Pearl Harbour
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 10. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Letzten Samstag, am 7. Dezember, war in den USA ein nationaler Feiertag. Am 7. Dezember 1941 war die amerikanische Flotte in Pearl Harbour von japanischen Fliegern überfallen worden, ohne Kriegserklärung. In einer französischen Kollaborationszeitung schrieb ein gewisser Marcel Deat am 9. Dezember 1941:
"Wir spielen mit Feuer. Wir spielen mit Krieg. Und dann richten sich Feuer und Krieg gegen uns. Amerika hat bis jetzt den Luxus genossen, die Dinge aus der Distanz zu beobachten. Es bot Rat an ... und feuerte die 'kleinen Leute' der Welt an. Jetzt ist Amerika zusammen mit dem Rest der Welt im gleichen Boot. Jetzt werden wir es sehen. Wir werden sehen, ob Amerika wirklich die militärische, industrielle und soziale Macht ist, die es vorgibt zu sein. Wir werden sehen, ob 'Amerika' wirklich existiert. ( ...) Jetzt muss Amerika kämpfen. Und Amerikaner müssen ihre Haut riskieren. Die Dinge haben sich geändert. Wir werden sehen ..."
Der Autor klingt skeptisch. Doch zu Erinnerungen aus meiner Familie, da mein Vater damals in Pearl Harbour war: Er wunderte sich am Morgen des 7. Dezember 1941. Es war kein angenehmes Wecken für ihn. Er hatte Samstag Abend in der Stadt gefeiert ... sein Kopf muss am Sonntag Morgen sehr schwer gewesen sein. Es war so, als ob Bomben explodieren würden, muss er sich gedacht haben ... dann öffnete er schlagartig seine Augen: Es explodierten wirklich Bomben!
"Alles, an das ich mich erinnern kann, war Verwirrung", erzählte er mir einmal. "Wir wussten nicht, was passierte. Alles, was ich wusste, war, dass wir angegriffen wurden. Wir dachten, dass die Japaner Truppen landen würden, deshalb holten wir unsere Gewehre und bereiteten uns auf einen Kampf vor. Gott sei Dank versuchten sie aber nicht, Pearl Harbour zu erobern. Wir waren so unorganisiert, es war jämmerlich."
Unorganisiert, unvorbereitet ... Amerika legte die Verwirrung schnell beiseite und kämpfte bald zurück. Vielleicht war es nur Glück, dass an diesem Morgen keiner der 3 Flugzeugträger im Hafen von Pearl Harbour lag. Die Japaner hofften, die amerikanische Flotte für 18 Monate außer Gefecht zu setzen. Aber innerhalb von 60 Tagen war die amerikanische Flotte wieder im Einsatz. Mein Vater und Tausende andere Amerikaner hatten das zweifelhafte Vergnügen, eine ausgedehnte Tour im Südpazifik zu machen, dank der US-Armee. Vielleicht waren sie nicht so harte Kämpfer wie die kampferprobten Soldaten der Wehrmacht. Aber als es darum ging, taten sie ihre Pflicht ... manchmal gut, manchmal weniger gut.
Als Pearl Harbour bombardiert worden war, wussten die Amerikaner, dass der "Luxus des nur Beobachtens" nicht mehr länger möglich sein würde. Anders als die Patrioten von 2001 bereiteten sie sich auf Opfer vor. Sie rechneten mit harten Zeiten und Verlusten. Anstatt ein neues Auto zu kaufen, stellten sie lieber den alten Wagen in die Garage und gingen zu Fuß zur Arbeit. Benzin wurde rationiert. Wie fast alles andere. Die Aktien fielen drastisch, und wurden zu KGV's von nur 6 gehandelt. Die Dinge hatten sich geändert – Amerika war plötzlich wie die anderen Nationen im Krieg.
Männer tun regelmäßig dumme Dinge – und gelegentlich verrückte Dinge. Und manchmal ist der Impuls zur Selbstzerstörung zu überwältigend, dass davon eine ganze Nation befallen wird. Es ist fast immer verrückt, Aktien auf dem Gipfel eines Bullenmarktes zu kaufen ... oder eine Aktie mit einem KGV von 50 zu kaufen. Das muss zwar nicht sofort bestraft werden – die Aktien könnten weiter steigen. Aber ziemlich wahrscheinlich zahlt sich dies nicht aus.
Das Beste, was einer Person, die Amok läuft, passieren kann, ist, dass sie schnell gegen eine Wand läuft – bevor sie Geschwindigkeit aufgebaut hat. Das ist der Grund, warum Erfolg sowohl im Krieg als auch beim Investieren oft eine noch größere Bedrohung ist als Misserfolg. Mein Vater realisierte das damals nicht, aber er war Zeuge einer der verrücktesten Handlungen der Geschichte. Die Japaner hatten einen Eroberungsfeldzug gestartet. Als es um China und Indochina ging, fanden sie den Erfolg sehr leicht. Das ermunterte sie, und so wollten sie gewaltsam die japanische Hegemonie auf ganz Südost-Asien erweitern.
"Um was ging es bei militärischer Expansion?", könnte man fragen.
Um das Sichern von strategischen Rohstoffen – Öl, Gummi, Metalle. Aber warum brauchten die Japaner diese Rohstoffe? Um die militärische Expansion zu ermöglichen!
Die Japaner hatten wenig Rohstoffe im eigenen Land. Sie konnten sie auf dem Weltmarkt kaufen. Aber in der politisierten Welt des 20. Jahrhunderts schienen Märkte unzuverlässig sein. Was, wenn die Produzenten nicht verkaufen wollten?
Die Idee war absurd. Warum sollten Produzenten nicht verkaufen, wenn es in ihrem Interesse war, zu verkaufen? Der einzige Grund, warum sie nicht verkaufen sollten, war es, die japanische militärische Expansion zu erschweren! Das tat der damalige US-Präsident Roosevelt, der der japanischen Kriegsmaschine vitale Rohstoffe – besonders Öl – vorenthielt.
Was sollten die Japaner tun? Seit fast 10 Jahren hatten sie in China und Indochina nur militärische Erfolge gehabt. War es nicht verständlich, dass sie glaubten, ihre Aktien würden immer weiter steigen?
"Die grandiose Stimmung der faschistischen Mächte, die keine Eroberung unmöglich erscheinen ließ, muss berücksichtigt werden", schreibt Barbara Tuchman in ihrem Buch "March of Folly", zu Deutsch etwa "Marsch der Torheit". "Japan hatte den militärischen Willen sehr machtvoll mobilisiert, was ein Fakt war, der außerordentliche Triumphe zu erlauben schien ..."
Aber der Angriff auf Pearl Harbour war ein großes Risiko. Die Japaner wussten, gegen wen sie vorgingen – gegen ein Land, das sehr viel größer war als das eigene, mit erheblich mehr Rohstoffen als Japan selbst. Der japanische Admiral Yamamoto hatte in Harvard studiert und er war jahrelang in Washington gewesen, als Militär-Attaché. Und er war kein Idiot ... er wusste, dass Japan keinen langen Krieg gegen die USA durchhalten würde.
Warum griffen die Japaner trotzdem an? Warum gingen sie ein Spiel ein, von dem sie wussten, "dass sie es langfristig verlieren würden" (so Tuchman)? Tuchman beantwortet diese Frage: "Der Grund, warum Japan dieses Risiko einging, war, dass Japan nur vorwärts gehen konnte oder sich mit dem Status Quo begnügen musste, was niemand vorschlagen wollte oder sich politisch leisten konnte, vorzuschlagen. Seit einer Generation hatte der Druck der Armee in China dazu geführt, dass Japan nach dem Ziel eines Imperiums strebte – und von diesem Ziel konnte man nicht zurücktreten. Japan war ein Gefangener der eigenen überzogenen Erwartungen geworden." Wie viel besser für die Japaner wäre es gewesen, wenn sie in China geschlagen worden wären! Sie hätten sich auf ihre Inseln zurückziehen können, den Dreimächtepakt mit Deutschland und Italien kündigen können ... und sie hätten Marktanteile gewinnen können, wenn sie Panzer, Flugzeuge und Schiffe an andere Nationen verkauft hätten. Stattdessen führte ein militärischer Erfolg zum nächsten und schließlich zum größten strategischen Fehler ... und letztlich zum kompletten Ruin für Japan und seine Wirtschaft.
Vor dem Angriff auf Pearl Harbour war die amerikanische Nation in der Frage des Kriegseintritts tief gespalten. Die meisten wollten mit dem Krieg nichts zu tun haben. Von allen Dingen, die Japan hätte tun können, tat es das wahrscheinlich schlechteste. Es tat das Einzige, was Amerika als aktiven, geeinten Kriegsteilnehmer in den Kampf brachte. Admiral Yamamoto erkannte seinen Fehler fast sofort. "Ich fühle, dass wir einen schlafenden Riesen geweckt haben." Churchill war ekstatisch: "Die USA auf unserer Seite zu wissen, ist meine größte Freude. In diesem Moment wusste ich, dass die USA bis zum Hals im Krieg waren. Also hatten wir doch gewonnen! Hitlers Schicksal war besiegelt. Mussolinis Schicksal war besiegelt. Und die Japaner würden zu Staub zermahlen werden."
Zwölf Tage später – am 17. Dezember 1941 – zeigte Hitler, dass er genauso verrückt war: Er erklärte den USA den Krieg. Er hätte die Japaner ihrem Schicksal überlassen können. Stattdessen hatten es die Mächte des Dreimächtepakts (Deutschland, Italien, Japan) in weniger als zwei Wochen geschafft, sich die weltgrößte Volkswirtschaft zum Feind zu machen. Amerika, durch zwei Ozeane geschützt, konnte Jeeps, Panzer, Flugzeuge und anderes Kriegsmaterial in größeren Stückzahlen und schneller als jede andere Nation produzieren. Es konnte Millionen voll ausgerüsteter Soldaten ins Feld schicken, und Amerika konnte mehr Bomben abwerfen, als jede andere Nation.
Aber 1941 war die militärische Macht der Achsenmächte seit fast einem Jahrzehnt in einem Bullenmarkt gewesen. Die Leute in einem Bullenmarkt denken nicht klar. Und ihre Vorstellungskraft ist benebelt. Sie können nur das vor sich sehen, was sie gerade erlebt haben. Es war nicht vor 1942 – Stalingrad und Midway –, dass dieser Bullenmarkt seinen Höhepunkt erreicht hatte. Dann begann das Denken wieder. Aber dann war es zu spät. "Als wir realisierten, was passiert war", sagte mein Vater viele Jahre nach dem 7. Dezember 1941, "war alles, an das ich mich erinnere, der Gedanke, dass es lange dauern würde, bis ich wieder nach Hause zurückkommen würde ... wenn ich überhaupt nach Hause zurückkommen würde." Er kam natürlich nach Hause, drei Jahre später ...