Prioritätenwandel
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 5. Oktober 2011, 07:30 Uhr
ENL5454
Überall wo ich hinschaue in der entwickelten Welt ist der Fokus auf das "immer mehr" verschwunden. Man kann nicht immer mehr Produkte verkaufen, weil die Bevölkerung kaum noch wächst...oder sogar schrumpft.
Man kann nicht immer größere Häuser bauen - wer hat das Geld, die zu kaufen...oder die zu beheizen?
Auch größere Autos sind "out" - der Benzinpreis steigt. In den ersten 200 Jahren des Maschinen-Zeitalters hatten wir die gesamten Energie-Reserven der Welt fast für uns. Die waren leicht verfügbar...und billig. Jetzt sind die tief in der Erde...weit entfernt, aufwändig zu erhalten...und wir müssen mit 3 Mrd. Menschen in den "Emerging Markets" in Wettbewerb treten um diese Rohstoffe.
Ende der alten Erfolgsformel
Man kann es also vergessen, dass man durch mehr Energie-Einsatz weiter wächst. Das war die Erfolgsformel für 200 Jahre. Aber jetzt haben wir den Punkt des "abnehmenden Grenznutzens" erreicht. Mehr Energie-Input - zu höheren Preisen - zahlt sich nicht aus.
Man kann nicht mehr Geld ausgeben - weil man nicht mehr Geld hat. Man kann sich auch nicht mehr leihen, weil man das nicht zurückzahlen kann.
Deshalb bewegt sich die entwickelte Welt...weg vom "mehr", hin zum "besser". Das kann ich derzeit eindeutig in Europa sehen. Die Leute wollen nicht unbedingt mehr haben. Sie schauen nach Möglichkeiten, zu sparen, und das zu genießen, was sie haben. Sie wollen keine größeren Häuser...sie wollen ein besseres Haus. Sie wollen nicht mehr Essen...sie wollen besseres Essen. Sie wollen nicht mehr Geld...sie wollen eine höhere Lebensqualität, mit viel Urlaub!
Altes System basiert auf "Mehr"
Das Problem ist: Die Institutionen, die sich in den letzten 200 Jahren entwickelt haben, hängen von "mehr" ab, nicht von "besser".
So kann z.B. Frankreich seinen Bewohnern immer längere Rentenzahlungen und bessere Gesundheitsleistungen bieten - aber nur, wenn die Wirtschaft wächst. Ansonsten kann sich Frankreich das nicht leisten. Klar, die Reichen können stärker besteuert werden. Aber mit den steigenden Steuern fliehen die Reichen...oder werden arm. Dann kann die Zukunft besteuert werden. Das ist zunächst einfach - denn Kleinkinder wählen nicht! Aber wenn der Nachschub an Babys ausgeht, dann hat die Regierung ein Problem. Die Geldgeber sehen, was kommen wird. Sie wissen, dass die zukünftigen Generationen vielleicht nicht willig oder fähig sind, die Schuldenlast zu zahlen. Dann funktioniert das Modell nicht mehr.
Ohne Wachstum muss die Regierung die Ausgaben kürzen. Moderne Regierungen hängen von MEHR ab....mehr Steuereinnahmen....mehr Sozialleistungen...mehr Schulden....
Eingriffe der Regierung
Die Wähler müssen glauben, dass sie durch diese Dinge mehr Vorteile haben als Nachteile durch die Steuern, die sie zahlen. Aber ohne Wachstum werden sie weniger Vorteile erhalten, als sie - kollektiv - an Steuern zahlen. Denn die Regierung ist ein verschwenderisches Unternehmen. Sie erhöht die Wirtschaftsleistung nicht, sie verringert sie.
Haushalte, Unternehmen, Volkswirtschaften....und Regierungen...werden dazu gezwungen werden, den Weg vom "mehr" zum "besser" zu gehen. Wie viele der heutigen Regierungen werden in ihrer jetzigen Form überleben?
Meiner Ansicht nach keine einzige.
Und welche wird wohl am wenigsten wahrscheinlich überleben? Die USA.
Denn die USA sind die einzigen, die immer noch glauben, dass MEHR die Lösung für jedes Problem ist.
Unterschiedliche Lösungsansätze
Die Weltwirtschaft ist in der Krise. Europa versucht es mit Sparsamkeit. Amerika mit "mehr". Es wurde kein ernsthafter Versuch gemacht, die US-Staatsausgaben deutlich zu kürzen. Und viele US-Ökonomen plädieren für höhere und nicht niedrigere Ausgaben. Und das jüngste Arbeitsmarkt-Programm von Obama ist nur eine weitere Staatsausgabe.
Die USA haben auch ein übermäßig hohes Vertrauen in ihr Militär. Ihre Lösung für jedes geopolitische Problem? Mehr Macht...mehr Waffen...mehr sich einmischen.
Und hier hören die guten Nachrichten auf.
Zum ersten Teil von: Wohin geht die Reise für die "entwickelte" Welt?
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Franz Steinbauer (05.10. 2011 07:52 Uhr):
Herr Bonner ist nun beim Thema der neuen Lösungsansätze angelangt. z.B. Medizin: Bisheriger Ansatz - es wird aufwändig repariert, was zuvor oft fahrlässig durch ungesundes Verhalten geschädigt wurde. Möglicher neuer Ansatz - wie bei den Chinesen sollten die Ärzte nicht dafür bezahlt werden, dass sie Leiden heilen (=entstandene Schäden reparieren), sondern dafür, dass die Menschen gar nicht erst krank werden. Das setzt allerdings eine völlige Änderung des bisher Gewohnten voraus und das wird wohl etwas dauern.
Antworten - Kommentar von rolf bichsel (05.10. 2011 08:25 Uhr):
es wird weiter gehen mit mehr,.... emergin staaten,....,und denken wir an die osterinsel,...bis zum bitteren ende,...mehr
Antworten - Kommentar von Gabriele Paita (05.10. 2011 09:07 Uhr):
Gratuliere zum Artikel. Qualität vor Quantität, dass predige ich schon lange. Es wird eine Werte-Gesellschaft entstehen. Damit sind Regierungen und Produktions-Unernehmen (alle Branchen) gefordert. Es wird eine lange mühselige Zeit auf uns zukommen, aber das Umdenken ist eingeläutet.
Antworten - Kommentar von Franz Nahrada (05.10. 2011 10:19 Uhr):
Serh schöne und knappe Darstellung des zentralen Problems. Freilich ist Europa vom Virus des Mehr statt Besser nicht nur angesteckt: es war und ist sein Geburtsfehler. Wenn sich Europa auf eine Partnerschaft mit den Mittelmeerländern und den Aufbau einer blühenden Zone der Nachhaltigkeit ausrichten könnte...Ideen gäbe es genug: .... Das wäre eine Zukunft auf die sich auch Kredit nehmen lässt.
Antworten - Kommentar von walter bruno (05.10. 2011 14:15 Uhr):
Eine sehr schöne Vision die man nur unterstützen kann . Aber sie wird nur dann zur Realität werden, wenn auch der letzte Banker das verinnerlicht hat und vor allem: erst wenn die Mehrheit der Menschen sich dafür die notwendigen besseren Rahmenbedingungen geschaffen hat. Doch darin sehe ich das grösste Hindernis. Das heisst konsequent und freiwillig alte Denkweisen zu überwinden ...und das ist sooo schwer.
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ENL5454
- Kommentar von Frank Neumann (05.10. 2011 15:18 Uhr):
Der Artikel ist gut und spricht etwas aus, was viele andere auch denken. Nur unsere Politiker wollen davon nichts wissen und predigen "Wachstum"! Ich empfehle zum Thema das Buch "Wohl- stand ohne Wachstum" von Meinhard Miegel!
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