Pack ein, Maestro!
Bill Bonner in Investors Daily
vom 31. Januar 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Im Frühjahr 2005 befand sich die amerikanische Wirtschaft bereits seit 24 Monaten in einer Erholungsphase. Es war eine seltsame Erholung. Niemand war sich sicher, wovon sie sich erholte. Es gab 2001 und 2002 Rezessionen. Aber es waren seltsame Rezessionen. Das Bruttoinlandsprodukt ging in den negativen Bereich. Und doch expandierten Verbraucherausgaben und Kredite weiter. Wenn eine Rezession wirklich dazu da wäre, Fehler der vorangegangenen Expansion auszubügeln, dann hatte diese versagt. Die Verbraucher hätten weniger ausgeben müssen und mehr zurücklegen. Dann, wenn die Rezession erst einmal vorbei gewesen wäre, hätten sie Geld, für die während der Rezession aufgestauten Wünsche zur Verfügung gehabt.
Diese Expansion war von Anfang an verflucht. Die Verbraucher hatten nie aufgehört, Geld auszugeben. Als die Wirtschaft dann umkehrte, hatten sie kein Geld gespart. Die einzige Möglichkeit weiterhin Geld auszugeben war, mehr Geld zu leihen. Die Fed hat hilfsbereit noch mehr Alkohol in die Bowleschüssel gefüllt – d.h. die Zinssätze gesenkt, um es ihnen leicht zu machen. Aber zu dieser Zeit war die gesamte Wirtschaft schon so wacklig auf den Beinen, dass die zusätzlichen Verbraucherausgaben wesentlich geringere positive Auswirkungen auf die Wirtschaft hatten, als man sich erhoffte. Die Amerikaner liehen sich Geld und gaben es aus. Aber in der neuen, globalisierten Wirtschaft, kam viel von dem, was sie kauften, aus Asien, insbesondere aus China, wo man die Verbraucherprodukte günstiger produzieren konnte, als in Amerika.
Was die Amerikaner wirklich brauchten, war nicht der Kaufrausch der Konsumenten, sondern ein Boom bei den Kapitalausgaben. Dieser wäre nötig gewesen, um in neue Fabriken zu investieren, in neue Industrieanlagen und neue Jobs. Die Stellen hätten den Verbrauchern zu echtem neuen Einkommen verholfen, von dem sie Güter und Dienstleistungen hätten kaufen können. Dadurch wäre die Expansion dann nachhaltiger ausgefallen. Aber die Bruttoinvestitionen, die sich in den Jahren vor der Reagan-Zeit auf durchschnittlich 18,8 % beliefen, sinken seit Reagan das Weiße Haus betreten hat. Bis 2004 waren sie auf 1,6 % gefallen – zeitweilig brachen sie bis auf unter Null ein. Die Leute gaben Geld aus, aber für den Konsum und nicht für die zukünftige Produktion. Die Gerätschaften und den Nippes, den man aus China kaufte, trieben die Amerikaner nur noch tiefer in die Schulden.
Weder bei den Stellen noch bei den Einkommen gab es Verbesserungen. Normalerweise würde man in dieser Phase einer Erholung (Juni 2005) damit rechnen, dass 10 Millionen neue Stellen entstanden wären. Genauso sind die Einkommen um 300 Milliarden Dollar weniger gestiegen, als sie hätten müssen, wenn man sich auf das Muster vorangegangener Erholungsphasen beruft.
Viele Volkswirte – darunter auch Alan Greenspan – blieben dabei: die fehlenden Stellen verweisen darauf, dass etwas Gutes im Gange ist. "Die Produktivität – und nicht das Outsourcing -", sagten sie, "liefert die Erklärung für die meisten der Stellenverluste."
"In der langen Reihe der amerikanischen Generationen und der Auf-und-Abs wirtschaftlicher Veränderung", erklärt der Maestro, "haben wir noch nie mit einem solchen Abzug von Stellen durch fortschrittliche Technologien oder durch andere Nationen zu tun gehabt." Könnte es sein, dass die Dinge diesmal anders liegen? Die Antwort darauf lautet "Ja", aber ich werde sie erst später geben. Hier ist mein Ziel bescheidener und der Beweis liegt deutlicher auf der Hand. Denn hier will ich nur behaupten, dass die führenden wirtschaftlichen und politischen Meinungsmacher in Amerika entweder schwachsinnig sind oder Betrüger.
Die großen Spitzen im Kreditzyklus scheinen zeitgleich mit den Tiefstwerten beim wirtschaftlichen Denken aufzutreten. Aus den obersten Etagen der Nation kommen die Erklärungen, Entschuldigungen, Begründungen und Aussprüche; ich weiß nicht, ob sie korrupt sind oder einfach nur dumm. Aber wenn die Wächter über die allgemeinen finanziellen Sitten anfangen, die Leute zu Taten der Rücksichtslosigkeit zu drängen, dann kann ich mir nicht helfen, es muss mir einfach ins Auge fallen. Kauft mehr, sagt ein Senator der Fed. Leiht mehr, sagt ein anderer.
Machen Sie sich wegen der Schulden, der Zinssätze und der fehlenden Arbeitsplätze keine Gedanken, sagt der Kapitän dieser Leute. Es ist so, als sei der Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz vor die Gemeinde getreten und hätte sie zum Partnertausch aufgefordert. Die Erfahrung ist vielleicht alles in allem nicht unerfreulich, aber es scheint unpassend, es aus den Mündern dieser Leute zu hören. "Raus mit euch, kauft euch einen Geländewagen", drängte der Senator Robert McTeer. Siebzehn Millionen Leute folgten seinem Aufruf in jedem Jahr zwischen 2001 und 2005.
Am 23. Februar 2004 drängte die Fed die Amerikaner von den festen Zinssätzen bei Hypothken zu den ARM-Hypotheken zu wechseln, deren Zinssätze sich anpassen lassen. Damit waren diese Menschen Anstiegen der Zinssätze deutlich stärker ausgesetzt. Und das zu exakt dem Zeitpunkt, zu dem die Fed begann, die Zinssätze anzuheben.
Wenn man irgendwen direkt und unmittelbar für das Rekordniveau der amerikanischen Verschuldung verantwortlich machen kann, dann ist es Alan Greenspan. Er hat den Kaufrausch und Kreditrausch ins Leben gerufen, indem er die Zinssätze auf das Niveau der Eisenhower-Ära gesenkt hat. Es hat ihm aber nicht gereicht, den Alkoholgehalt der Bowle zu erhöhen, er hat den Verbrauchern auch noch ein weiteres Glas aufgedrängt. Das ist irgendwann sogar der Presse aufgefallen.
"Im Grunde genommen verleiht Alan Greenspan das Geld mit Verlust", begann ein erstaunlicher Leitartikel im International Herald Tribune. "Das kann nicht unendlich lange so weiter gehen und es sollte auch nicht mehr viel länger so weiter gehen." Es hat die Unternehmensprofite steigen lassen und die Verbraucher dazu gebracht, ihre Hypotheken zu refinanzieren und ihnen den Weg in die vielfältigsten Arten der Verschuldung geebnet. Viele der Hausbesitzer und Verbraucher allgemein, leihen ohne Rücksicht auf Verluste, weil sie sich darauf verlassen, dass die Hauspreise auch weiterhin steigen werden und dadurch die leichten Kredite weiter verfügbar bleiben. Den Amerikanern droht vielleicht ein großer Schock, wenn der Immobilienmarkt wieder auf sein Normalmaß zurückkehrt und wenn Millionen von Menschen feststellen, dass die anpassbaren Zinssätze ihrer Hypotheken und Kredite auch nach oben hin angeglichen werden können.
Der Vorsitzende der Fed hat eine unheimliche Art mit Ideen immer dann anzukommen, wenn sie seiner Karriere am dienlichsten sind und für alle anderen die größte Gefahr bedeuten. Für Greenspan, den konservativen Wirtschaftler, sah der Aktienmarkt in den Neunzigern "unvernünftig überschwänglich" aus bis ein Mitglied des Kongresses ihn darauf hinwies, dass er besser dastünde, wenn er den Mund halten würde. Der einstige Goldbug der Siebziger ist heute einer der größten Vertreter des Papiergeldes. Genauso schienen die großen Defizite seiner Überzeugung zu widersprechen, bis es ihm gefiel, die Sache von einer anderen Seite zu betrachten. Das neue amerikanische Imperium brauchte Geld und fast unbegrenzten Kredit: Und Alan Greenspan stellte sicher, dass sie es kriegten.
Die Märkte bilden Meinungen, sagen die Investoren der alten Tage. Mr. Greenspans Meinung passt besonders gut zu den Märkten, die ihm zur Verfügung stehen. Nachdem sich Schulden und Defizite immer stärker anhäuften, unterzog sich Greenspan einer intellektuellen Metamorphose. Ein Artikel in der New York Times erklärt das:
"Viele der Mainstream-Ökonomen machen sich wegen dieser Trends Sorgen, aber Alan Greenspan, unzweifelhaft der mächtigste und einflussreichste Ökonom des Landes, ist nicht besorgt:"
"In seinen Reden und Aussagen, baut sich Mr. Greenspan eine Theorie über die Schulden zusammen, die weit von den traditionellen Ansichten abweicht und sogar von den Ängsten, denen er selbst in der Vergangenheit Ausdruck verlieh. In den Neunzigern flehte Greenspan Präsident Bill Clinton an, dass er die Haushaltdefizite senken sollte und er duldete stillschweigend Steueranhebungen, damit dies möglich wird. Heute bewegen sich die Defizite auf einen Rekordwert von 500 Milliarden Dollar zu und er warnt deutlicher vor den Gefahren steigender Steuern als vor den Knappheiten die in den nächsten Jahren anstehen."
"Mr. Greenspans Theorie, die nicht von allen traditionellen Wirtschaftlern akzeptiert wird, ist, dass zunehmender persönlicher Reichtum und Erfahrungen der Finanzmärkte dazu führten, dass die Amerikaner – individuell und als Nation – heute mehr Geld leihen können, als noch vor zwanzig Jahren tragbar schien."
Und an dieser Stelle berührt der Artikel das Thema Gold:
"Diese Sicht der Dinge ist für Präsident Bush eine gute Aussicht, wieder gewählt zu werden. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die kurzfristigen Zinssätze gering halten wird. Und sie könnte die Kritik von Seiten der Demokraten entschärfen, dass das Weiße Haus deutlich zu der Rekordverschuldung der Nation beigetragen hat."
Nur weil es ihm so gelegen kam und nicht, weil es seiner Ideologie entsprach, fing Greenspan an, viele gute Aspekte hinter allen Arten des Kredits zu erkennen. Seit er an der Spitze der Federal Reserve steht, ist die Verschuldung der durchschnittlichen Familie von 28.892 Dollar 1987 auf 101,386 Dollar 2005 gestiegen. Hypothekenaufkündigungen, Privatkonkurse und Kreditkartenbetrügereien sind stetig gestiegen und heute auf Rekordniveau. Hypothekenschulden stiegen während seiner Arbeitszeit bei der Fed um 6,2 Billionen. Im Januar 2005 hatten sie 8,5 Billionen Dollar erreicht, bzw. durchschnittlich ungefähr 80.849 Dollar pro Haushalt.