President's Day lässt Dax einschlafen
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Dax 30
vom 16. Februar 2004 18:00 Uhr
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Heute am 16. Februar ist amerikanischer Feiertag "President's Day". Ursprünglich wurde der 22. Februar als Nationalfeiertag begannen. Es war der Geburtstag von George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten. Allerdings wurde später auch noch der 12. Februar, der Geburtstag von Abraham Lincoln, zum Feiertag. Mitte der siebziger Jahre beschloss der U.S. Kongress etwas Vernünftiges: Es wurde ein Feiertag zu Ehren aller Präsidenten eingerichtet. Somit entstand der "Presidents' Day", der immer am 3. Montag im Februar stattfindet. Nach diesem Ausflug in die amerikanische Geschichte zum heutigen Handel:
Der Handel war heute wie immer, wenn die Amerikaner nicht mitspielen, von schwachen Umsätzen und ausufernder Lustlosigkeit geprägt. Es kam zu Zufallsbewegungen, die ein Intradaytraden unmöglich machen. Der Dax schwankte bis 11.30 Uhr innerhalb 15 Punkte hin und her, danach war es nur noch eine Spanne von 6 Punkten. Erst als die Amis um 14 Uhr wach wurden kam etwas Leben in den Dax – er rutschte um fast 10 Punkte nach unten – eine "heillose Verkaufspanik". Dieser Rutsch wurde natürlich von den "berüchtigten" Amerikanern verursacht, die auch an Feiertagen, insbesondere nach einem Wochenende, die Finger nicht still halten können. Die unbedingt morgens früh, kurz nach dem Aufstehen, schnell mal die ersten Transaktionen machen müssen – damit das Zittern aufhört – Sie wissen schon ... Gegen Nachmittag stabilisierte sich der Dax wieder und konnte sogar die Pluszone erreichen.
Doch zu ernsteren Themen: Der lustlose Handel gibt mir die Möglichkeit auf ein Mail, die mich heute morgen erreichte, einzugehen. Ein Leser stellte die Frage, wie es sein kann, dass so viele verschiedene Theorien und Meinungen im Markt vertreten sind. Er wunderte sich insbesondere darüber, dass andere Länder (China, Japan) ihre so ganz eigene Politik verfolgen und hoffen, damit besser zu liegen, als alle anderen. Die eigentliche Kernfrage lautete, gibt es "überhaupt etwas Verlässliches" zum Thema Wirtschaft und Börse.
Das ist endlich mal eine Frage, bei der mir die Antwort sehr leicht fällt: Nein! Die Wirtschaftstheorien sind so vielfältig, wie unterschiedlich. Es gibt Strömungen, denen mal mehr Theoretiker anhängen, mal weniger, die mal in diese und mal in jene Richtung fließen und sich dabei häufig noch aufs äußerste widersprechen. Meistens jedoch bereits dann überholt sind, sobald sie bekannt geworden sind.
Das hat einen eben so einfachen wie komplizierten Grund: Komplexität. Das gesamte globale Wirtschaftsystem ist mittlerweile derart komplex miteinander verwoben, dass man es als "chaotisch" bezeichnen könnte. Das bedeutet wiederum, dass der Sack Reis, der in China gelegentlich umkippt und verdirbt, tatsächlich einen (wenn auch nicht messbaren) Einfluss auf die Kurse der amerikanischen Börsen hat. Er könnte demnach sogar durchaus die Initialzündung für einen Crash an den amerikanischen Börsen liefern, so wie der Flügelschlag eines Schmetterlings im Urwals angeblich einen Hurrikan auslösen kann ... theoretisch.
Dieser Komplexität steht aber der dürftige menschliche Verstand völlig hilflos gegenüber. Sobald mehr als 5–10 Parameter gleichzeitig zu beobachten, miteinander zu verknüpfen und auch noch zu verarbeiten sind, steigen die meisten von uns bereits "inhaltlich aus". Im Zeitalter der Computer und Globalisierung ist eins zumindest sehr deutlich geworden: Der menschliche Intellekt ist erschreckend beschränkt (auch wenn wir das nicht so gerne hören).
Und genau diese Beschränktheit verursacht, dass der Mensch sich "Hilfskonstruktionen", Metaphern, Vergleiche sucht, um diesem "Chaos" Wirtschaft/Börse Herr zu werden. Je nachdem welche Hilfskonstruktion er verwendet, wie gut diese zur aktuellen Situation passt oder einfach nur wie viel "Glück" er bei der Auswahl hat, wird er bestimmte Prozesse eine zeitlang sehr genau vorhersagen können. Das heißt jedoch nicht, dass alles Zufall ist.
Es gibt einen Umstand, der sich wirklich nachhaltig positiv auf das Verständnis der Börsen auswirkt: Erfahrung. Damit ist jedoch nicht ein Studium, die Lektüre von Büchern oder der Lehrgang bei einem erfahrenen Trader gemeint (obwohl jeder dieser Aspekte sehr helfen kann), sondern die tägliche Auseinandersetzung mit dem Thema Börse.
Mit diese Erfahrung ist es dann möglich, die Wahrscheinlichkeiten von Gewinn und Verlust, über das Verstehen zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, jedes derart komplexe System ist immer auch Einflüssen unterworfen, die einfach nicht vorherzusagen sind. Das wohl beste Beispiel dafür lieferte die jüngste Vergangenheit: Der 11. September, der die Welt und damit auch die Börsen nachhaltig veränderte. So bleibt Börse das, was den eigentlichen Reiz ausmacht: Eine tägliche Herausforderung.