Phase II hat begonnen
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. März 2004 18:00 Uhr
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Der US-Aktienmarkt scheint in die Phase II des großen Bärenmarktes eingetreten zu sein. Letzte Woche verlor er in 4 Tagen 467 Punkte. Und kaum jemand nahm davon Notiz.
Der nationale amerikanische Charakter war auf die Phase I gut vorbereitet. Dieser Charakter war gekennzeichnet durch die Worte "blasiert, sorglos, ... von Geburt an relaxed." Diese Gedanken kamen mir gestern Abend, als ich in Paris in der Metro saß und eine laute Gruppe amerikanischer Teenager auf Klassenfahrt einstieg. Die Frau, die die Gruppe begleitete – entweder eine Lehrerin oder ein Elternteil – sah so aus, als ob sie einmal hübsch gewesen war. Aber sie hatte kein Make-up benutzt. Sie war so gekleidet, als ob sie auf dem Weg ins Fitness-Studio sei. Sie war zwar offensichtlich eine Aufsichtsperson für diese Schulklasse, aber sie hing faul, dumm, gewöhnlich in ihrem Sitz herum. Und auf einer anderen Bank saß ein weiterer Erwachsener, der diese Gruppe begleitete. Dieser junge Mann hatte sich nicht darum gekümmert, sich die Schnürsenkel zu binden, oder seine Haare zu kämmen.
In Amerika würde das keinem auffallen. Jeder ist so locker, leben und leben lassen. Im Vergleich dazu sind die Franzosen – und wahrscheinlich auch die Deutschen – anders: Hier gibt es einen allgemeinen Respekt für Kultur, Klasse und Stil. Die Briten hingegen tendieren zu Geschmacklosigkeit, Rowdytum oder unsicherer Anti-Kultur – zumindest ist das der Eindruck, den man erhält, wenn man Zeitung liest oder eine Kunstausstellung in London besucht oder die Londoner Oxford Street lang spaziert. Auch die Amerikaner waren einmal für ihre Geschmacklosigkeit bekannt. Aber das war eine naive, energiegeladene, barocke Geschmacklosigkeit ... unschuldig und fast attraktiv. Jetzt sind die Amerikaner zu weich und zu schlaff, um geschmacklos zu sein. Sie nehmen alles hin ... weil sie sich nicht darum kümmern, darüber nachzudenken.
Heute Morgen saß ich wieder im Zug, auf dem Weg nach London. Da saß mir ein fetter junger Mann in T-Shirt gegenüber, mit einer ziemlich dünnen Frau an seiner Seite. Er zog seine Schuhe aus und legte seine stinkenden Füße auf den Sitz. Als er seinen Mund öffnete, hörte ich, dass er – wie ich – Amerikaner ist. Ein Fettsack. Ich studierte ihn ausgiebig. Ich fragte mich, ob er wohl weiß, wie abstoßend er wirkt? Oh nein ... er begann, die grantige französische Frau, die seine Frau gewesen sein muss, zu küssen. Und dann griff sie unter sein T-Shirt, um seinen Rücken zu reiben. Uh oh ... sie sahen sich gegenseitig tief in die Augen ... sie müssen beide frisch verheiratet gewesen sein ... oder beide blind ... sie umarmten sich ... ich dachte, dass mir schlecht werden könnte.
Ich bin ja selbst Amerikaner. Ich will gut über Amerikaner denken. Und außerdem will ich nicht wegen Äußerlichkeiten Vorurteile haben ... denn was für einen Unterschied macht es, wie Leute aussehen, oder wie sie sich anziehen? Aber dennoch: Im Atem des amerikanischen nationalen Charakters rieche ich – schwach – unser verfallendes nationales Schicksal. So hätte es vielleicht Aristoteles ausgedrückt, wenn er darüber nachgedacht hätte.
Vier Jahre im 21. Jahrhundert sind vergangen. Und die Amerikaner sind so im Reinen mit sich und mit dem Leben im allgemeinen ... sie ignorieren die Probleme des Lebens so konsequent ... dass sie fast ihr Bewusstsein verloren haben. In den 1970ern stieg das amerikanische Leistungsbilanzdefizit auf 1 % des BIP. Die Volkswirte waren alarmiert. Der Dollar fiel. Die Aktienkurse fielen. Die Nation war so aufgeschreckt und der Dollar so schwach, dass die Zinsen auf 15 % für US-Staatsanleihen stiegen. Eine normale Aktie – die ein KGV von 6 hatte – hatte eine Dividendenrendite von über 5 %.
Heute liegt das Leistungsbilanzdefizit bei über 5 % des BIP, und die Ökonomen sehen kein Problem. Derzeit leiht sich die US-Regierung fleißig Geld in einer Währung, die sie selber kontrolliert. Und die ausländischen Zentralbanken scheinen immer noch glücklich zu sein, den USA Geld leihen zu können. In den letzten 3 Monaten stiegen ihre Bestände an US-Staatsanleihen mit einer Jahresrate von über 50 % auf über 1 Billion Dollar.
Aktien, Immobilien, Beschäftigung, Zinsen, Staatsausgaben ... alle Dinge, auf die die Amerikaner setzen, um ihre fetten und glücklichen Leben fortsetzen zu können, hängen von den Ausländern ab ... und die könnten weniger locker als die Amerikaner sein. Alleine die Japaner gaben im Januar 70 Milliarden Dollar ihrer eigenen Währung aus, um die amerikanische Fantasie-Wirtschaft am Leben zu erhalten. Selbst das war nicht genug; der Dollar fiel trotzdem. Im selben Monat sprach der japanische Finanzminister Sadakazu Tanigaki laut aus, dass Japan es seiner Meinung nach damit übertreiben würde. Vielleicht wäre es besser, wenn die japanische Zentralbank noch andere Dinge im Safe hätte als US-Staatsanleihen, so sein Vorschlag.
Die Bedrohungen für den amerikanischen "way of life" werden in Amerika selbst kaum bemerkt. Nehmen wir den Aktienmarkt: Sobald er einmal in Bewegung ist, dann fällt er so lange weiter, bis er zu stark gefallen ist. Der Kursrückgang hört nicht etwa auf, wenn die Aktien vernünftig bewertet sind – sondern erst dann, wenn sie günstig bewertet sind. Auch eine Währung fällt nicht auf ihren fairen Wert ... sondern deutlich tiefer. Dann ist sie wiederum aus dem Gleichgewicht, aber dieses Mal von der anderen Richtung aus gesehen.
In Phase I war der Rückzug ordentlich und ruhig. Aber Phase II könnte weniger ruhig und mehr störend sein. Sie könnte vielleicht sogar die Amerikaner aus ihren sorglosen Träumen aufwecken ...
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