Philosophieren mit einem Devisenhändler
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 11. März 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
Zum Ende der Woche ein wenig "Philosophieren mit einem Devisenhändler". Es handelt sich um den Trader´s Daily-Leser Michael T., mit dem ich einige Emails austauschte, und der jetzt nichts Geringeres als Vorschläge für eine neue Weltfinanz-Ordnung schickte. Und zwar schrieb er mir:
"Nun Vision ist Vision und Vorschläge sind Meinungen. Für mich wäre ein wirklich Neues internationales System definitiv mit anderen Schwerpunkten behaftet - und das trotzdem dass ich mir bewusst bin, mit meinem Wissen einem Harvard-Professor nicht das Wasser reichen zu können und auch trotzdem dass ich Devisenhändler bin und dies teils gegen meinen Eigennutz gerichtet wäre. Meine Vorschläge:
1. Kein Fiatgeld.
2. Abschaffung in Privatbesitz befindlichen Zentral-bzw. Notenbanken.
3. Alles Geld gehört dem Volk, Staat. Es wird keine nichtstaatliche Institution zwischen den Geldschöpfern und den Staat geschaltet (priv.Notenbanken etc.)
4. Keine Zinsen, zinsähnliche "Dinge", zinsähnliche Schlupflöcher auf Geld und Kredite. Geld sollte wieder ein warenunabhängiges, reines Hilfsmittel bzw. Tauschmittel sein und keinen Mehrwert fernab des Realgüterverkehrs erzielen können. Es soll kein Spekulationsgut sein. Eine Hortung muss dennoch vermieden werden und der Geldfluss angekurbelt werden. Siehe Vorschläge von Silvio Gesell, Freigeld etc. Damit folgt automatisch
5. Gerechte Verteilung der Vermögen, gerechte Bezahlung von Arbeit
6. Kein freier internationaler Warenfluss. Warum fordere ich solch einen "Rückschritt"? - Meiner Meinung nach sollte möglichst viel Wert (jedoch nur soweit real möglich) auf lokale Produktionsstätten gelegt werden. Damit würde die Konzentrierung auf immer weniger, rentable globale Produktionsstandorte wegfallen. Die Menschen würden wieder "für sich" regional arbeiten und die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur um Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen, würde stark gemindert als auch der Transportwahn vermieden. Die Menschen hätten außerdem wieder verstärkt Kontrolle über die Produzenten.
7. Persönliche Haftung von Inhabern, Anteilseigner, Gesellschafter, Geschäftsführer in allen Bereichen einer Firma. Jeder würde es sich zweimal überlegen in "böse" Geschäftsmodelle zu investieren oder diese zum Schaden der Allgemeinheit und zum eigenen Nutzen voran zu treiben.
Meine Antworten:
Der Reihe nach.
1, 2, 3 sehe ich vollständig genauso wie der Leser. Fiatgeld ist Geld, bei dem seitens des Emittenten keine Einlöseverpflichtung besteht. Mir wäre wie in der „guten alten Zeit" (vor 1914) eine durch Edelmetalle gedeckte Währung am liebsten. Da kann eben nicht einfach nach Belieben die Notenpresse angeworfen werden. Im Deutschen Kaiserreich herrschte 40 Jahre lang ziemliche Preisstabilität.
Und „private Notenbanken" sind doch eigentlich ein Unding. Doch genau das ist die Fed...eine private Institution.
4. Mit dem Thema "Zinsen"....ja, Silvio Gesell etc....ich schrecke vor dieser "Einstellung" zurück. Wäre schön, dass mal in begrenztem Umfang testen zu können, ich weiß nicht, ob das nicht ein zu großer "Kulturschock" wäre...insofern habe ich da keine klare Meinung.
5. Gerechte Bezahlung von Arbeit...ist natürlich wünschenswert! Doch die Frage ist...wie umsetzen? Und wie definieren? Was ist „gerecht"? Wie viel mehr als eine Krankenschwester darf ein Bankvorstand verdienen? Das 100fache? Das 20fache? Überhaupt nicht mehr, wenn nach gesellschaftlichen Nutzen gewertet wird? Oder nach Arbeitsaufwand? Und was ist mit den vorigen Kosten, die durch Ausbildung entstanden sind? Und welche Institution bestimmt, was „gerecht sein soll"? Wird sich meiner Ansicht nach nicht festlegen lassen.
6. Der Teufel steckt im Details bzw. ist ein Eichhörnchen. Da müsste nach Gütern unterschieden werden...manche sind einfach klimatisch nicht möglich, z.B. in Mitteleuropa Kakao. Sollen wir deshalb auf den ganz verzichten? Ist da ein ehrlicher Austausch nicht fair? Hingegen sehe ich wenig Sinn darin, Nordseekrabben nach Marokko zu fahren, dort pulen zu lassen und dann zurück nach D. Oder diese elenden Lebendtier-Transporte durch ganz Europa (http://www.8hours.eu/). Jede Menge Detailfragen....
7. Sehe ich "in Teilbereichen" auch so. Doch gerade konkret wiederum nicht. Habe selber ja gerade ein Unternehmen gegründet, Jatropha-Anbau in Afrika. Da beruhigt es mich doch, zu wissen, dass mein Verlust auf den Einsatz beschränkt ist. Ich weiß nicht, ob ich das Projekt durchführen würde, wenn ich wüsste, dass ich mit meinem gesamten Privatvermögen haften würde. Eine solche Haftung würde meiner Einschätzung nach generell den Unternehmer- und Pioniergeist hemmen; und das mag ich nicht.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein angenehmes Wochenende!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Helmut (12.03. 2011 03:39 Uhr):
...das Kernproblem ist die Verbindung von Geld und Macht, solange diese Verbindung besteht ändert sich nichts....eigentlich könnte man heute schon jedem Weltbürger soviel "Geld"zu Verfügung stellen, das es zum Leben reicht...Geld ist schon jetzt nur noch virtuell,reine Zahlenfolgen ohne inneren Wert.Ein Glas Wasser ist mehr wert als alle Schulden der USA zusammen.Der Wert des "Geldes"ist reine Fiktion und Lüge.
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