Populismus und die Wahrheit

in Traders Daily
vom


von Michael Vaupel

Zunächst eine Definition:

"Populismus (lateinisch populus: Volk, Masse, Öffentlichkeit), allgemein Bezeichnung für die politische Anbiederung an die herrschende Meinung im Volk durch rhetorische Demagogie. Im übertragenen Sinn gelten auch sozialrevolutionäre Bewegungen oder charismatische Führungspersönlichkeiten, die die Interessen unterprivilegierter Massen öffentlichkeitswirksam artikulieren, als populistisch." (Quelle: Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional).


Dann eine Vorgabe aus dem "Salesianischen Ehrenkodex für Journalisten" (der ausgedruckt neben meinem Schreibtisch hängt):

"Zur journalistischen Tätigkeit gehört ein leserorientiertes Schreibverhalten, OHNE DADURCH DIE WAHRHEIT ZU BEEINTRÄCHTIGEN. Franz von Sales verstand es, schwierigste Themen dem einfachen Volk klar und deutlich darzulegen."

Dann eine Schlagzeile (einer deutschen Zeitung mit Millionenauflage), die ich letzten Freitag gelesen habe:

"Kanzler, rück den Billig-Sprit raus!"

Hintergrund: Deutschland hat eine strategische Ölreserve angelegt, in Höhe von 25 Millionen Tonnen. Diese Reserve soll dann genutzt werden, wenn die Ölzufuhr z.B. aufgrund eines Terroranschlags oder eines Erpressungsversuchs der OPEC nicht gesichert ist. Diese strategische Ölreserve würde in einem solchen Fall sicherstellen, dass die deutsche Wirtschaft für mindestens 3 Monate auch ohne Ölimporte weiterarbeiten könnte. Wenigstens in diesem einen Bereich wurde vorgesorgt, hier haben verantwortungsbewusste Politiker nach dem Vorsichtsprinzip das Wohl der Volkswirtschaft im Sinn gehabt.

Und diese strategische deutsche Ölreserve soll nun auf den Markt geworfen werden? Dafür, dass dieses zusätzliche Angebot den Ölpreis und damit indirekt den Benzinpreis um vielleicht 2-3 Cents fallen lässt, für einige Wochen?

Was dann? Nach einigen Wochen, vielleicht auch schon nach einigen Tagen, wäre der Effekt verpufft. Die deutschen Erdölreserven aber hätten sich in Luft aufgelöst. Und wenn sie wieder aufgefüllt werden würden, dann müsste mit Sicherheit mehr bezahlt werden, als zuvor für sie erlöst worden ist. Denn es ist ja nicht so, dass der Ölpreis wieder deutlich sinken wird.

Machen wir uns nichts vor: Es ist nicht der Hurrikan im Süden der USA/Golf von Mexiko, der für die hohen Benzinpreise verantwortlich ist. Das ist die Spitze des Eisbergs. "Schuld" ist die dauernd steigende Nachfrage aus China (und Indien, Thailand, Singapur ...). Es geht hier – wieder einmal – um das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und um nichts anderes. Und dieses Gesetz ist nicht korrumpierbar. Man weiß mit ihm, woran man ist. Hier nochmal kurz der Hintergrund zum Öl:

Zuerst einmal eine Binsenweisheit: Das Angebot an nicht erneuerbaren Rohstoffen wie Rohöl ist begrenzt. Das wird sich besonders bei Erdöl, Kohle und Erdgas stark bemerkbar machen – denn das sind die Hauptquellen der Energieerzeugung. Und in den USA gehen die Ölvorräte und die eigene Ölproduktion Jahr für Jahr zurück. Bei gleichzeitig weiter wachsender Nachfrage! Die Neuentdeckungen von Öl-, Erdgas- und Kohlevorkommen können mit dem Verbrauch nicht mehr Schritt halten.

Und hier kommt China massiv ins Spiel. Denn wegen der boomenden Wirtschaft explodiert in China auch die Nachfrage nach Rohstoffen. Ich nenne Ihnen ein paar Zahlen, die das verdeutlichen: Im Jahr 2002 musste China 69,4 Millionen Tonnen Erdöl einführen. 2003 waren es dann schon 88 Millionen Tonnen. Ein Plus von 26,8 % – für Rohstoffe ein gewaltiger Zuwachs! Die aktuellste Zahl ist die zum zweiten Quartal 2005. Da lag der Zuwachs bei den chinesischen Erdölimporten bei 9,7 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.

China importiert bereits Öl aus dem Irak, Iran, Saudi Arabien, Sudan, Angola, Nigeria, Russland, Bangladesch, Kolumbien, Ecuador, Mexiko, Venezuela und sogar Kanada.

Die Rechnung ist simpel: Bei den beiden größten Importeuren – China und USA – steigt die Nachfrage. Gleichzeitig verknappt sich das Angebot. Das lässt die Preise steigen! Das ist ganz einfach eine Frage von Angebot und Nachfrage. Mehr dazu auch weiter unten, im Beitrag "Erdöl, die zweite".

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche!

Michael Vaupel

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Michael Vaupel
Michael Vaupel

Michael Vaupel ist einer der führenden Rohstoff- und Derivate-Experten. Bereits während seiner Studienzeit hat er als Finanzjournalist und Analyst gearbeitet.


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