geht aufwärts ... wie immer?
Dementsprechend gibt es jedes Jahr aus Neue um die Weihnachtszeit nur eine Prognose: Es geht aufwärts – wohin auch sonst! Die Unterschiede finden sich nur im Ausmaß der zu erwartenden Aufwärtsbewegung. Aber ein Jahr 2007, das im Minus endet? Gibt’s nicht, haben wir nicht und kriegen wir auch nicht mehr rein ...
Manch ein Leser mag mich nun für solche Unterstellungen schelten. Aber ich habe nun 16 Jahre lang Tag für Tag die Börsen verfolgt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass einmal ein Bankanalyst in der Jahresprognose gewarnt hätte, das Jahr werde im Minus schließen. Und es ist meine Aufgabe, so viel wie möglich dieser Dinge zu lesen, zu sehen und anzuhören. Es mag ein Zufall sein ... aber wenn dem so ist, wäre er genauso wahrscheinlich, wie in der Wüste vom Blitz getroffen zu werden.
Dennoch ... kalkulieren wir die Möglichkeit ein, dass ich mich irre. Dass also entweder die letzten 16 Börsenjahre am Aktienmarkt alle im Plus endeten und ich nur nicht rechnen kann oder aber dass ich immer dann bewusstlos am Schreibtisch zusammensacke und es danach nicht mehr weiß, wenn bearishe Prognosen gesendet werden. Oder aber diese Bank- und Fondanalysten glauben tatsächlich an das, was sie prognostizieren und irren sich nur schrecklich oft. Mag ja sein.
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