Paradigmenwechsel in eine "Schrott"-Rally?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 16. Mai 2006 18:00 Uhr
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Wenn es doch noch einmal zu einem starken Anstieg im Dax kommen sollte, dann wird es wahrscheinlich eine, ich will sie: "Schrott-Rally" nennen, geben. Mit anderen Worten, alles das wird steigen, was bisher keiner so recht haben wollte: Der ganze große "Schrott": Telekom-Aktien, Technologie-Aktien, Versicherer, evtl. noch Automobilaktien werden dann in neuem Glanz die Herzen der Investierten erfreuen.
Allein wenn die Telekom, die Münchener Rück, dann natürlich noch die Allianz, aber auch die Konsumtitel anfangen würden, zu laufen, würde das den Dax wahrhaft beflügeln. Selbst wenn die alten High Flyer: Versorger, Man, und Konsorten, eher seitwärts laufen.
Das Ende der Trendfolger und relativen Stärke?
Alle Trendfolger, Analysten, die auf relative Stärke setzen, also alle, die es bisher vergleichsweise einfach hatte, würden in diesem Falle das Nachsehen haben. Auch die bisher so stark gelaufenen kleineren Indizes könnten in diesem Fall eher seitwärts laufen, während dieses Mal der Dax zur Verwunderung aller das Hennenrennen anführen könnte.
Das wäre sicherlich nach dem Abverkauf der letzten Tage der Weg des allergrößten Schmerzes und Sie wissen, diesen geht Miss Börse besonders gerne.
Ich kann mir gut vorstellen, das so etwas passiert. Erste Tendenzen dazu meine ich auszumachen. Aber dazu muss sich erst einmal ein richtiger Boden ausbilden. Was die Amis da im Moment machen ist doch eher schwächlich. Im Moment besteht somit auch für den Dax die Gefahr, dass er noch eine Etage tiefer abrutscht.
Achten Sie deshalb, wie gestern schon gesagt, auch darauf, was die Versicherer machen, was Metro und die Telekom machen und wie sich diese zum Markt verhalten. Denn wenn diese Aktien irgendwann anfangen zu laufen, kann es impulsiv und heftig werden.
Ein weiterer Paradigmenwechsel kündigt sich an, das Ende der Rohstoffrally?
Ich hatte am Freitag schon geschrieben, dass der Rohstoffmarkt stark überhitzt ist. Seitdem sind die Kurse stark gefallen. Dieser Einbruch hat etwas mit folgender Überlegung zu tun: Wenn angesichts steigender Zinsen die US-Wirtschaft ins Strudeln kommen würde, hätte das direkte Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Das würde sich dann natürlich auch auf die Rohstoffnachfrage negativ auswirken.
Eine dieser Kausalketten der Weltwirtschaft
Gehen wir hypothetisch davon aus, dass es in den USA, verursacht durch höhere Inflationsgefahren, zu einer Reihe von weiteren Zinserhöhungen kommen wird (Sie wissen, ich tue das noch nicht). Das würde bedeuten, dass sich das Wachstum in den USA bald deutlich abkühlt. Da die USA als Verbraucher/Abnehmer wichtig für die Produzenten in China sind, würde das sofort auch bedeuten, dass sich Chinas Wirtschaft abkühlt.
Da Chinas Produzenten viele Rohstoffe brauchen, würde sich dies wiederum auf die Nachfrage nach Rohstoffen und anderen Waren auswirken.
Da die asiatischen Länder von dem Handel mit China wirtschaftlich stark profitieren, würde damit der gesamten asiatische, aber auch der australischen (Rohstoffe), wie südamerikanische Handel (Rohstoffe und Nahrungsmittel) belastet.
Da wir Europäer von den Exporten gerade auch in diese asiatischen Länder profitieren, würde sich das natürlich auch auf den Import dieser Länder und damit auf den Export der europäischen Länder auswirken – einschließlich dem deutschen Export.
Da gerade die Exportwirtschaft Deutschlands zu über 50 % auf dem europäischen Markt fokussiert ist, käme Deutschlands Wirtschaft direkt von zwei Seiten in Bedrängnis.
Sie sehen, alleine diese doch sehr vereinfachte Darstellung einer einzigen Kausalkette zeigt, wie wichtig die US-Wirtschaft für das Wohl und Wehe von uns allen ist.
Keine Rohstoffrally ohne Aktienrally
Wenn die US-Wirtschaft nicht boomt, werden die Rohstoffe einbrechen, egal was die Rohstoffbullen Ihnen auch erzählen. Davon wäre auch der Goldpreis betroffen, egal was Ihnen Bill Bonner in seinem goldenen Elfenbeinturm erzählen mag: Bricht die Wirtschaft ein, bricht auch (zunächst einmal) der Goldpreis ein. (Die industrielle Nachfrage und die verbrauchende Nachfrage in Indien und China, aber auch weltweit würde abflauen, lediglich die Zentralbanken könnten diesen Effekt eine Weile ausgleichen. Wenn Rohstoffe billiger werden, wird auch die Goldproduktion billiger, was zusätzlichen Preisdruck bewirken könnte.)
Das einzige was dann den Goldpreis in Dollar antreiben könnte, wäre eine Inflation. Aber wie gesagt, das obige Szenario geht von weiter "steigenden" Zinsen aus, die den Dollar erst einmal stützen würden. Inflation wäre damit insoweit hinfällig – zunächst.
Es hilft alles nichts, sie sitzen alle in einem Boot, die Rohstofftrader und die Aktientrader.
Die Gegenreaktion könnte dann zu einem typischen Effekt an den Börsen führen.
Denken wir spaßeshalber noch etwas weiter: Die Zinsen sind stark angehoben, die US-Wirtschaft schwächelt, Deflation kommt auf. Die Gewinnmargen der Unternehmen schrumpfen, sie brauchen dringend Geld – billiges Geld. Mittlerweile ist der Goldpreis stark gefallen und hat einen Großteil der Goldbullen wieder aus dem Markt getrieben. Nur noch die Hartgesottenen sind dabei, diese werden aber immer dabei sein und argumentieren, egal was der Markt auch machen wird.
Die Börse hat also die ganzen Goldbullen aus dem Markt getrieben. Nur, wenn durch eine schwächere US-Wirtschaft bei weiter hohen Schulden, es zu einer Deflation kommen würde, könnte das dazu führen, dass die FED die Zinsen schnell und dramatisch senken müsste, noch einmal, wie 2003.
Dieses heftige Gegensteuern würde dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer massiven Inflation mit einem gnadenlosen Anstieg des Goldpreis führen. Die Börse hätte wieder alle kalt erwischt – fast alle.
Natürlich ist die Fed nicht dumm
Nun glauben Sie nicht, dass die Fed nicht weiß, dass genau das die Folge wäre, wenn Sie nun die Zinserhöhungen überdreht. Ihr ist bewusst, dass sie dann in einen Schlingerkurs gerät, wie bei einem Auto, dass ausgebrochen ist: Falsch gesteuert, gegensteuern, noch mehr gegensteuern, wieder in die andere Richtung gegensteuern und schon landet man im Dreck.
Aus diesem Grund muss die Fed nun sehr sorgfältig vorgehen und genau abwägen, was zu tun ist, dabei gleichzeitig alle Konjunkturfaktoren genauestens untersuchen.
Wir können damit rechnen, dass sie bald, höchst wahrscheinlich, erst einmal die Zinsen ein oder zwei Sitzungen aussetzen wird. Allerdings immer mit der Ankündigung, dass es eventuell anschließend, wenn es notwendig werden würde, zu weiteren Zinserhöhungen komme.
Meiner Meinung nach, ist es genau das, was die Fed aktuell auch mit ihren Statements vorbereitet. Alles andere ist vergleichsweise gefährlich.
Öl bleibt wichtiger Faktor
Das ganze Szenario hat viel mit dem Ölpreis zu tun. Wenn er nun wieder fallen würde, dann wäre das entlastend für die Inflationssorgen in den USA und damit wäre eine Zinsaussetzung eher und länger denkbar.
Aber, der Ölpreis ist nicht alles. Schauen wir, was die Inflation in den USA macht, was die Beschäftigung macht und ganz besonders, was der Immobilienmarkt so treibt. Dazu gleich mehr unter Konjunkturdaten.