Über das Gefangensein in Glaubenssystemen...
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 23. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
Sie alle kennen sicherlich diese ganz gewisse Art von Geburtstagsfeiern. Man ist eingeladen und kennt üblicherweise kaum jemanden und früher oder später kommt dann in den sich ergebenden Gesprächen stets die Frage:
"Na, und was machst du beruflich?"
Nachdem ich diese Frage irgendwann nicht mehr hören konnte, beschloss ich, mir ein wenig Entertainment zu gönnen, und von nun an eine Art "psychologischen Test" mit meinem Gegenüber in solchen Situationen durchzuführen. Dies bietet sich bei mir natürlich sehr gut an, zeigt doch der Erfahrungswert, dass Mathematiker berufsbedingt wohl in breiten gesellschaftlichen Schichten vom Sex-Appeal sicher noch hinter grob übergewichtigen Schokoladentestern und Sachbearbeitern auf dem Finanzamt weit abgeschlagen stehen.
Die nächste Feier kam also und die ewige Frage fiel natürlich wieder:
"Und? Was machst du beruflich?"
Diesmal saß mir eine sehr hübsche Dame gegenüber, so dass ich als junger Single-Mann natürlich auf die Reaktion noch gespannter war. Ich wartete ein paar Sekunden, die Spannung stieg immer weiter, dann der übliche, gleich einem riesigen Bulldozer im Regenwald alles zerstörende Moment: "Ich bin Mathematiker". Hätte man versuchen wollen, die Situation zu beschreiben, dann wäre es wohl am besten, sich einen Luftballon vorzustellen, welcher lautlos in sich zusammenschlabbert und alle Luft innerhalb von einem Sekundenbruchteil verliert. Die Mundwinkel in dem bis gerade eben noch hübschen Gesicht mir gegenüber fielen wie Steine.
Nein, Mathematiker können nicht interessant sein. Insofern kam dann auch relativ schnell die Standardantwort "Oh, äh... Mathe mag ich ja gar nicht. Da war ich früher immer schlecht..." (Einfache Logik: Also mag ich dich sicher auch nicht weiter kennenlernen, wenn du das gut findest, was ich früher schon nicht gut fand. Hau besser ab. Als Mathematiker bist du bestimmt eh verrückt!).
STOP! Ich höre Sie schon fragen: "Herr Hahn, kommen Sie auf den Punkt! Was hat denn Ihr heutiges Geschreibsel überhaupt mit Börse zu tun? Ihre privaten Geschichten interessieren mich nicht!"
Nein, ich kann Sie beruhigen: Sie sind hier nicht in einen sinngemäßen Leserbrief an "Frau Dr. Sommer" (siehe ein bekannteres dt. Jugendmagazin) geraten, sondern ich erkläre Ihnen in einem Moment, worauf ich hinaus will.
Hierzu muss ich jedoch noch ein Wort zum besagten "psychologischen Test" loswerden.
Ein derartiger Test wäre nicht komplett ohne einen kleinen Gegentest...
Natürlich hatte ich schon bewusst damit gerechnet, dass der mit ernster Mine ausgesprochene Satz "Ich bin Mathematiker" die gewohnte abtörnende Wirkung entfalten würde. Nun wurde es jedoch Zeit für einen Gegentest. In einem Gespräch auf der gleichen Feier mit anderen Leuten fiel die gleiche Frage:
"Na, was machst du beruflich?"
Diesmal war meine Antwort anders: "Ich handele an der Börse, helfe anderen Leuten dabei, an der Börse Geld zu verdienen und bin u.a. Chefredakteur zweier unabhängiger Online-Finanzpublikationen bei einem größeren deutschen Verlag für Wirtschaftsinformationen."
Sofort entwickelte sich ein angeregtes und interessantes Gespräch, zu dem dann irgendwann auch die besagte Dame von vorher dazustieß. Sichtlich irritiert musste sie zur Kenntnis nehmen, dass ihre ersten Gedanken über "Mathematiker" rein überhaupt nicht mit manch einer Realität zusammenpassen wollten. Einen Zugang zum Gespräch fand sie jedoch nicht mehr wirklich und ging dann schnell wieder weg.
Was Ihnen dieser kleine Bericht aus meinem Privatleben über die Börse sagt
Das Problem der Dame ist relativ klar: Sie war, was Mathematiker betrifft, in einem Glaubenssystem gefangen und hatte eine vorgefertigte Meinung, ohne alle Tatsachen zu kennen. Statt diese Meinung zu hinterfragen, ließ sie sich von ihr steuern.
Wenn Sie sich einmal im Alltag umsehen, werden Sie sicher bei anderen Menschen und natürlich auch bei sich oft Situationen erkennen, in denen Sie instinktiv ähnlich reagieren. Das ist nur allzu menschlich und mit dem Problem kämpfe auch ich immer mal wieder.
Doch gerade dieser Mechanismus sorgt bei Anlegern an der Börse oft dafür, dass vorschnell zu falschen Entscheidungen gesprungen wird bzw. dass von Analysesicherheit ausgegangen wird, die es objektiv betrachtet in dem Fall gar nicht gibt.
Fallen die Märkte wirklich, nur weil der DAX fällt? Wer nichts von Marktinterna weiß, fühlt sich mit dieser "Prognosemethode" über Leitindizes schnell sicher, obwohl es gar keinen Grund dafür gibt.
Muss das Finanzsystem nicht bald zusammenbrechen bei all den Schulden? Kann doch gar nicht anders sein oder? Am besten schon mal den Supermarkt ausräumen...
Doch die Realität sieht anders aus: Wer weiß das schon, wann das System schmilzt bzw. ob es das überhaupt tun wird? Die einzig ehrliche Antwort ist, dass niemand das zu 100% timen bzw. vorhersagen kann und "Totgesagte" oftmals die Angewohnheit haben, viel länger zu leben als erwartet.
Die Liste derartiger, möglicher Fragen ist lang und zieht sich vom Grundprinzip her sicher durch den Alltag von nahezu jedem Menschen.
Was ich Ihnen heute einfach anhand eines Alltagsbeispiels zeigen wollte ist, dass Sie den Finanzmärkten stets offen und ohne 100%-ig feste Meinung begegnen sollten, denn die Situation dort kann sich stets ändern und es können sich stets neue Facetten zeigen, die Sie bisher wahrscheinlich so nicht kannten und nicht wahrgenommen haben (sei es, dass eine Firma plötzlich Zahlen herausbringt, die Sie überraschen, oder was auch immer). So hübsch die Dame aus meinem Beispiel auch gewesen sein mag. Ich gehe jede Wette ein, dass sie eine katastrophale Traderin wäre.
Wer tradet, um Recht zu haben oder Selbstbestätigung zu finden, oder sich von seinen vorgefassten Meinungen leiten lässt, landet früher oder später im Armenhaus (Beliebtes Warnzeichen sind Gedanken / Formulierungen wie "Der Markt muss doch jetzt aber mal fallen / steigen...". Bei solchen Gedanken im Kopf sollte jeder Anleger sofort vorsichtig sein.)
Sie sollten daher niemals mit fester Meinung handeln. Bleiben Sie stets geistig höchst flexibel.
Das mag sich nach leerem Gerede anhören, ist es aber nicht. Sie würden wahrscheinlich gar nicht glauben, wie viel Leergeld eben genau aufgrund dieser menschlichen Eigenart (Stichwort "Glaubenssysteme") jeden Tag an der Börse gezahlt wird.
Beste Grüße
P.S:
Eine sehr erwartungsoffene Grundhaltung, die man durch die Börse lernen kann, kann natürlich auch außerhalb der Finanzmärkte große Schätze aller Art mit sich bringen, besonders im zwischenmenschlichen Bereich...
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Achim Tippe Kümmerl (31.03. 2010 00:47 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, auch für Mathematiker sollten die Rechtschreibregeln gelten, auch wenn man bei Verletzungen derselben nicht wie an der Börse Lehrgeld zahlen muß. Leergeld ist aber auch ein netter Verschreiber. Könnte von Freud sein. Ein aufmerksamer und wertschätzender Leser Ihrer Zeilen. Gruß aus Nürnberg ATK
Antworten- Antwort von Alexander Hahn (31.03. 2010 12:20 Uhr):
Sehr geehrter Herr Kümmerl, das mag wie ein Rechtschreibfehler aussehen, ist aber keiner! Viel mehr war mein Hintergedanke, dass es sich bei den beschriebenen Verhaltensweisen um eine Art charakterlich bedingte Endlosschleife handelt, die immer wieder Verluste beschert, da die Betroffenen in den allerwenigsten Fällen erkennen, dass sie selbst das Problem sind. In diesem Sinne kann kein Lerneffekt durch die Börse eintreten, also spreche ich auch nicht von Lehrgeld sondern eben von Leergeld. Natürlich dennoch vielen Dank für das aufmerksame Lesen der Zeilen! :-) Beste Grüße Alexander Hahn
- Antwort von Alexander Hahn (31.03. 2010 12:20 Uhr):