Panik im Dax und eine neue Theorie
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. Oktober 2005 18:00 Uhr
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Und da sind sie wieder, die Deutschen zwischen Gier und Panik. Waren bisher die meisten Analysten noch sehr selbstgefällig bullish, dann gerieten heute nun offenbar die Marktteilnehmer in Panik. Und das natürlich alle auf einmal, es endete, wo Panik enden muss: Der Dax notierte heute zeitweise über 2,3 % im Minus. Wann hat es so einen Einbruch das letzte Mal gegeben? Meines Erachtens ist das völlig übertrieben. Na ja, Panik ist selten rational. Zumindest hatte man im Dax endlich mal wieder nach langer Zeit die Möglichkeit, Panik zu kaufen.
Der Weg des größten Schmerzes
Offenbar haben sich die Märkte für den Weg des größten Schmerzes entschieden – zumindest im Dax, dabei bestätigen sich die Umkehrsignale bei den Amis immer deutlicher.
Aber immer noch nicht will das "Dow kurz unter 10.000 Punkte" Szenario ganz aus meinem Kopf. Es war zu oft so, dass wichtige Marken vor einer Rally nach unten gebrochen wurden. Der positive Ölmarktbericht gab dann allerdings den Märkten einen Schub, und so schafften es die Amis knapp ins Plus.
Kein Grund zur Sorglosigkeit
Aber es ist nicht zu leugnen: Natürlich ist die Situation für die Börsen bei stark fallenden Kursen immer brisant. Stellen Sie sich das wie ein Gummiband vor, an dem die Börse hoch und runter schnellt. Bei fallenden Kursen wird dieses Gummiband gedehnt und baut ein großes Potential auf, wieder nach oben zu schnellen. Darauf setzten wir Trader – das funktioniert sehr gut!
Es sei denn, das Gummiband reißt, dann haben wir den Crash.
Aus diesem Grund sollte man bei fallenden Kursen eine Gemütsstimmung aufbauen, die man so umschreiben kann: Wachsam, aber nicht panisch.
Das Worst-Case-Szenario
Da ein Börsianer sich allerdings immer auch mit den "Worst-Case-Szenarien" auseinandersetzen muss:
Was passiert, wenn tatsächlich ein Crash kommt?
In den allermeisten Fällen kann man nach einem Crash beruhigt einkaufen, die Kurse erholen sich in wenigen Monaten. Das ist auch der Grund, warum man niemals voll investiert sein sollte. Denn so kann man billiger nachkaufen, seine Einstiegskurse so verbilligen, dass lediglich eine technische Gegenreaktion um 50 % des Abverkaufs die Gesamtpositionen wieder ins Plus bringt.
Neue Theorie: Fed befürchtet "Notenbankchefwechselcrash"
Wie Sie wissen, bin ich immer noch auf der Suche nach anderen Theorien, nach Dingen, die diese für mich immer noch seltsame Schwäche der amerikanischen Indizes erklären können (Inflationsgefahren können es meines Erachtens nicht sein, zumal sie mittlerweile vollkommen im Markt eingepreist sind).
Sie mögen mir verzeihen, wenn ich aus diesem Grund einer meiner alten Theorien aus gegebenem Anlass vollkommen umstelle. Grund: Ich habe einen Artikel in der "Welt" gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat. In diesem Artikel heißt es, dass es nach jedem Wechsel des US-Notenbankchefs zu einem massiven Einbruch der Märke oder einer Anlageart gekommen sein soll. Im Januar endet die Amtszeit von Alan Greenspan. Bisher konnte ich mir, wie Sie wissen, gut vorstellen, dass Alan Greenspan den Dow aus reiner Eitelkeit auf ein neues Allzeithoch treiben will.
Seit den Hurrikans ist alles anders
Nun haben die Hurrikans natürlich einiges aus dem Ruder laufen lassen, die Kosten für den Wiederaufbau werden erst einmal kurzfristig belasten, wir erleben einen (kurzfristigen) Anstieg der Inflation, der Wideraufbau wird den Haushalt zusätzlich belasten, das könnte weitere Steuersenkungspläne der Regierung verhindern. Das Gesamtbild hat sich also etwas eingetrübt, wenn ich auch so noch keinen Anlass zu wirklicher Sorge sehe.
Wenn aber der Wechsel eines US-Notenbankchefs generell für die Märkte gefährlich ist, dann kann es sein, dass Alan Greenspan seit den beiden Hurrikans eine latente Crashgefahr nach seinem Abschied befürchtet. Dieses Szenario ist sicherlich in der Fed diskutiert worden und könnte auch ein Grund für die schwachen US-Märkte sein.
Gebranntes Kind scheut das Feuer
Und dass sich Alan Greenspan darüber Sorgen macht, ist ziemlich sicher. Er muss nur an seine eigene Vergangenheit zurückdenken, ich zitiere die "Welt": "Greenspan wiederum sah sich nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt mit einer der schwersten Aktienmarktkrisen konfrontiert. Der Dow Jones verlor im Oktober 1987 sage und schreibe 35 Prozent an Wert."
Wie reagiert die Fed, wenn Krisen anstehen? Sie senkt die Zinsen, sofern sie Krisen kommen sieht, und die Märkte schwach sind. Es kann also sein, dass die Fed aus diesem Grund massiv vor Inflationssorgen warnt, um so die Zinsen anheben zu können, ohne auf die Krise, vor der sie sich eigentlich sorgt, hinzuweisen. Gleichzeitig kann sie damit noch den Immobilienmarkt beruhigen.
So hat die Fed, wenn der Wechsel an der Notenbankspitze vonstatten geht und sich ein Kurseinbruch abzeichnet, wieder genug Potential, notfalls die Zinsen massiv zu senken.
Das nur, als ein weiteres mögliches Szenario, das erklären kann, warum die Fed derart extrem vor den Inflationsgefahren warnt, die offensichtlich energiepreisgetrieben sind. Zumal der Ölpreis gerade eher sinkt als steigt. Für mich ist das nach wie vor unverständlich.
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