Paul Krugman: Wie entsteht eine große Rezession?
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 25. September 2007 16:00 Uhr
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Liebe Leser,
heute möchte ich Ihnen einen Buchausschnitt präsentieren, der vielleicht ebenso stark Ihren Umgang mit Wirtschaft verändern wird, wie es bei mir selbst der Fall war:
Paul Krugman: Wie kommt es zu einer großen Rezession? Wie funktioniert unser Geldsystem? Wie funktioniert unser Marktsystem und warum sind Planwirtschaften so gefährlich!?
Niemand gibt bessere Antworten darauf als Paul Krugman, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Princeton, vielfacher Buchautor und schon mehrfach als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. In den letzten Jahren ist er zudem auch politisch gegen die Ära Bush aktiv gewesen.
Insbesondere die folgende Passage, die wir hier mit besonderer Genehmigung des Campus Verlags aus dem Buch „Die große Rezession“ zitieren, hat mir mehr über die Hintergründe der Wirtschaft verraten und so manche falschen Ängste vor „unehrlichem Geld“, sowie meine Vorstellungen zum Goldstandard geprägt. Wenn Sie Neuigkeiten aus der Wirtschaft aus Sicht dieses Beispiels lesen, werden Sie wesentlich mehr verstehen........
„Was ist von solchen Aussagen zu halten (einmal davon abgesehen, dass eine schwere Rezession in letzter Zeit tatsächlich nicht mehr vorkam)? Zur Beantwortung der Frage bedarf es eines kleinen theoretischen Exkurses. Fragen wir uns zunächst einmal, was es mit dem Konjunkturzyklus denn eigentlich auf sich hat. Oder noch konkreter: Warum geraten Marktwirtschaften in Rezessionen? Behaupten Sie nun nicht, die Antwort sei klar – Rezessionen entstünden aufgrund von X (wobei der Buchstabe X für das Standardargument Ihrer Wahl steht)! Tatsache ist, dass eine Rezession überhaupt nichts Normales, sondern sehr den Ausnahmezustand darstellt, wie Sie bei näherem Nachdenken rasch einsehen werden (denn der Markt schaffte es ja in der Regel ganz gut, Angebot und Nachfrage in der Balance zu halten).
Ein wirtschaftlicher Abschwung – und insbesondere ein schwerer – ist nun aber gerade dadurch gekennzeichnet, dass das Angebot groß und die Nachfrage gering ist. Es gibt folglich Arbeitswillige, doch keine Jobs, exzellente Fabriken, doch keine Produktionsaufträge, offenen Läden, doch nicht genügend Kunden. Eine selektive Nachfragelücke (bestimmte Erzeugnisse betreffend) lässt sich meist leicht erklären: Wenn ein Produkt A in großen Mengen produziert wird, die Verbraucher aber das Konkurrenzprodukt B vorziehen, bleibt Produkt A liegen. Doch wie kann es dazu kommen, dass die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen generell zu schwach ist?
Ein unglaubliches Beispiel: Die Baby-Sitting Cooperative von Capitol Hill
Das Verständnisproblem besteht zum Teil jedenfalls darin, dass die meisten sich einfach kein Bild davon zu machen vermögen, was bei einem wirtschaftlichen Abschwung geschieht. Es gibt jedoch ein sehr schönes Beispiel, mit dem sich erklären lässt, wie eine Rezession entsteht, sondern das mir selbst auch immer wieder zu neuen Ideen und Einsichten verhilft. (Wer meine früheren Bücher kennt, wird sich an das Beispiel erinnern.) Der Hintergrund ist übrigens nicht erfunden; die Kooperative bzw. Interessengemeinschaft gab es also wirklich. In Kapitel 4 – im Zusammenhang mit der Erklärung der japanischen Malaise – wird das Beispiel dann allerdings in erweiterter Form eine wichtige Rolle spielen. Ursprünglich stammt die Geschichte von Joan und Richard Sweeney, die sie in einem 1978 veröffentlichten Artikel mit dem Titel Monetary Theorie and the Great Capitol Hill Baby-sitting Co-op Crisis (Geldtheorie und die große Krise der Babysitting-Kooperative von Capitol Hill) für ihre Erläuterungen verwendeten.
Auch hier wieder gilt: Der Titel mag unernst klingen, doch es geht natürlich um sehr seriöse Themen. In den siebziger Jahren waren die Sweeneys Mitglieder eines solchen Babysitting-Kreises, eines Zusammenschlusses junger Paare (in diesem Fall hauptsächlich Personen, die im US-Kongress beschäftigt waren) zum Zweck der wechselseitigen Kinderbetreuung, um so mehr Freizeit zu gewinnen. Der Teilnehmerkreis war ungewöhnlich groß (etwa 150 Paare). Dies bedeutete, dass an potentiellen Babysittern kein Mangel herrschte. Allerdings warf die Größe der Organisation auch Managementprobleme auf. Vor allem galt es sicherzustellen, dass jedes der beteiligten Paare auch seinen fairen Arbeitsanteil übernahm.Wie bei derartigen Tausch- bzw. Gegenseitigkeitssystemen meist der Fall, versuche auch der Capitol-Hill-Kreis das Problem durch die Ausgabe von Berechtigungsscheinen zu lösen: Coupons, die dem Besitzer jeweils eine Dienstleistung im Umfang von einer Stunde Babysitten garantierte. Wer also die Kinder eines anderen Paares hütete, erhielt von den die Dienstleistung in Anspruch nehmenden Eltern die entsprechende Anzahl Coupons.
Dieses System war vom Prinzip her narrensicher: Es garantierte automatisch, dass im Laufe der Zeit jedes Paar genauso viele Stunden ableistet, wie es in Anspruch nahm. Ganz so einfach lief die Sache aber eben doch nicht. Es stellte sich heraus, dass für das reibungslose Funktionieren eines solchen Systems eine bestimmte Umlaufmenge an Coupons erforderlich ist. Hatte ein Paar zum Beispiel mehrere Abende in Folge nichts besonderes vor, tendierte es dazu, sich für die Zukunft eine Couponreserve anzulegen. Dieser Hortung stand natürlich ein entsprechender Abbau der Couponvorräte anderer Paare gegenüber, doch über einen längeren Zeitraum gesehen waren alle Paare wohl daran interessiert, hinreichend viele Coupons zu besitzen, um zwischen den diversen Babysittingsrunden bei Bedarf mehrmals hintereinander ausgehen zu können.
Die Ausgabe der Coupons allerdings war bei dieser Kooperative eine recht komplizierte Angelegenheit: Die Paare erhielten bei Eintritt welche und waren gehalten, die Coupons bei Austritt zurückzuerstatten; sie entrichteten jedoch auch ihre Mitgliedsgebühren in Form von Coupons, welche dann zur Entlohnung der Funktionsträger verwendet wurden. Die Details sind hier jedoch unwichtig.
Der Punkt ist, dass plötzlich die Situation eintrat, dass sich nur relativ wenige Coupons im Umlauf befanden – zu wenige jedenfalls für die Bedürfnisse der Kooperative. Die Konsequenzen waren seltsam. Paare, die den Eindruck hatten, ihre Couponvorräte seien zu gering, gingen ungern aus und versuchten verstärkt, Babysittingsstunden abzuleisten und Coupons zu gewinnen. Doch erst die Entscheidung eines Paares auszugehen, war die Chance eines anderen Paares, Stunden abzuleisten und Coupons zu gewinnen. Die Gelegenheiten zum Babysitten wurden folglich immer rarer, was wiederum die Konsequenz hatte, dass die Paare ihre Couponreserven immer weniger gern angriffen, sie sich vielmehr lieber für besondere Gelegenheiten aufhoben, weshalb die Gelegenheiten zum Babysitten noch rarer wurden...
Kurz gesagt: Die Kooperative geriet in eine Rezession.
So weit, so gut. Doch was halten Sie eigentlich von diesem Beispiel? Falls Sie ziemlich ratlos sind – weil Sie sich vielleicht sagen: ich dachte, ich erfahre hier etwas über die weltwirtschaftliche Krise. Was soll da Babysitten? -, haben Sie etwas Wichtiges noch nicht begriffen: Wer komplexe Systeme verstehen will (sei es das globale Wetter oder die globale Wirtschaft) muss mit Modellen arbeiten, das heißt mit vereinfachten Darstellungen des jeweiligen Systems. Nur so lassen sich die grundlegenden Funktionszusammenhänge verstehen. Diese Modelle können unterschiedliche Formen annehmen. Manchmal sind es Gleichungssysteme, manchmal Computerprogramme (denken wir an die Simulationen auf der Wetterkarte). Mitunter handelt es sich dabei um so etwas wie Modellflugzeuge, mit denen die Konstrukteure die Untersuchungen im Windkanal durchführen: kleinmaßstäbliche Ausführungen, mit denen sich viel besser experimentieren lässt. In ähnlicher Weise ist die Capitol-Hill-Kooperative eine Volkswirtschaft im Miniformat – vielleicht die denkbar kleinste Wirtschaft, in der eine Rezession auftreten kann. Doch es handelte sich zweifellos um eine richtige Rezession – genauso real wie der Auftrieb, den die Tragflächen eines Modellflugzeugs erzeugen, ein echter Auftrieb ist.
Und in gleicher Weise, wie das Verhalten des Modells den Konstrukteuren wichtige Hinweise auf das Verhalten des Jumbos liefert, ermöglicht uns unser Babysittingbeispiel wichtige Einsichten bezüglich der Frage, weshalb Volkswirtschaften gut oder schlecht funktionieren. Falls Sie aber eher befremdet sind, - weil Sie sich sagen: Es geht hier um wichtige und ernsthafte Dinge, was soll da diese läppische Parabel von amerikanischen Yuppies! -, muss ich Sie ebenfalls rügen. Erinnern Sie sich daran, was ich in der Einleitung sagte? Eine gewisse Lockerheit – die Bereitschaft zu Gedankenspielen – macht die Sache nicht nur unterhaltsam, sondern ist gerade heute von zentraler Bedeutung. So wenig man einem Flugzeugkonstrukteur trauen sollten, der nicht mit Modellen arbeitet, so wenig sollte man auch einem Wirtschaftsexperten trauen, der das Spiel mit Modellen für unter seiner Würde hält.
Wie wir noch sehen werden, ist unser humoriges Babysitting-Beispiel sogar ein ganz hervorragendes Instrument zum besseren Verständnis der überhaupt nicht humorigen Probleme realer Volkswirtschaften. Die theoretischen Modelle, die in den Wirtschaftswissenschaften in der Regel verwendet werden (hauptsächlich mathematische Konstrukte), sind demgegenüber natürlich viel komplizierter. Dennoch lassen sich ihre Hauptergebnisse normalerweise in leicht verständliche Parabeln übersetzen, ähnlich wie bei unserem Babysitter-Beispiel. (Falls nicht, ist dies meist ein Hinweis darauf, dass mit dem Modell etwas nicht stimmt.)
Ich werde auf unseren Babysitter-Club deshalb noch mehrfach zu sprechen kommen, und zwar in verschiedenen Zusammenhängen. Zunächst wollen wir uns aber mit zwei zentralen Fragen beschäftigen, die sich aus dem Beispiel ergeben: Wie kommt es zu Rezessionen? Was kann man gegen sie tun? Erstens also: Warum geriet die Kooperative überhaupt in eine Rezession? Sehen wir uns zunächst an, woran es nicht lag: Der Grund war nicht eine schlechte Dienstleistungsqualität. Vermutlich machten die Babysitter ihre Arbeit ganz gut, vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist das hier nicht die Frage. Auch gab es keine Verzerrungen, Ungerechtigkeiten oder Vetternwirtschaft. Und auch mit „technologischen“ Gründen (im Sinne fehlender Anpassung an neue Entwicklungen) hatte das Marktversagen nichts zu tun. Um es zusammenzufassen: Das Problem hatte nichts mit der Produktionsseite zu tun. Es herrschte vielmehr ein Mangel an „effektiver Nachfrage“. Es wurde zu wenig für die angebotenen Dienstleistungen (Babysittingstunden) ausgegeben, weil die Leute ihr Geld (das heißt ihre Coupons) lieber horteten. Die entscheidende Schlussfolgerung für das reale Wirtschaftsleben lautet: Das konjunkturelle Auf und Ab hat möglicherweise wenig oder überhaupt nichts mit den wirtschaftlichen Stärken und Schwächen fundamentalerer Art zu tun. Anders ausgedrückt: Auch „guten“ Volkswirtschaften kann Schlimmeres widerfahren!
Zweitens: Was kann man gegen eine Rezession tun? Die Sweeneys berichten, dass es in ihrem Fall ziemlich schwierig war, den „Verwaltungsrat“ der Kooperative – in dem hauptsächlich Juristen saßen – davon zu überzeugen, dass es sich im Kern um ein technisches Problem handelte, für das es eine recht einfache Lösung gab. Die Funktionäre jedoch gingen zunächst so vor, als handle es sich um ein strukturelles Problem, auf das man direkt mit Reglementierungsmaßnahmen reagieren müsse. Es wurde also eine Vorschrift erlassen, derzufolge jedes Paar verpflichtet war, monatlich mindestens zweimal auszugehen. Schließlich aber setzten sich doch die Ökonomen durch, und das Couponangebot (die umlaufende „Geldmenge“) wurde erhöht. Die Wirkung war frappant: Angesichts größerer Couponreserven gingen die Paare nun häufiger aus, dadurch gab es mehr Möglichkeiten zum Babysitten, was die Bereitschaft zum Ausgehen noch mehr verstärkte – und so weiter. Das BBP der Kooperative (das Brutto-Babysitting-Produkt, gemessen in Kinderbetreuungseinheiten) stieg kräftig an. Halten wir uns noch einmal deutlich vor Augen: Diese positive Entwicklung hatte weder etwas mit einer qualitativ verbesserten Dienstleistung noch mit irgendwelchen strukturellen Reformen zu tun. Ausschlaggebend war allen die Tatsache, dass der monetäre Engpass beseitigt wurde. Anders ausgedrückt: Rezessionen lassen sich einfach dadurch bekämpfen, dass man Geld druckt- der Rest ergibt sich in der Regel von allein.
Zurück zum volkswirtschaftlichen Konjunkturzyklus. Die Wirtschaft selbst eines kleinen Landes ist natürlich viel komplexer als im Falle unseres Babysitterkreises. Zum Beispiel dient in einer Volkswirtschaft das Geld nicht nur zur Befriedigung momentaner Bedürfnisse, sondern es wird auch in die Zukunft investiert (stellen wir uns analog vor, jemand gibt einen Teil seiner Coupons nicht zum Babysitten aus, sondern um einen neuen Kinderlaufstall bauen zu lassen). In der großen Welt gibt es ferner einen Kapitalmarkt. Er ermöglicht es denen, die freie Mittel besitzen, ihr Kapital gegen Zinsen an jene zu verleihen, die aktuellen Bedarf haben. Doch die Grundzusammenhänge sind trotzdem die gleichen: Eine Rezession ist normalerweise dadurch bedingt, dass die Öffentlichkeit insgesamt versucht, Geld zu horten (oder- was auf dasselbe hinausläuft – mehr zu sparen als zu investieren). Dem kann in der Regel leicht und wirksam begegnet werden, indem man einfach mehr „Coupons“ ausgibt. Die Couponbereitsteller der modernen Welt sind bekanntlich die Zentralbanken: Federal Reserve, Bank of England, Bank von Japan, Europäische Zentralbank usw. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, die Wirtschaft gut auf Kurs zu halten, indem die zirkulierende Geldmenge je nach Bedarf vergrößert oder verkleinert wird."
etwas weiter unten geht es weiter.......